Gedanken zu: „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“

Eine heiße Debatte

Grundsätzlich ist eine Diskussion nie verkehrt. Doch auf diesem Blog habe ich immer wieder thematisiert, wie bestimmte gesellschaftliche Diskurse mit ungesunder Dynamik vorangetrieben werden oder aus einer gewissen kollektiven Hysterie heraus meiner Ansicht nach fehlgehen. Eine dieser Diskussionen möchte ich in diesem Beitrag thematisieren und der zu Grunde liegenden Problematik ein Stück weit auf die Spur gehen.

Im Rahmen der EM haben die Regenbogenfarben, die für Frieden und Eintracht stehen, plötzlich für großen Wirbel gesorgt. Da ich in letzter Zeit auf Grund meiner Abschlussarbeit sehr eingebunden war, habe ich den Diskurs kaum verfolgt. Jedenfalls wurde aus der Armbinde des deutschen Keepers schließlich eine hitzige Debatte, die für mich persönlich absurd erscheint. Aber das ist nur meine Wahrnehmung.

Nichtsdestotrotz scheint dieses Thema offensichtlich die Massen zu bewegen. Darum möchte ich in diesem Beitrag ein paar Gedanken zum Thema „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ loswerden. Lange Zeit habe ich diesen Themenkomplex gemieden, weil mir die Diskursdynamik rund um die Fragen zu Geschlechtergerechtigkeit, Freiheit der sexuellen Orientierung, Feminismus und „dem Patriachat“ viel zu emotional erscheint.

Allerdings scheint der Zeitgeist von diesen Themen vollständig eingenommen zu sein, sodass es sich kaum vermeiden lässt, dazu einige Wort zu formulieren. In diesem Beitrag möchte meine Gedanken zu den Begriffen „männlich“ und „weiblich“ erläutern und daraus ableiten, welche Aspekte der Geschlechter-Debatte nachvollziehbar und welche durch ein aus meiner Sicht unvollständiges oder (teil-)widersprüchliches Weltbild entstanden sind. Dieser Beitrag kann keineswegs der Komplexität und der Vielfalt dieses Themas gerecht werden, darum werden inhaltliche Sprünge kaum zu vermeiden sein.

Eine alternative Perspektive

Vorweg sei gesagt: ich achte und respektiere grundsätzlich jeden Menschen, egal welche Lebensweise er für sich persönlich gestaltet oder welche Bezeichnung er sich selbst verleiht. Solange jede Person im Rahmen ihrer persönlichen Freiheit agiert und keine andere Person in ihrer Würde verletzt, kann dieser Mensch an alles glauben, alles denken und alles machen, was er möchte. Sind die Gedanken und Taten darüber hinaus noch kreativ und gemeinnützig, so genießt diese Person meinen Respekt.

Allerdings muss keine Handlung in irgendeiner Form zwingend „nützlich“ im praktischen Sinne sein, auch „sinn-“ oder „nutzlose“ Dinge haben ihre Berechtigung, solange daraus kein Schaden entsteht. Selbstredend gibt es dabei Graubereiche und gewisse moralische Fragestellungen, die diskutiert werden sollten . Aber prinzipiell stehe ich für die Freiheit der oder des Einzelnen.

Nachdem dies gesagt ist, möchte ich die Herangehensweise an das Thema „Männlichkeit und Weiblichkeit“ erläutern. Wie stets versuche ich neue Gedanken und eine alternative Perspektive auf die behandelten Themen zu vermitteln. Dies heißt nicht, dass ich die bestehenden Standpunkte in irgendeiner Form ablehne oder aber gutheiße. Ganz im Sinne des Titels dieses Blogs ist es meine Anliegen, Ursachenforschung an den Punkten zu betreiben, wo aus meiner Sicht Symptomdebatten geführt werden.

Die Genderfrage ist meines Erachtens eine solche Symptomdebatte, wenngleich man bei der Frage des menschlichen Geschlechts  schon sehr nah an dem ist, was das menschliche Wesen ausmacht – aber eben nur nah.

Eine Frage des Weltbilds

Ich habe bereits des Öfteren die vorherrschende materialistische Weltsicht thematisiert, die den Menschen als von der Natur unabhängig und rein biochemisches Gebilde betrachtet, das von elektrischen Impulse gesteuert wird. Das materialistische Weltbild reduziert den Menschen auf seinen Körper, seine Instinkte und seine zerebralen Funktionen. Die geistige Seite, das, was in verschiedenen Kulturen Geist, Seele, Atman, Odem, Essenz, etc. genannt wird, hat darin kaum einen Platz.

In diesem materialistischen Weltbild ergibt die Debatte rund um die Geschlechter durchaus einen gewissen Sinn und ist nachvollziehbarerweise sehr hitzig. Auch unter Einbezug der geistigen Seite gibt es Punkte, die diskussionswürdig und diskussionsbedürftig sind. Es ist unter aufgeklärten Menschen wohl Konsens, dass wir noch nicht das erreicht haben, was man Gleichwertigkeit zwischen den Geschlechtern nennen kann, aber wir sind auf einem guten Weg.

Bewegt man sich im materialistischen Weltbild, so sind die Begrifflichkeiten „männlich“ und „weiblich“ zunächst mit dem biologisch-sexuellen Aspekt verknüpft. Die übermaterielle  Sicht auf die Begriffe führt uns zum psychischen Geschlecht der oder des Einzelnen. Erweitert man schließlich die Perspektive vom Individuum auf die Gesellschaft so tritt der Aspekt des sozialen Geschlechts hinzu, der sich auf stereotype Rollen und davon abgeleiteten erwarteten Handlungsweisen bezieht. Hierin ist bereits eine Verknüpfung zwischen biologischem und psychischem Geschlecht zu sehen.

In diesem Beitrag möchte ich eine weitere Perspektive ins Spiel bringen: die Spirituelle. Auch im Bereich, der den Menschen als übergeordnete Ebene umfängt, lassen sich die Begriffe „männlich“ und „weiblich“ anwenden. Diese Ebene ist meiner Auffassung nach weitestgehend von den anderen Ebenen getrennt zu betrachten. Bei meiner Beobachtung des Genderdiskurses fällt mir immer wieder auf, wie die verschiedenen Perspektiven „Biologie“, „Soziologie“, „Psychologie“ und implizit auch die „Spiritualität“ durcheinandergewürfelt werden, woraus sich dann Missverständnisse, Vorurteile, Hass, Ablehnung und Ideologisierungen entwickeln.

 Es sind doch „nur Wörter“

Betrachten wir also den Genderdiskurs genauer. Als Sprachwissenschaftler ist es naheliegend, sich diesem Diskurs auf der begrifflichen Ebene anzunähern. Zunächst sind die Begriffe „männlich“ und „weiblich“ einfach „nur Wörter“. Man könnte dieses Begriffspaar auch durch „a“ und „b“, „x“ und „y“, „Eins“ und „Null“ oder was auch immer ersetzen. Im Folgenden möchte ich aber ausführen, weshalb die Begriffe „weiblich“ und „männlich“ aber sinnvoll sind.

Für mich persönlich ist der Mensch ganz im Sinne Goethes untrennbarer Teil der Natur, unfähig aus ihr herauszutreten. Die Begriffe „männlich“ und „weiblich“ können sowohl unmittelbar auf den Menschen als auch auf viele andere Bereich der Natur angewendet werden. Aus meiner Sicht ist es kein Zufall, dass es meines Wissens nach bei keinem Lebewesen irgendwo ein eigenes drittes Geschlecht gibt, stets sind es zwei oder eben gar keines. Die Dualität ist eine Konstante, die sich durch die Natur hindurchzieht und so den Menschen unweigerlich mit einschließt.

Die Dualität spiegelt sich mit den Begriffen „männlich“ und „weiblich“ selbstredend am naheliegendsten in den biologischen Geschlechtern des Menschen und aller mir bekannten Lebewesen wider. Es gibt zwar Lebewesen, die gewisse Phasen haben, in denen sie ihr biologisches Geschlecht wechseln oder gar keines aufweisen, weil sie sich einfach klonen. Aber nirgends existiert eine Dreiecksbeziehung hinsichtlich der Geschlechtlichkeit, die für den Akt der Fortpflanzung eine Rolle spielt.

Die Dualität, die in den Begriffen „männlich“ und „weiblich“ ausgedrückt werden kann, findet sich aus meiner Sicht aber auch auf anderen Ebenen. Die Gendertheorie trennt beim Menschen schließlich ebenfalls zwischen biologischem, sozialem, psychischem Geschlecht. Dies ist meines Erachtens eine nützliche Unterscheidung, um komplexe menschliche Gesellschaftsstrukturen zu beschreiben. Ich würde hier sogar noch eine vierte Dimension hinzufügen: die spirituelle Geschlechtlichkeit.

Engel

Die vierte Dimension

Die spirituelle Geschlechtlichkeit drückt sich für mich in verschiedenen universalen Prinzipien aus. Da wären beispielsweise die Prinzipien „Veränderung“ und „Bewahrung“, die wir heute eher mit den Begriffen „progressiv“ und „konservativ“ ausdrücken. Man könnte diese duale Beziehung aber ebenfalls mit den Begriffen „männlich“ und „weiblich“ besetzen: das „männliche Prinzip“ entspricht für mich der „Veränderung“ und das „weibliche Prinzip“ entspricht für mich der „Bewahrung“.

Man könnte nun einwenden, diese Begriffszuordnung sei völlig willkürlich. Darum will ich kurz erläutern, wie ich zu dieser Feststellung komme:
Ich bin ein großer Fan von Mythologien aller Art. In einer der griechisch-römischen Schöpfungsgeschichten heißt es, Gaia, die personifizierte Erde und zugleich das weibliche Prinzip, sei aus dem Urchaos hervorgegangen und fügte die Energien in geordnete Bahnen. Uranos, der personifizierte Himmel und zugleich das männliche Prinzip, habe Gaia dann befruchtet, woraufhin Leben auf dem Antlitz Gaias entstand – die ersten Titanen. Gaia ist die Bewahrerin des Lebens und Uranos der Veränderer, der dem fruchtbaren Potential Gaias eine Form gibt, indem Lebewesen entstehen.

In dieser Geschichte sind beide Kräfte im Einklang und erschaffen gemeinsam das, was wir als unsere Welt kennen. Gaia, die behütende Mutter, trägt Früchte und nährt uns. Uranos entfaltet sein bewachendes Himmelszelt über uns, bringt uns Regen, Sonne und Inspiration, verändert also die Gegebenheiten auf der Erde ständig.

In diesem Sinne ließen sich viele weitere Aspekte finden, die wir in Dualität aufgespalten mit den Begriffen „männlich“ und „weiblich“ belegen könnten:

Beispielsweise gibt es die dualen Beziehungen

„Heilung“ und „Zerstörung“ ♂,
„Stillstand“  und „Bewegung“ ,
„Weisheit“
und „Intuition“

und viele weitere, die sich alle mehr oder weniger aus der Analogie der griechisch-römischen Kosmologie ableiten lassen. 

Bevor sich an dieser Stelle die ersten Missverständnisse festmauern: ebenso, wie gemäß der Gendertheorie das psychische Geschlecht nicht analog zum biologischen Geschlecht zu sehen ist, so ist auch die spirituelle Geschlechtlichkeit, die sich in diesen Prinzipien äußert, vom biologischen, sozialen oder psychischen Geschlecht getrennt zu betrachten, wenngleich alle Ebenen natürlich im Menschen vereint sind und damit in gewisser Wechselwirkung zueinander stehen.

Diese Prinzipien, die ich hier exemplarisch aufgeführt habe, vereinen zwei sich ergänzende Energien, die überhaupt nichts mit den biologischen Begriffen „männlich“ und „weiblich“ zu tun haben. Männer wie Frauen können in unterschiedlichem Maße „männliche“ wie „weibliche“ Energien in sich vereinen. Ich bin sogar der festen Überzeugung, dass sowohl Männer als auch Frauen und alle Menschen dazwischen stets beide Formen der spirituellen Energien in sich vereinen. Das erklärte Ziel sollte nach meinem Dafürhalten sein, die „männlichen“ und „weiblichen“ Energien spirituell in einen Ausgleich zu bringen.

Dieses Ausgleichsbestreben findet ständig statt. Haben beispielsweise biologisch geborene Männer enorm viel weibliche Energien in sich, kann daraus die Überzeugung entstehen, sie müssten nun auch zu biologischen Frauen werden, weil sie die vier Dimensionen der Geschlechtlichkeit ineinander verschränken. Genauso ist es bei Frauen, die sehr viele Eigenschaften haben, die wir den männlichen Prinzipien zuordnen. Wir verwechseln aus meiner Sicht diese universellen Energien mit psychischen oder sozialen Dynamiken, da diese „spirituelle Ebene“ vielen Menschen kein Begriff ist.

Besonders kompliziert wird es natürlich, wenn es auf der biologischen Ebene zu dem kommt, was man „Intersexualität“ nennt. Hierbei kann es auf der Oberfläche zur Ausbildung der männlichen als auch der weiblichen Geschlechtsorgane kommen. Dies erleichtert selbstverständlich nicht die Orientierung in der Geschlechterfrage, weil auf der biologischen Ebene eine Uneindeutigkeit besteht, die sich unweigerlich auf die psychische Geschlechtlichkeit auswirkt.

Dazu kommen dann soziale Geschlechterrollen, die Menschengruppen auf Grund bestimmter sozio-kulturell-historischer Entwicklungen hegen. In diesen Rollen kommt es aus meiner Sicht häufig zu einer sehr simplen Gleichsetzung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht, was unter Ausblendung des spirituellen Aspekts zu gesellschaftlicher Unterdrückung des Individuums  führt, obwohl viele Gesellschaften auf der Welt vorgeblich sehr religiös geprägt sind – viele würden an dieser Stelle vermutlich einwenden: „Wieso obwohl? Genau deswegen!

Kreis aus religiösen Symbolen

Der Mensch, ein Tier?

Ich sehe in der Genderdebatte und die Kontroversen, die sie hervorruft, das Ergebnis eines fundamentalen Missverständnis. Der moderne westliche Zentraleuropäer – insbesondere in Deutschland – leidet aus meiner Sicht an einem nicht aufzulösenden Widerspruch. Einerseits leben wir in einer darwinistisch-materialistisch geprägten Gesellschaft, die die Naturwissenschaften zur neuen Religion erhoben hat. Gleichzeitig läuft die neue Generation Sturm, wenn Kritikerinnen und Kritiker der Genderideologie mit naturwissenschaftlichen Argumenten in einer folgerichtigen materialistischen Betrachtung die biologisch-geschlechtliche Einteilung in männlich und weiblich als naturgegebene Ordnung anführen.

Wir versuchen derzeit, die herkömmlichen Vorstellung des Geschlechterbegriffs auf der biologischen Ebene wegzudiskutieren, indem beispielsweise akribisch versucht wird, gewisse Phänomene des Tierreichs für die Argumentation der „natürlichen“ Transsexualität bei Menschen nutzbar zu machen. Das Phänomen der Intersexualität ist aber noch kein Beweis für die Existenz zahlreicher Zwischengeschlechter. 

Der Mensch ist biologisch betrachtet natürlich ein Säugetier. In der materialistischen Weltsicht sind wir Zweibeiner von höherer Intelligenz. Aus meiner Sicht sind wir aber durchaus mehr als nur unser Körper. Der uns allen innenwohnende Kern, unser Wesen, ist neutral und nicht in Geschlechterbegriffen einzuordnen. Diese übergeordnete Ebene bildet für mich die Brücke, um genau die Lücke zu schließen, die uns das „gefühlte“ Geschlecht erklären. Es sind die männlichen und weiblichen Energien in uns allen, die sich in ihrer Kraft im Laufe unseres Lebens auch wandeln können. Diese Energien, die als Charakterzüge der einzelnen Menschen wahrgenommen werden können, werden dann mit unserem „Wesen“ gleichgesetzt, weil wir unser wahres Wesen verkennen.

Die Kunst besteht meines Erachtens darin, die eigene biologische Hülle mit all ihren Eigenheiten anzunehmen und zu akzeptieren, zugleich aber die inneren Energien nicht von dieser Hülle abhängig zu machen und anders herum. Im Klartext: Die Nutzung von Männer- und Frauen-WCs bezieht sich auf den biologischen Aspekt des Ausscheidens von Körpersäften. Hierbei unterscheiden sich biologische Männer und Frauen durchaus voneinander. Darum ergibt es aus biologischer Sicht Sinn, die Räumlichkeiten dafür anzupassen.

Wenn nun aber das psychische Geschlecht diametral zum biologischen Geschlecht steht, dann hat dies aus meiner Sicht wenig bis keine Implikation auf das Ausscheiden von Körpersäften, weshalb die Benutzung der WCs des anderen biologischen Geschlechts aus meiner Sicht keinen Sinn ergibt. Es ist lediglich oberflächlicher Ausdruck der Verschränkung von psychologischem, biologischem und sozialem Geschlecht:

„Das soziale Geschlecht entspringt eh nur aus Vorurteilen und altbackenen Normen. Mein psychologisches Geschlecht steht über meinem biologischen Geschlecht, darum will ich nun meinen Mitmenschen zeigen, dass ihr Bild meines sozialen Geschlechts fehlerhaft ist.“

Dieser fiktive Gedankengang findet in der Form bestimmt nicht so und bestimmt nicht oft statt. Dennoch muss der Zuwiderhandlung sozialer Normen ein durchaus bewusster Gedankenprozess vorangegangen sein, da es wohl absolut naheliegt, damit einen gewissen oder gar erheblichen Anstoß bei weniger „woken“ Menschen zu erregen. Ich kann natürlich verstehen, dass die Psychische stark ist und man sich nicht immer rein rational verhält, obwohl unsere Gesellschaft sich damit rühmt, wissenschaftlich, rational und aufgeklärt zu sein.

Was können wir also tun, um dieses Spannungsfeld zu beheben. Wie können wir den anstehenden Wandel, der unweigerlich vor sich geht, in gesunde Bahnen zu lenken?

„Wandel“ ist nicht immer „Fortschritt“

Die Menschheit befindet sich in stetem Wandel. Immer wieder finden wir archäologische Hinweise auf noch ältere Menschenwesen, die unser nach wie vor von Darwin dominiertes Evolutionsmodell weiter destabilisieren. Neben der Veränderung auf rein materieller also auf körperlicher Ebene, verändern wir uns auch geistig. Nicht immer bedeutet Veränderung dabei auch Fortschritt und nicht alles, was neu ist, ist heilvoll. Dennoch haben wir gewisse Schritte getan, die uns unsere derzeitige Gesellschaft ermöglicht haben.

Für bestimmte Neuerung wie die Abschaffung der Sklaverei in den USA wurden blutige Kriege geführt. Die schrittweise Gleichberechtigung von Mann und Frau kostet auch hierzulande nach wie vor viel Kraft und Engagement. Allerdings sollte man aus meiner Sicht genau darauf achten, worauf man seine Energie konzentriert. Das Ziel ist angeblich ja eine Gemeinschaft aus gleichberechtigten Individuen.

Jede didaktisch geschulte Person würde raten, nicht in eine unnachgiebige Konfrontationshaltung zu verfallen, sondern kompromissbereit und lösungsorientiert zu kommunizieren, wenn tatsächlich ein gemeinschaftlicher Konsens angestrebt wird.

Die Bruchlinie zwischen den Meinungen, die unter anderem durch die Diskussion rund um die Regenbogenfarben weiter vertieft wird, scheint sich jedoch durch immer mehr Bereiche des sozialen Miteinanders zu ziehen. Was vor Jahrzehnten mit dem Kampf für die Gleichberechtigung von Frau und Mann begonnen hat, entwickelt sich derzeit zu einer neuen sozialen Spaltung, in der das eine Lager dem anderen Lager vorschreiben möchte, was es über das Thema „Geschlechtlichkeit“ zu denken hat, wie darüber zu reden ist und welche Schreibkonventionen dabei zu beachten sind.

Ich sehe darin eher einen Rückschritt von einer für Frauen glücklicherweise zunehmend liberalisierten zu einer neuen ideologisch geformten repressiven Gesellschaft, in der Frauen zwar vorgeblich mehr geachtet, zugleich aber Menschen mit vorgeblich „veralteten“ Vorstellungen sofort an den sozialen Pranger gestellt werden. Dies ist für mich zwar Ausdruck von gesellschaftlichem Wandel, aber nicht zwangsläufig ein Fortschritt. Ist es wirklich notwendig, eine soziale Innovation auf der einen Seite mit einer neuen Stigmatisierung auf der anderen Seite zu erkaufen?

Menschen - Sillhouetten

Wege zur Heilung

Die Geschlechter-Problematik ist, wie aus diesem Beitrag hervorgegangen sein sollte, vielschichtig. Als menschliche Gesellschaft sollte es jedoch unsere vornehmlichste Aufgabe sein, einen gemeinsamen Weg zu finden. Die Erkenntnis, erhöhtes Bewusstsein für das Individuum und seine oder ihre ganz spezifischen Bedürfnisse anzustreben, ist grundsätzlich gut.

Wie geht man aber mit denjenigen um, die nicht bereit oder nicht willens sind, gewisse Neuerungen anzunehmen oder gutzuheißen? Die oberste Leitlinie in einer Auseinandersetzung sollte die Berücksichtigung derjenigen sein, die unter gewissen Zuständen und Entwicklungen Leid verspüren. Dieses Leid kann durch Bevormundung derjenigen entstehen, deren bisherige Ansichten zu bestimmten Themen plötzlich als verwerflich oder schädlich bezeichnet werden.

Dieses Leid ist genauso Teil der gesellschaftlichen Dynamik, wie es die Leiden derjenigen sind, die sich auf Grund der bisherigen Verhältnisse benachteiligt fühlen. Keine der beiden Sichtweisen auf diese gesellschaftlichen Vorgänge ist den anderen gegenüber untergeordnet, da die Aufhebung der einen Ungleichbehandlung nicht mit einer neuen Ungleichbehandlung ersetzt werden sollte. So verschieben wir die Problematik von der einen zur anderen Seite ohne sie zu bereinigen.

Ist es notwendig, nun zahlreiche Generationskonflikte anzuheizen, in der unsere Elterngeneration auf Grund ihrer Vorstellung von „Mann“ und „Frau“, die in Teilen ohne Zweifel reformbedürftig ist, stigmatisiert wird, weil sie nicht korrekt „gendern“ oder sich mit althergebrachten Sprichwörtern des „Rassismus“ schuldig machen, nur um „Gerechtigkeit“ zu erfechten? Ist es richtig, alte Vorurteile durch neue Feindbilder zu ersetzen? Müssen wir als Gesellschaft, um das Bild der Hausfrau und des Feuerwehrmannes aufzulösen, nun den „alten weißen Mann“ an den Pranger stellen? Ich sage: Nein! Aber was können wir tun?

Aus meiner Sicht besteht ein grundlegender Schritt zur Bereinigung der Problematik in der Erkenntnis der vierten Geschlechterdimension, die ich oben erläutert habe. Dabei spielt die Erkenntnis des Wesens des Menschen eine zentrale Rolle. Das Wesen des Menschen ist geschlechterneutral, denn der Geist ist universal und einheitlich. Der Buddhismus lehrt beispielsweise, die Dualität, die ich anhand verschiedener Beispiele oben aufgezeigt habe, völlig aufzulösen, um die anscheinende Getrenntheit aller Dinge als Verblendung des Geistes zu erkennen.

Erkennen wir die Getrenntheit der Dinge als mentale Konstruktionen, dann müssen wir nicht statt einer binären Geschlechtlichkeit eine Vielzahl an neuen Grenzen ziehen, in der sich dann jede und jeder eine eigene kleine Schublade suchen kann. Lasst uns stattdessen vollständig von diesem Schubladendenken loskommen. Das Schubladendenken wird nicht aufgelöst, indem wir einfach ganz viele neue und modern klingende Schubladen erzeugen. Das ist zwar eine Veränderung, aber keine Bereinigung von Grenzen und damit von Ausgrenzung. Wir vermehren einfach nur die mentalen Barrieren, die die Menschheit von einer Gesamtheit zu einzelnen getrennt vor sich hin lebenden Individuen macht.

Kämpfer

Wichtige Schritte zur Einheit werden glücklicherweise bereits akribisch diskutiert, wie die Gleichheit der Löhne bei gleicher Arbeitsleistung oder die gleichen Zugangsvoraussetzungen für Frauen und Männer zu bestimmten Bereichen der Gesellschaft. Diese Diskussionen sind ebenfalls sehr wichtig und richtig.

Erneut sind es lediglich grundlegende Prämissen, die meiner Meinung nach überdacht werden sollten, bevor wir uns in Detailfragen stürzen, die auf so vielen Ebenen zu unvereinbar scheinenden Ansichten führen. Bevor wir also verschiedene Gefechte gleichzeitig führen, um die Gesellschaft gewaltsam umzuformen, sollten wir das Individuum stärken, indem wir jeder und jedem Einzelnen Verständnis und Bestärkung zusprechen.

Diese Bestärkung besteht aus meiner Sicht in der Akzeptanz der eigenen Person – körperlich, seelisch, wie geistig. Man kann durchaus ein biologischer Mann sein, sich aber sehr weiblich fühlen und zugleich viele Eigenschaften haben, die weiblichen Prinzipien entsprechen und sich von männlichen Personen angezogen fühlen.

Allerdings sollte man sein eigenes Wohlbefinden nicht davon abhängig machen, dass jede andere Person dies genauso sehen muss, wie man selbst. Anderen also per Gesetz vorzuschreiben, dich beispielsweise „Frau“ zu nennen, obwohl man auf der biologischen Ebene „Mann“ ist, halte ich für problematisch, weil dies in die Freiheit der anderen Person eingreift. Ob man sich darüber hinaus zwangsläufig chirurgisch verändern muss, um die verschiedenen Geschlechterebenen gewaltsam zu synchronisieren, sehe ich ebenfalls kritisch, obwohl natürlich jede und jeder mit sich selbst machen kann, was er oder sie will.

Gleiches gilt für Kleidung: Fühlt eine Frau sich unwohl in dem, was gesellschaftlich gesehen als „weibliche“ Kleidung gilt, dann soll sie gerne „männliche“ Kleidung tragen. Aber beispielsweise uneingeschränkte Akzeptanz zu fordern, dass jede andere Person dich dann auch als „Mann“ ansprechen muss, greift wiederum in die Freiheit der anderen ein.

Ich persönlich würde natürlich, wenn eine Frau mich freundlich dazu auffordert, sie als Mann zu akzeptieren, aus Höflichkeit dieser Aufforderung entgegen kommen. Dies kann aber nicht aus Prinzip von jedem anderen Menschen ebenfalls erwartet werden. Anderen Menschen dann auch noch vorzuschreiben, wie sie zu sprechen und schreiben hätten, verletzt meines Erachtens noch viel mehr persönliche Freiheiten und die Würde der anderen Person. Somit wird aus einer vorgeblichen Liberalisierung der Gesellschaft wieder eine Repression der persönlichen Entfaltung.

Es ist die fehlende Akzeptanz der eigenen Person, die ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, das sowohl Frau, als auch Mann und alle Menschen diverser Geschlechter betrifft. Jeder Mensch sollte sich weitestgehend unabhängig von dem Verhalten der anderen machen und nicht jede unangenehme Äußerung sofort persönlich nehmen. Denn wenn wir in jedem Gespräch eine potentielle Anfeindung sehen, erzeugen wir Feinbilder und Vorteile, obwohl wir ja eigentlich daran arbeiten wollen, diese zu beseitigen.

Wollen wir Akzeptanz, so sollten wir Akzeptanz vorleben. Wollen wir Verständnis, so sollten wir lernen, zu verstehen. Wollen wir Respekt, so sollten wir lernen, zu respektieren.

Überwinden wir gemeinsam die Spaltung, die erneut die Gesellschaft in einer neuen Form bedroht!

Lasst uns Gleichwertigkeit nicht mit Gleichartigkeit verwechseln!

Lasst uns über Gemeinsamkeiten reden, nicht über Verschiedenheiten!

Leben und leben lassen – arbeiten wir am gesamtgesellschaftlichen Frieden!

Lasst uns von der Konfrontation wegkommen. Beendet die Grabenkämpfe.

Kampf erzeugt Widerstand – Widerstand erzeugt Kampf.
Nur Frieden erzeugt Frieden.

Peace-Symbol


von Marco Lo Voi

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