Das Erbe der Aufklärung – Wie „aufgeklärt“ sind wir wirklich?

Das Zeitalter der Aufklärung – Ein historischer Umbruch

Noch heute rühmt sich der Westen, das fortschrittliche Abendland, mit dem historischen Umbruch, der als „Aufklärung“ bezeichnet wird. In diesem Beitrag möchte ich kurz  die wesentlichen Züge dieser historischen Epoche nachzeichnen und anschließend die Frage stellen, ob das Abendland – beziehungsweise vor allem Deutschland – diesem Erbe noch gerecht wird.

Welche Veränderungen fanden statt? Welches Echo hat dieser neue Urknall der Vernunft erzeugt? Welche Prinzipien werden bis heute geehrt? Und welche Errungenschaften werden heute missbraucht oder schlicht missverstanden? Dieser Beitrag möchte versuchen, darauf auf eine Antwort zu finden.

Kurze historische Einordung

Sicherlich, das entscheidende Datum ist die Französische Revolution von 1789. Doch eine Revolution entsteht nicht von jetzt auf gleich. Zuvor muss ein ganz bestimmtes Klima die Gesellschaft prägen, um solche Energien entstehen zu lassen. Was war geschehen?

Aus meiner Sicht ist es eine unzulässige Verkürzung, wenn man sagt, der Mensch hätte sich aus den Fesseln der Religion befreit und wäre somit zur Vernunft gelangt. Vielmehr war die Religion für die Mächtigen des Mittelalters (ca. 13. Jh.)  bis zur frühen Neuzeit (ca. 16. Jh.) ein Mittel zur Legitimation ihres Herrschaftsanspruchs. Sie haben das mächtige Instrument der Religion zu ihren Machtzwecken missbraucht.

Dies war eine Zeit, in der das Erbe der Antike mit ihren großen griechischen und später mit ihren römischen Denkern und Neuerern soweit in Vergessenheit geraten war, dass der einfache Mensch nicht mehr viel mit den philosophischen Lehren eines Sokrates oder Platon anzufangen wusste und deren Ideen teilweise in klerikalen Gottestheorien aufgegangen sind und darin verwässert wurden. Die Bildung war zur Zeit des Mittelalters fest in den Händen des Klerus, der sich das blendende Kleid der Religion überwarf, um viele machtgetriebene oder übereifrige Taten mit der christlichen Heilsgeschichte zu rechtfertigen.

Beispielsweise führte die Kreuzzugsbegeisterung so weit, dass selbst zahlreiche Kinder sich aufmachten, um einzig mit ihrem Glauben als Waffe in das Morgenland zu reisen, um die dortigen Heiden zu bekehren. Eine derartige Manipulation und ein solch schändlicher Missbrauch lässt sich aus meiner Sicht nur schwerlich mit christlichen Idealen vereinen.

Diese Perversion des Machtmissbrauchs, der obszöne Reichtum, die Unterdrückung der arbeitenden Bevölkerung durch das Feudalsystem und das Bekämpfen des wissenschaftlichen Fortschritts waren die Triebkräfte, die eine breite Unzufriedenheit erzeugten, die sich schließlich in großen Kriegen und Revolutionen blutig offenbarte. Aus meiner Sicht war es vor allem eine gesellschaftliche Umwälzung, die sich auf Grund der enormen Ungleichheit, – der sogenannten „Schere zwischen Arm und Reich“ – der Zügellosigkeit und der Loslösung der herrschenden Klasse von der gesellschaftlichen Realität zwangsläufig vollziehen musste.

Während in England diese Umstände bereits 1649 und in Frankreich 1789 zu einem fundamentalen Umbruch führte, fand die gleiche bürgerliche Revolution in Deutschland erst im Jahre 1848 statt (Quelle: 1).

Das erstarkende Bürgertum

Zur Zeit des Mittelalters sprach man vereinfacht von der Ständegesellschaft, die sich mit dem indischen Kastensystem vergleichen lässt. Dieses pyramidal organisierte Gesellschaftssystem wurde von den kirchlichen Machthabern, dem Klerus, beherrscht (1. Stand). Von dessen Gnaden über den Rest des Volkes erhoben war der Adel, der sich aus der Ritterschaft, also den Waffenträgern und den herrschenden Landbesitzern zusammensetzte (2. Stand). Zuunterst war die arbeitende Bevölkerung angesiedelt, die auf dem Land häufig als Leibeigene (Bauern) oder als freie Bürger in den immer stärker an Bedeutung gewinnenden Städten arbeiteten (3. Stand).

In Deutschland versuchten die Bauern 1525 in einem verzweifelten Feldzug, die Fesseln ihrer Knechtschaft abzuwerfen. Allerdings hatten sie weder das Recht, Waffen zu tragen, noch waren sie in irgendeiner Form kämpferisch ausgebildet. Darum endete der Deutsche Bauernkrieg vernichtend. Die Innovationskraft der Stadtbevölkerung, die technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften, die ihr Fleiß hervorbrachte, konnte jedoch dem Adel und dem Klerus erstmals etwas entgegensetzen.

Die Erweiterungen des Menschenmöglichen ließ den Ohnmachtsglauben, die dem einfachen Mensch von der religiösen Obrigkeit eingeredet wurde, zunehmend schwinden. Auch wenn die kirchlichen Kräfte bis heute eine gewisse Macht beibehalten konnten, musste sie einen erheblichen Teil ihres Machtanspruchs an das erstarkende Bürgertum abgeben. Zentral war dabei die Hoheit über die Bildung. Aus der Rückbesinnung auf die antiken Griechen entstand der moderne, wissenschaftlich denkende Mensch.

Anders als bei den Griechen bestand das Bestreben der Menschen der Renaissance („Wiedererwachen“) und mehr noch das der Denker der „Aufklärung“ darin, sich von religiösen Vorstellungen zu distanzieren. Für die antiken Vorbilder bestand eine Trennung des Geistigen und der Wissenschaft noch nicht. Dies änderte sich spätestens mit der Aufklärung. Man hatte schlicht die Nase voll von Religion, da ihr Wesen durch die angeblich aus religiösen Motiven handelnden Herrscher beschmutzt wurde.

Engel

Prägende Persönlichkeiten und Leitprinzipien der Aufklärung

„Eine der hervorragendsten Wesenszüge der englischen empiristischen Bewegung war ihre im allgemeinen tolerante Haltung gegenüber denen, die vielleicht anderen Sinnes waren. […] [U]nd obgleich Hume sich über die Religion im allgemeinen und über den Katholizismus im besonderen lustig machte, widersetzte er sich stets auch jenem >Enthusiasmus<, der immer die Vorbedingung für die Unterdrückung ist.“
(Quelle: 2)

Von David Hume (1711-1776), schottischer Philosoph, Ökonom und Historiker, wird gesagt, er habe die „Empiristik“ begründet. „Empiristik“ bedeutet, dass Erkenntnisse ausschließlich aus der unmittelbaren Erfahrung gewonnen werden können. Die „Empirie“ steht der „Theorie“ gegenüber. Während mit René Descartes (1569-1650) die Methodik der wissenschaftlichen Erkenntnisfindung noch vor allem theoretischer Natur war, plädierte Hume für das Experiment als einzig wahren Weg der wissenschaftlichen Erkenntnis.

Die Aufklärung war also sowohl von tiefgreifenden wissenschaftlichen Neuerung als auch von einer grundsätzlich toleranten Haltung geprägt. Hume, ein Vollblutwissenschaftler, weigerte sich trotz seiner religionskritischen Einstellung, eine herabwürdigende Haltung zu ihr einzunehmen, weil die Toleranz für ihn noch über der Wissenschaft zu stehen schien.

Die wichtigsten und vielleicht drei der berühmtesten deutschen Aufklärer stammen vor allem aus dem dichterisch-literarischen Bereich: Johann Wolfgang von Goehte (1749-1832), Friedrich Schiller (1759-1832) und Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781). Zahlreiche Straßen, Plätze und Bildungseinrichtungen Deutschlands sind nach diesen großen Denkern benannt und das völlig zu Recht, denn sie gelten bis heute als drei der bedeutendsten Schriftsteller der deutschen Sprache.

Jeder der drei großen Denker hat auf seine Weise einen enormen Beitrag zum Toleranzgeist, zu einer empathischen und einer naturverbundenen Einstellung beigetragen. So ist eines der zentralen Themen im ersten Teil des „Faust“, das dichterische Meisterwerk Goethes, die sogenannte „Gretchen-Frage“. Nachdem die Geliebte des Dr. Faust ihn fragt, ob er „glaube“, antwortete er mit dem berühmten Toleranzmonolog, der sowohl verschiedene Religionsauffassungen als auch die eher atheistische und naturreligiöse Haltung als gleichwertig gegenüberstellt. Zu diesem Thema habe ich bereits einen Artikel veröffentlicht.

Kreis aus religiösen Symbolen

Schiller hat schon mit seinem Erstling „Die Räuber“ (1782), ein Werk der Rebellion, dafür gesorgt, vom Herzog von Mannheim mit einem Veröffentlichungsverbot belegt zu werden. Zensur war zu allen Zeiten ein Thema. In diesem Werk hetzt der zweitgeborene Sohn den Vater gegen seinen älteren Bruder mittels „falscher Nachrichten“ auf, sodass dieser den Erstgeborenen verstößt (Quelle: 3). Dieser flieht in die Wälder, wo er ein Revoluzzer-Dasein führt, bis er zurückkehrt und den von seinem machtgetriebenen jüngeren Bruder eingekerkerten Vater befreit.

Dieses Werk thematisiert unter anderem Machverhältnisse, die aus „angeborenen Privilegien“ entstehen, wie es der Adel gerne für sich beanspruchte. Derart subversive Gedanken durften damals nicht geduldet werden.

Eines der zentralen Werke der Aufklärung hat der dritte Dichter im Bunde, Gotthold Ephraim Lessing, verfasst: Nathan der Weise (1779). Darin klärt der kluge und gelehrte Jude Nathan dem absolutistischen islamischen Herrscher Saladin und seine intelligente Schwester Sittah, die die eigentliche Machthaberin hinter den Kulissen ist, über die Gleichwertigkeit der drei großen Religion Christentum, Islam und Judentum auf. Er erreicht dies mit dem Vortragen der „Ringparabel„, die eine Geschichte innerhalb der eigentlichen Dramenhandlung darstellt.

Neben dem Toleranzgedanke, der die zentrale Botschaft dieses Versdramas ist, könnte man Lessings Werk als frühfeministisch und definitiv als Kritik an der Willkürherrschaft des Adels verstehen.

Die Wissenschaften als neue Triebkraft

„Das hervorragendste Dokument der Aufklärungszeit ist die >Große Enzyklopädie<, die von einer Gruppe von Schriftstellern und Wissenschaftlern in Frankreich verfasst wurde. Sie kehrten Religion und Metaphysik ganz bewusst den Rücken und sahen in der Wissenschaft die neue intellektuelle Triebkraft. Durch die Zusammenfassung aller wissenschaftlichen Erkenntnisse ihrer Zeit hofften die Verfasser, ein mächtiges Instrument im Kampf gegen den Obskurantismus der herkömmlichen Autoritäten zu schaffen. […]

Der größte Geist der französischen Aufklärung, sowohl als Philosoph wie als Schriftsteller, war [..] Voltaire (1694-1778), der die Enzyklopädie tatkräftig unterstützte.“ (Quelle 4) Ihm wird das Zitat zugeschrieben:

„Ich mag verdammen was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzten, dass du es sagen darfst.“
(Voltaire)

Voltaire war nun kein Atheist, wie man meinen möchte, sondern Deist. Deisten bedienen sich der Idee eines göttlichen Wesens als Ursprung allen Seins, ohne jedoch einer konkreten Religion mit ihrem Vorstellungskatalog anzugehören. Allein die Vernunft gebiete es, angesichts den Phänomenen dieser Welt von einer „göttlichen Entität“ auszugehen, um überhaupt irgendwo ansetzen zu können. Diese Haltung war zu Zeiten der Aufklärung durchaus gängig und anerkannt.

Wenn es also heißt, die Verfasser der >Großen Enzyklopädie< „kehrten Religion und Metaphysik ganz bewusst den Rücken“, meint der Autor damit nicht, dass sie allesamt Atheisten und reine Naturwissenschaftler gewesen wären. Das wäre eine vereinfachte Annahme, die aus unserer modernen Perspektive, die „Gottesfrage“ strikt von den „echten Wissenschaften“ zu  trennen, entspringt.

Mit der Enzyklopädie sollte lediglich mittels einer Bestandsaufnahme des vorhandenen faktischen Wissens verschiedenster Disziplinen ein Werkzeug geschaffen werden, das den Leser oder die Leserin befähigt, sich selbst zu bilden und Zugang zu den Errungenschaften verschiedenster großer Köpfe  zu bekommen, die unter einem gemeinsamen Dach der Vernunft und der Toleranz vereint wurden. Für uns mag ein Lexikon dieser Art im Zeitalter des Internets trivial erscheinen, tatsächlich ist dieses Projekt aber meines Erachtens auch heute noch in jeglicher Hinsicht ein vorbildliches Unterfangen.

Ein Leuchtfeuer der Aufklärung: Immanuel Kant

Ein weiterer entscheidender Impulsgeber dieser Zeit war der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724-1804). „Kants Werke umfassen ein weites Feld der Gebiete, über welche er einmal gelesen hat. Weniges davon ist heute noch von Interesse, […]“ (Quelle 5). Kant war also durchaus das, was man einen Universalgelehrten nennen könnte, auch wenn er natürlich nicht in allen Bereichen gleichermaßen einflussreich war. Kant hat sowohl im naturwissenschaftlichen, als auch im philosophischen und theologischen Bereich wichtige Beiträge geleistet.

Eine seiner wichtigsten Leistung war es, in seiner Erkenntnistheorie die Extrem-Positionen von Descartes (reine Theorie) und Hume (reine Empirie) zu vereinen. Die Quelle der Erkenntnis ist nach Kant die Erfahrung, was Hume mit seiner Empiristik im Kern aufzeigen wollte. Allerdings wird die Erfahrung im menschlichen Geiste erst in eine bestimmte Form gebracht, in der sie zur Erkenntnis werden kann (Kants Kategorien). Die Fähigkeit zur Einordnung der Erfahrungen ist mit Kant nach Descartes angeboren. Wie sich dies im Detail erklären lässt, wird Thema eines gesonderten Beitrags sein.

Des Weiteren hat er den geflügelten Begriff des „kategorischen Imperativs“ geprägt. Dieser Begriff bezieht sich auf seine ethisch-moralischen Beiträge. Seine Grundaussage dahinter ist zunächst folgende: Der Wille ist autonom. Er ist also nicht von äußeren Einflüssen abhängig , sondern folgt seinen eigenen Gesetzen. Dies nennt Kant „das Prinzip der Autonomie“. Weil der Wille also nicht von außen gesteuert werden kann, muss das Individuum von innen heraus eine ethische Einstellung entwickeln, die frei von äußeren Gesetzmäßigkeiten sein können.

Der „kategorische Imperativ“ beschreibt demnach ein rein formales Prinzip, gemäß welchem es Dinge gibt, die nicht bewiesen werden können und müssen. Beispielsweise sind die biblischen 10 Gebote in Form von kategorischen Imperativen verfasst, wie zum Beispiel:

„Du sollst nicht töten.
Du sollst nicht ehebrechen.“
(5. Mose, 5, V. 17-18)

Es sind also moralische Anweisungen, die sich von jeglicher Beweislast emanzipieren. Eine der zentralen kategorischen Imperative ist der Vorgänger eines uns wohlbekannten Ausspruchs:

„Tu andern das, wie du willst, dass sie dir täten.“ (Quelle 6)

Dieser Ausspruch kann ebenso wie die 10 Gebote nicht empirisch bewiesen werden und muss es nach Kant auch nicht. Hier beginnt das, was man den freien Willen nennen kann. Der oben zitierte kategorische Imperativ ist nach Kant in aller Konsequenz aufzufassen. Was ist damit gemeint? Zur Klärung dieser Frage möchte ich hier abschließend noch einen längeren Abschnitt des für diesen Beitrag zentralen Werks zitieren:

„Denn das einzige, was unsere Handlungen befeuern sollte, sind die richtigen Grundsätze. Gerade hierin nun liegt ein Hindernis für die moralische Handlung, wenn man das gerne tut, was man ethisch verpflichtet ist zu tun. Zum Beispiel: ich mag meinen Nachbarn gern leiden und bin daher geneigt, ihm zu helfen, wenn er sich in Not befindet; so zu handeln ist nach dem kantischen Prinzip nicht halb so lobenswert, als wenn man dieselbe liebevolle Tätigkeit für einen andern ausführt, der ganz und gar gräßlich ist. Unser Tun soll demnach nicht aus Lust, sondern nach Grundsätzen erfolgen. Der gute Wille als Antrieb zählt allein als bedingungslos gut.“
(Quelle 6)

Was uns von der Aufklärung geblieben ist

An dieser Stelle möchte ich die historische Betrachtung der Aufklärung beenden, auch wenn beispielsweise die Dialektik Hegels, die Grundzüge der Gedanken Nietzsches und die Enttäuschung über die bürgerliche Revolution in Form der Romantik wichtige Aspekte rund um die Aufklärung wären. Allerdings soll dieser Beitrag nicht wieder jeglichen Rahmen sprengen.

In diesem abschließenden Abschnitt möchte ich versuchen, die oben beschriebenen Leistungen und Gedanken berühmter Aufklärer in der Gegenwart zu lokalisieren. Hierbei muss leider unweigerlich auf das alles überschattende Thema „Corona“ eingegangen werden, weil im Zuge der Krise meines Erachtens sehr deutlich geworden ist, wie weit wir uns gesellschaftlich vom Vorbild der Aufklärung wegbewegt haben. Ich folge bei dieser Abprüfung der Aspekte der Reihenfolge, in der sie in diesem Beitrag besprochen wurden.

Die Herrschaftsfrage

In Europa ist in der Gegenwart die Herrschaft des Adels lange vorbei. Die neuen Lenker der Geschicke agieren heute global, sind unglaublich reich und politisch gut vernetzt. Während früher die Herrschaft von Gottes Gnaden erteilt war, zählt heute das Kapital der einzelnen Familien und Individuen. Manche sprechen auch vom neuen Geldadel. Somit ist das Großbürgertum tatsächlich nach wie vor an der Macht. Ob die Verhältnisse nun bessere als zu monarchischen Zeiten sind, kann jede und jeder selbst entscheiden.

Unter anderem von Hollywood wurde der Welt lange erzählt, jeder könne es vom „Tellerwäscher zum Millionär“ bringen. Tatsache ist jedoch: viele, die heute als die reichsten Menschen gelten, stammen aus Familien und Verwandtschaftslinien, deren Macht und Einfluss lange in die Vergangenheit zurückreichen, auch wenn einzelne sicherlich Großes geleistet haben und aus eigener Kraft an die Spitze gelangten.

Durch den Mechanismus des Zinseszins ist zudem eine automatische Verteilung von Arm nach Reich und ein unaufhörliches Wachstum großer Kapitalmengen vorprogrammiert. Wir haben meines Erachtens die Ständegesellschaft nie wirklich abgeschafft, sondern lediglich die Spitze der Gesellschaftspyramide ausgetauscht. Diesen Umstand haben bereits die Romantiker im 18. Jahrhundert erkannt.

Die Wissenschaft

Hume hat die Empirie als wichtiges Werkzeug der Wissenschaft betont. Descartes plädiert hingegen für Theorie als Weg der Erkenntnis. Diese beiden Herangehensweisen wurden mit Kant vereint und in seiner Erkenntnistheorie zur Synthese gebracht. Heutzutage bezeichnen wir die Naturwissenschaften auch als die „exakten Wissenschaften“, weil sie mit Gesetzmäßigkeiten arbeiten, die meist empirisch, also mittels verschiedener Experimente „bewiesen“ werden können.

Kant hat jedoch gezeigt, wie Erkenntnis auch aus der reinen Theorie heraus entstehen kann, da es letztendlich immer eines ordnenden Verstandes bedarf, der zwangsläufig menschlich und subjektiv ist. Dies nennt man „Interpretation“. Gerade im Zuge der Corona-Krise wird stets „die Wissenschaft“ herangezogen, um politische Maßnahmen zu legitimieren. Wenn man jedoch genauer hinschaut, so zeigt sich leider zu oft, wie lückenhaft und selektiv selbst die Empirie im Einzelnen ist (Aussage der BPK zum Thema: Beweise für Wirksamkeit der Lockdowns & hier eine Übersicht der tatsächlichen Forschungslage dazu.

Während Untersuchungen, die angestrebte politische Maßnahmen rechtfertigen, betont werden, werden unliebsame Fachmeinungen häufig mit ad hominem Argumenten (Stichwort: Corona-Leugner) aus dem Diskurs verbannt. Zudem werden unliebsame Schlussfolgerungen, die aus theoretischen Analysen hervorgehen, heutzutage als Verschwörungtheorien bezeichnet, obwohl sie sich leider zu oft als wahr herausgestellt haben (bspw. digitale Impfpässe oder die wieder aufkeimende Labor-Hypothese von Prof. Wiesendanger). Hingegen werden Vermutungen und Prognosen von etablierten Wissenschaftlern sofort breit kommuniziert, obwohl sie sich im Nachhinein teilweise als völlig haltlos erwiesen haben (bspw. Prognosen zu Corona-Zahlen).

Zu guter Letzt sollte uns das französische Projekt der „Großen Enzyklopädie“ lehren, dass nur eine interdisziplinäre und umfassende wissenschaftliche Betrachtung einem Sachverhalt annähernd gerecht werden kann. Im Zuge der Pandemie haben wir bisher vor allem ein paar wenige Virologen und Epidemiologen gehört, während Wirtschaftswissenschafter, Psychologen, Soziologen, Psychotherapeuten, Sozialarbeiter, Psychoneuroimmunologen, Sprachwissenschaftler und so weiter im großen politischen Diskurs in Deutschland bis heute kaum eine Rolle spielen.

Der Toleranzgedanke

Besonders zentral ist der aufklärerische Toleranzgedanke. Schon bei Hume war der Toleranzgedanke ein wichtiger Bestandteil seiner wissenschaftlichen Tätigkeit. Es sind aber neben dem großen französischen Aufklärer Voltaire nicht zuletzt die wichtigsten deutschen Literaten und Denker, die den Toleranzgedanken entwickelt und in dichterisch-philosophischer Form verbreitet haben. Goethe, Schiller und Lessing haben sich gemäß dem Zeitgeist dabei natürlich am Thema „Religion“ abgearbeitet.

Tauschen wir den Begriff „Religion“ durch die Begriffe „Ideologie“ oder „Meinung“, lassen sich deren Ausführungen ohne Weiteres auf zeitgenössischen gesellschaftlichen Diskurs rund um den Themenkomplex „Corona“ anwenden. Ähnlich wie bei zwei sich gegenseitig ausschließenden religiösen Vorstellungen verhält es sich mit den Meinungen rund um das Virus. Während zur Zeit vor der Aufklärung der Adel mit dem Klerus als Rückendeckung die Wissenschaften bekämpft hat, so bekämpft heute der sogenannte „Mainstream“ die sogenannte „Alternative“.

Ebenso, wie es damals Adelige gab, die der Aufklärung gegenüber aufgeschlossen waren und es Aufklärer gab, die keineswegs den Adel gänzlich entmachten wollten, gibt es auch heute kritische Stimmen im Mainstream, sowie es gemäßigte Meinungen im alternativen Lager gibt. Diese kleine Schnittmenge der gemäßigten Stimmen beider Lager agieren im Sinne des Toleranzgedankens der Aufklärung.

Von Seiten des Mainstreams wird diese Schnittmenge jedoch gerne als „rechts-offen“ bezeichnet, die „Applaus von der falschen Seite bekäme“. Die Extremen bei den Alternativen bezeichnen die Gemäßigten auf ihren Seiten gern als „Anbiederer an das System“ oder als „Schein-Opposition“. Besonders deutlich zeigt sich die Intoleranz dort, wo Demonstrationen und Gegendemonstrationen verschiedener Lager aneinandergeraten. Sich tolerant gegenüber der gegenteiligen Meinung zu zeigen, scheint heutzutage ziemlich unzeitgemäß zu sein.

Die Moral

Insbesondere der Name „Kant“ wird in Deutschland gerne angeführt, wenn man sich als intellektuell und aufgeklärt bezeichnet. Nachdem ich mich näher mit seiner Philosophie befasst habe, scheint mir jedoch die Essenz seiner Gedanken heute mehr als missverstanden. Der Ausdruck „kategorischer Imperativ“ wurde im orwell’schen Sinne von Roland Wieler, dem Chef des RKI, in Bezug auf die Corona-Maßnahmen par excellence verdreht und nutzbar gemacht:

Im Zuge der Pandemie wurden die AHA-Regeln zum neuen „kategorischen Imperativ“ erklärt. Der Widerspruch: diese Regeln kommen von außen und nicht von innen. Es widerspricht meiner Überzeugung nach dem inneren Willen des Menschen, sich die Gesichter zu verhüllen und Sicherheitsabstand zu nehmen. Wenn die Nützlichkeit dieser Maßnahmen auf Nachfragen hin in ihrer Effektivität in Anbetracht einer dramatischen Notlage erklärt werden können, würde jeder vernünftige Mensch sich diese Tatsachen zu eigen machen. Es wären logisch haltbare und sinnvolle Handlungen.

Da wir diese Maßnahmen aber nicht hinterfragen dürfen, wissenschaftliche Belege von den Regierungssprechern nicht vorgelegt und tatsächlich vorhandene wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert werden, wird von uns blinder, tauber, stummer, unseren ureigenen Willen unterdrückender Gehorsam gefordert, der unser Menschsein leugnet.

Fazit

Meiner persönlichen Schlussfolgerung nach haben die Romantiker die Sachlage der postaufklärerischen Entwicklungen sehr früh erkannt auch wenn sie kaum ahnten, wie sehr sich der vermeintliche Fortschritt in ihr Gegenteil verkehren würden. Während also die Wissenschaft als objektive neue Wahrheit nach Außen hin angeführt wird, werden die Grundlagen, auf denen eben jene moderne Wissenschaft und die abendländische Ethik fußt, heute ignoriert, verdreht oder einfach verdrängt.

Viele Menschen, die denselben Erkenntnisprozess wie ich durchgemacht haben, sehen sich gezwungen, sich in die ebenfalls immer kleiner werdenden Rückzugsorte des Internets zu flüchten, um sich über diese Dinge noch austauschen zu können. Als letzte Konsequenz bleibt schließlich nur die Flucht in die individuelle, analoge Welt mit Büchern und in kleinen Gesprächskreisen, während die Wortführer auf allen großen Kanälen vermeintlich aufgeklärt Spaltung betreiben.

Menschen - Sillhouetten

 


von Marco Lo Voi

Quellen:
A) Clausen, Bettina & Clausen Lars (Hgg.) (1975): Spektrum der Literatur.
B) Russel, Betrand (1959), übersetzt von Károly Földes Papp (1970): Denker des Abendlandes. Belser Verlag: Stuttgart.

Einzelnachweise:
Quelle (1): A), S. 122
Quelle (2): B), S. 230
Quelle (3): A), S. 180
Quelle (4): B), S. 236
Quelle (5): B), S. 240
Quelle (6): B), S. 244

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