Gendergerechte Sprache – Sprachdiktatur oder notwendige Reform?

Sprache und Identität

Nachdem ich im Beitrag „Gedanken zu: Männlichkeit und Weiblichkeit“ ganz allgemein über die Geschlechterdebatte nachgedacht habe, möchte ich nun ein paar Worte zum Thema „gendergerechte Sprache“ äußern. Da ich Sprachwissenschaftler bin, möchte ich dieses Thema vor allem aus dieser Perspektive betrachten und weniger die psychologischen und soziologischen Ebenen fokussieren.

In verschiedenen Beiträgen wie „Ein Blick in die Welt der Wissenschaft: Was ist ‚Linguistik‘?“ habe ich bereits kurz erläutert, wie eng Sprache und Identität verknüpft sind. Da wir uns nur im Spiegel oder in Selfies selbst mehr oder weniger zur Gänze optisch wahrnehmen können, ist vor allem die Sprache eines der zentralen Identifikationsmerkmale unseres Selbst. Die Sprache eines Menschen ist die Summe aus allen „[Sprach]-Erfahrungen“, die dieser Mensch bis zum Zeitpunkt der Betrachtung erlebt hat. Jeder Kontakt mit einer neuen Sprachform prägt den individuellen Sprachgebrauch („Idiolekt“).

Unter „Sprachkontakt“ versteht man in der Linguistik die Situation, in der Menschen aus zwei oder mehr Gruppen, die sich in unterschiedlichen Sprachformen verständigen –  in der Regel Landessprachen aber auch Dialekte – miteinander auf Grund von Migrationsbewegungen oder anderen historischen Ereignissen wie Menschenhandel oder Entdeckungsreisen in Berührung kommen.

Da der Mensch ein soziales Wesen ist, ist er in der Regel bestrebt, einen sprachlichen Austausch zu suchen. Im Zuge der Kolonialisierung verschiedener Länder kam es beispielsweise zu der Entstehung unterschiedlicher „Kreolsprachen“, die eine Mischform aus der Sprache der Einheimischen und der Kolonialmacht darstellen.

Bei Migrationsbewegung wie der „großen italienischen Emigration“ („grande emigrazione italiana“) in beispielsweise die USA kam es durch Sprachkontakt des Italienischen mit dem Amerikanischen ebenfalls zu Mischformen, die heute auch „Broccolinese“ genannt wird. Ein noch älteres Beispiel wäre die Ausdehnung des Römischen Reiches, das das Latein in die Länder Zentraleuropas getragen hat, was auch das Deutsche bis heute maßgeblich beeinflusste.

Obwohl in einem Sprachkontakt meist ein ungleiches Verhältnis zwischen den Sprachformen besteht, das sich durch verschiedene Gründe wie beispielsweise ein vorhandenes Prestigegefälle, ungleiche Praktikabilität oder schlicht Unterdrückung der anderen Sprachform ergibt, dauert es sehr lange, bis eine Sprachform als völlig ausgestorben gilt oder aber vollständig in einer anderen Sprachform aufgegangen ist. Ich begründe dies vor allem mit der sehr engen Verknüpfung von Sprache und Identität.

Identitäten definieren sich durch ein Zugehörigkeitsgefühl zur eigenen und ein Abgrenzungsgefühl zu einer anderen Gruppe. Ich sage nicht, dass ich das gut finde. Aber diese Dynamik kann deswegen nicht geleugnet werden. Sobald wir uns positionieren, grenzen wir uns automatisch von benachbarten Positionen ab. Dasselbe passiert, wenn wir uns einer bestimmten Sprache bedienen. Sprache schafft Identität. Identität gibt Halt. Halt gibt Orientierung. Und Orientierung hilft uns, in der chaotisch scheinenden Welt zu überleben.

Menschen - Sillhouetten

Kultivierung oder natürliche Entwicklung?

Immer wieder ziehe ich die Analogie zu unseren großen Vorbildern, den Bäumen. Ebenso wie Sprachen, sind die Bäume, die uns umgeben, einerseits ein natürliches Phänomen, aber andererseits durch unseren Eingriff in gewisser Hinsicht kultiviert. Ebenso wie bei der Gestaltung der Umwelt ist es eine Frage des Ausmaßes, inwieweit wir auf eine Sprache einwirken können und wollen.

Wir können einen bestimmten Baum durch Beschneiden, Pflanzen am richtigen Standort und durch Zuführung der richtigen Nährstoffe zu einem optimalen Wachstum verhelfen. Pflanzen wir den Baum aber an einem falschen Ort oder die Umweltbedingungen verändern sich, beschneiden wir falsch oder zu viel, führen wir nicht ausreichend Nährstoffe zu oder vergiften wir ihn sogar, kann der menschliche Eingriff für den Baum fatal sein.

Ebenso halte ich es mit der Sprache. Anders als beispielsweise in Frankreich oder in Italien gab es in Deutschland aus verschiedenen historischen Gründen keine umfassende Normierung und Vereinheitlichung der Sprache durch eine autorisierte Instanz. In Frankreich hat sich im Jahre 1629 erstmals die Académie française versammelt, um die französische Sprache zu vereinheitlichen. Bis heute ist die Académie in Frankreich eine sehr hoch angesehene Institution. Dabei wurde beispielsweise das französische Vokabular stark ausgedünnt, indem alle möglichen Fremdwörter aussortiert oder durch französische Begriffe ersetzt wurden.

In Italien wurde die Frage nach dem „wahren Italienischen“ bereits im 16. Jahrhundert diskutiert. Man besann sich dann auf die literarischen Größen Dante, Petrarca und Boccaccio, die allesamt aus Florenz stammten. Im Zuge der Gesamtitalienischen Vereinigung wurde im 19. Jahrhundert dann das bestätigt, was sich bereits im 16. Jahrhundert abzeichnete: Das Toskanische wurde als die Standardvariante des Italienischen festgehalten.

Im Deutschen gab und gibt es keine vergleichbare Entwicklung. Es gab zu keinem Zeitpunkt eine ähnliche Einigung über das sogenannte „Hochdeutsche“, wie wir den vermeintlichen Standard des Deutschen zu nennen pflegen. Es gibt weder eine Einheitsgrammatik noch ein einheitliches Wörterbuch der Deutschen Sprache, das einen unangefochtenen Status hat. Vielmehr gibt es eine Reihe an Wörterbüchern und Grammatiken, die unterschiedlich strukturiert und unterschiedlich bekannt sind.

Das sogenannten „Hochdeutsche“ ist im Grunde ein unausgesprochener Konsens, den die Menschen der Bundesrepublik Deutschland als existent ansehen. Oft wird der Schoß des Hochdeutschen im Raum Hannover verortet. Wenn wir uns jedoch den gesamtdeutschen Sprachraum ansehen, zu dem Österreich und die Deutschschweiz dazugehören, erkennen wir jedoch eine enorme Vielfalt, in der die Verständigung über die verschiedenen Sprachformen („Varietäten“) enorme Probleme bereiten kann, wenn beispielsweise ein Mensch aus Norddeutschland auf einen Sprecher des Schweizerdeutschen trifft.

Da sich aber der Sprachkontakt zwischen den einzelnen Varietäten über die Medien und den Warenhandel seit Jahrhunderten vollzogen hat und bis heute vollzieht, entsteht ganz natürlich das, was man „Lingua Franca“ nennt: Eine Verkehrssprache. Dies ist eine Sprachform, in der sich zwei oder mehr Varietäten durch fortlaufenden Sprachkontakt zunehmend einander annähern, um immer effektiver kommunizieren zu können. Das „Hochdeutsche“ ist also keine vollständig normierte Varietät, sondern eine implizit angenommene „Lingua Franca“, die sich durch die steigende Mobilität der Sprecherinnen und Sprecher eines Sprachraumes die meiste Zeit ganz natürlich entwickelt hat.

Wir sehen also: sowohl ein aktiver Eingriff, wie ihn Frankreich durch ihre Französische Akademie vornahm und nimmt, als auch ein wissenschaftlicher Diskurs zwischen Sprachgelehrten, die dialektisch zu einer Einigung kommen oder aber die stille Vereinbarung einer Sprachgemeinschaft über die bloße Notwendigkeit zur Kommunikation – jede dieser unterschiedlichen Entwicklungen eint der Gedanke des Konsens.

Zwei Personen neben einem Baum - Schwarz-Weiss

Über Sprachnormierungen

Grundsätzlich gibt es zwei mögliche Wege, wie Sprache sich entwickelt. Entweder wir lassen der Sprache freien Lauf, woraus sich dann aus einem ganz natürlichen Bedürfnis zur Kommunikation eine Verkehrssprache entwickelt. Wenn wir wieder zum Baumvergleich zurückkehren möchten: wir werfen einen Apfel auf die Wiese und lassen die Samen zur ganz natürlichen Reife gelangen und den Baum den gegebenen Umständen entsprechend wachsen.

Oder aber wir pflegen die Sprache, indem wir eingreifen und klar definieren, was als korrekt anzusehen ist und was nicht. In unserer Metapher: Wir bauen einen Schutzzaun, bereiten den Boden, pflanzen den Baum und beschneiden ihn regelmäßig, sodass er ganz nach unseren Vorstellungen wächst.

Selbstredend gibt es nicht nur A oder B. Die Pflanzung der Samen für die Sprachen der heutigen Welt liegt schließlich soweit zurück, dass wir in der Linguistik eigentlich gar nicht genau wissen, wie Sprache überhaupt entstanden ist. Aber dennoch können wir die bestehende Bäume entweder sich selbst überlassen oder aber eingreifen.

Baum mit Stadt in der Krone

Nun muss in einem nächsten gedanklichen Schritt die gesprochene Sprache von der geschriebenen Sprache unterschieden werden. Dazu gibt es eine Reihe an Kriterien, mit der ich dich, lieber Leser und auch dich, liebe Leserin, nicht langweilen möchte. Nur so viel: die meisten Schriftsprachen waren überwiegend historische Manifestationen einer mehr oder weniger in Ordnung gebrachten gesprochenen Sprache. Gesprochene Sprache ist die ursprünglichere Form der Sprache und viel dynamischer.

Bis vor wenigen Jahrhunderten konnten im Deutschen Sprachraum die wenigsten Menschen schreiben. Damals war der Prozess des Schreibens mit Federkiel und Pergament sehr mühsam und durch die Begrenztheit der Materialien sehr kostbar. Heute hat beinahe jeder Mensch ein Smartphone und produziert täglich eine Menge Schriftsprache. Darum gelten viele Gesetze, die die Sprachwissenschaft für die historische Entwicklung von Sprachen formuliert hat, so heute nicht mehr.

Die meiste Zeit wurde jedoch die Schriftsprache von der gesprochenen Sprache beeinflusst. In den ersten deutschen Schriftzeugnissen wurden lange Zeit nochnichteinmaldiewortegetrennt. Selbst Luther hat Seiner zeit die groß und klein Schreibung noch ziemlich willkürlich Verwendet.  Dennoch hat sich nach und nach ein gewisses Schriftbild entwickelt.

Eigenschaften der Schriftsprache, wie die Unterscheidung zwischen „ß“, „s“ und „ss“ oder die Dehnungs- und Längenzeichen „ie“ für ein langes „i“ oder „uh“ für ein langes „u“ sind Versuche, Eigenschaften der gesprochenen Sprache schriftliche zu kodieren. Die Groß- und Kleinschreibung, die Zeichensetzung oder die Worttrennung hingegen sind Orientierungshilfen, um das Lesen zu vereinfachen, haben aber eigentlich nichts mit der gesprochenen Sprache zu tun. Wir sehen: die gesprochene und die geschriebene Sprache sind parallele Systeme, die in den verschiedenen Sprachen in unterschiedlicher Beziehung zueinander stehen.

Die meisten dieser Regelungen des Deutschen, die als gegebenen angesehen werden können, weil sich die meisten Rechtschreibratgeber und Grammatiken darauf geeinigt haben, sind Ergebnisse historischer Entwicklungen. Jüngere Rechtschreibreformen, die einen plötzlichen Einschnitt in den Schriftsprachgebrauch der Menschen bedeuten, sind bis heute Quelle der Unsicherheit bei Menschen, die die „alte“ Rechtschreibung erlernt haben. Die letzte große Rechtschreibreform fand 1996 statt. Diese wurde dann in den Jahren 2004, 2006, 2011, 2017 und 2018 nochmals angepasst, was vielfach bis heute zu großen Verwirrungen führte. Einen gesetzlichen Status oder tatsächliche Verbindlichkeit haben diese Reformen aber nicht.

Im Deutschen gibt es auf Grund dieser Änderungen, die irgendwie vorgenommen, aber durch keinen allgemeinen Konsens erzielt wurden, seither stets große Gefechte zwischen Menschen, die stets die aktuellen Reformen studieren und sich im Besitz des Wissens um die „richtige Schreibweise“ wähnen und den eher Konservativen, die keine Lust haben, sich immer wieder neuen Regeln anpassen zu müssen, deren kommunikative Notwendigkeit höchst strittig ist. Es geht also um die Frage, ob wir unseren Baum ständig beschneiden, sobald er neue Austriebe zeigt oder wir ihn einfach mal wachsen lassen.

Der „natürliche Sprachgebrauch“

Hieran schließt sich die Frage an, was denn dann der sogenannte „natürliche Sprachgebrauch“ ist, von dem immer wieder gesprochen wird? Diese Frage ist unmöglich allgemein zu beantworten, denn der Ausdruck „natürlich“ ist in diesem Zusammenhang höchst problematisch. Grundsätzlich ist Wandel auch in der Sprache ein zu allen Zeiten geltendes Gesetz. Wie bereits mehrfach erwähnt, kann sich dieser Wandel über die sprachliche Interaktion oder aber durch Regelsetzung vollziehen. Meist schlägt sich jedoch der Wandel, der erst in der gesprochenen Sprache durch Gebrauch von statten geht, nach einer gewissen Zeit in der Schriftsprache nieder.

Je mehr wir über Sprache an sich sprechen und je mehr Menschen aktiv schreiben und damit Sprachformen produzieren, desto dynamischer wird der Sprachwandel. Ältere Menschen konstatieren gerne, dass die „natürliche“ deutsche Sprache zunehmend degeneriere. Aus einer rein linguistischen Perspektive spricht man einfach von Sprachwandel. Wenn also der Genitiv einfach nicht mehr benutzt wird, dann wird er irgendwann auch in der Schriftsprache verschwinden. Man kann dies nun beweinen oder aber einfach feststellen.

Ob die Nutzung des Genitivs nun dem „natürlichen“ Sprachgebrauch des Deutschen entspricht oder dem Dativ sein Gebrauch auf Grund vom Sprachwandel als Entwicklung der Natur vom Deutschen angesehen wird, ist schlicht und ergreifend Ansichtssache.

Quizfrage für Streberinnen und Streber: Wie oft wurde der Dativ und wie oft der Genitiv im vorangehenden Absatz verwendet?

Wer sich einerseits gegen Regelungen erwehrt, die dem eigenen Begriff des „natürlichen Gebrauchs der deutschen Sprache“ zuwiderläuft und sich dabei auf eine bereits durch Regeln normierte Sprachform, die er oder sie als „Hochdeutsch“ bezeichnet, bezieht, widerspricht sich eigentlich selbst. Hinter dieser Kritik an Veränderungen der Sprache steckt im Grunde nur die Verteidigung der eigenen Identität, die sich zu einem guten Teil über die Sprachform, die er oder sie als die eigene und damit richtige ansieht, definiert.

Gendergerechte Sprache – natürliche Entwicklung oder ungesunder Eingriff?

Alles, was bis hier hin formuliert wurde, ist meines Erachtens mindestens notwendig, um meine Position bezüglich der gendergerechten Sprache (hoffentlich) nachvollziehen zu können.

Grundsätzlich kann ich das Anliegen der gendergerechten Sprache vollkommen nachvollziehen. Wenn sich Frauen ausgeschlossen fühlen, wenn stets ausschließlich das sogenannte „generische Maskulinum“ verwendet wird, dann ist es meines Erachtens eine Sache der Selbstverständlichkeit, auch die weibliche Form zu verwenden, wenn auch weibliche Personen potentielle Rezipientinnen sind. Der Gedanke der Gleichberechtigung auf Grund der Gleichwertigkeit (nicht Gleichartigkeit) aller Menschen unabhängig von deren Geschlecht, ist absolut zentral


Generisches Maskulinum:
der Feuerwehrmann – die Feuerwehrmänner
„Feuerwehrmänner rückten an, um den Brand schnellstmöglich zu löschen.“
Spricht man von einer unbestimmte Anzahl an Personen, wird häufig nur die männliche Mehrzahlform unter Nichtbeachtung eventueller weiblicher Feuerwehrkräfte verwendet = generisches Maskulinum


Die Betonung hierbei liegt auf Gleichberechtigung. Ich kann verstehen, wenn das weibliche Geschlecht Genugtuung für den Verlauf der Menschheitsgeschichte verlangt, in der das weibliche Geschlecht in verschiedener Hinsicht und in verschiedenen Kulturen dem männlichen Geschlecht nachgeordnet wurde. Diese Genugtuung sollte aber nicht in einer neuen Benachteiligung der Männer münden, die nun ähnlich der Erbsünde des Menschen im Garten Eden „Sühne für ihre Vergehen der Vergangenheit“ leisten sollen, indem die Frau nun dem Mann bevorzugt wird – damit wäre nichts gewonnen!

Die berechtigte Kritik, die die Befürworter*innen der gendergerechten Sprache äußern, bezieht sich dabei oft auf die fehlenden Wort-Endungen („Flexive“).

Wenn ich beispielsweise schreibe:

„Die versammelten Autoren präsentierten ihr Buch voller Stolz.“

Dann entstehe nach der zugrundeliegenden Theorie bei den Leserinnen und Lesern das Bild einer Gruppe, die ausschließlich aus Männern bestehe.

Eine „gendergerechte“ Lösung dieser Problematik würde dann folgendermaßen aussehen:

„Die versammelten Autor*innen präsentierten ihr Buch voller Stolz.“

Wenn dieser Satz sorgsam ausgesprochen wird, dann hören wir die Wortteile „Autor“ und „innen“. Ich habe vier entschiedene Kritikpunkte an dieser Lösung:

1. Diese Lösung erschwert enorm den Lese- und Vorlesefluss, weil ein sogenannter Glottalverschluss inmitten eines Wortes produziert werden muss, wie wir ihn nur in Wörtern wie „Aorta“, „beeinflussen“ oder „Dreieck“ vorfinden, wo er zudem häufig artikulatorisch ausfällt. Dieser Glottalverschluss wird im Kontext der gendergerechten Sprache auch gerne „Binnen-i“ genannt.

2. Es gibt Fälle, in denen einfach aus Prinzip gegendert wird, obwohl sich vielleicht gar keine Frau unter der bezeichneten Gruppe befindet. Somit wird der Eindruck erweckt, in einer Gruppe, in der sich ausschließlich Männer/Frauen befinden, wären Personen des anderen Geschlechts vorhanden. Oder aber die weibliche Mehrzahl verdrängt die männliche Mehrzahl komplett, was ich selbst bereits im Zuge einer Universitätsveranstaltung am eigenen Leib erlebt habe. Mich persönlich tangiert dies zwar nicht besonders, der Dozentin war dieser Fauxpas aber äußerst peinlich.

Bäume

3. Bei den gendergerechten Lösungen werden verschiedene Satzzeichen „zweckentfremdet“, was ich ganz persönlich weder pragmatisch noch ästhetisch sinnvoll finde. Als Sprachbegeisterter ist die Ästhetik von Wörtern für mich sowohl auf der Bedeutungsebene als auch klanglich und optisch von großer Wichtigkeit. Wohlgeformte Sprache oder kreativ verpackte Inhalte haben für mich einen hohen Reiz. Gendergerechte Sprache empfinde ich dabei sowohl optisch als auch klanglich als sehr unschön, weil die Ästhetik der reinen Pragmatik geopfert wird, die zudem stellenweise widersprüchlich ist.

4. In einigen Fällen findet sich bei der angeblich gendergerechten Sprache eine klare Benachteiligung der männlichen Form. Wenn wir uns das Beispiel mit den Autoren näher anschauen, dann ist eine gendergerechte Form des Wortes Autor „Autor*in“. Bei der Einzahl ist dies noch weniger problematisch. In der Mehrzahl allerdings geraten die grammatikalischen Endungen zu Numerus (Anzahl) und Kasus (Fall) in Konflikt: „die versammelten Autor[*]innen“. Die männliche Mehrzahl-Endung „Autor[en]“ geht verloren und wird durch die weibliche Mehrzahl-Endung „Autor[innen]“ ersetzt. Über kurz oder lang wird der wortinterne Glottalverschluss (Binnen-i), der beispielsweise durch das Sonderzeichen“*“ in der Schriftsprache signalisiert wird, in der gesprochenen Sprache auf Grund der natürlichen Ökonomisierung der Aussprache vermutlich unter den Tisch fallen.

Mandala

Wenn wir es genau nehmen, liegt bei der Form „Autor*innen“ die männliche Einzahl „Autor“ und die weibliche Mehrzahl „Autorinnen“ vor. Nehmen wir es noch genauer, dann liegt hier eigentlich nur der neutrale Wortstamm des Substantivs „Autor_“ und die weibliche Mehrzahl vor, weil die männliche Form des Substantivs „Autor-Ø“ durch eine sogenannte „Null-Endung“ (Ø) realisiert wird. Wirklich gendergerecht würde es heißen: „die versammelten Autor*en*innen“ oder „die versammelten Autor*innen*en – das kann aber niemand im Ernst fordern.

Dies ist darüber hinaus nur ein einzelnes Beispiel. Im Deutschen gibt es insgesamt 9 verschiedene Möglichkeiten aus einer Einzahl eine Mehrzahl zu bilden. Welche dieser 9 Varianten wir verwenden, hängt vom jeweiligen Substantiv ab. Es kommen außerdem noch die verschiedenen Kasusmarker (Nominativ, Akkusativ, Genitiv und Dativ) und die drei grammatikalischen Geschlechter (maskulin, feminin & neutral) hinzu. Wollten wir wirklich und mit letzter Konsequenz  gendergerecht sein, so müssten wir die ohnehin komplexe Wortstruktur des Deutschen um ein sehr, sehr dickes Kapitel erweitern, das nicht nur der letztendliche Genickbruch für Lernerinnen und Lerner des Deutschen sondern auch für die gewieftesten Grammatik-Experten und Expertinnen wäre.

Resümee

Wieso brauchen wir Sprachgerechtigkeit? In der Debatte rund um die gendergerechte Sprache spielt die Wahrnehmung eine große Rolle. Dabei wird oft die sprachwissenschaftliche Theorie bemüht, Sprache würde Realität erschaffen. Dies ist natürlich richtig. Aber ebenso wie die Sprache Realitäten prägt, beeinflusst logischerweise auch die Realität die Sprache. Alles befindet sich in Wechselwirkung, weshalb hier keinesfalls von einer Einbahnstraße gesprochen werden kann.

Ein Beispiel:
Als die weiße Kolonialisten entlegene Regionen bereisten, wurden diese auf Grund ihres anderen Aussehens und ihrer Technologie gelegentlich als Götter oder Teufel angesehen und so bezeichnet. Diese Fremdbezeichnung der Ureinwohnern der entsprechenden Gebiete, die sie für die weißen Kolonialisten verwendeten, verwandelten die Europäer aber deswegen nicht in Überwesen oder Dämonen. In diesem Falle schufen Worte nicht unmittelbar Realitäten.

In der Wahrnehmung der Ureinwohner, in deren subjektiver Realität, mag dies vielleicht so gewesen sein. Aber diese Realität hat sich irgendwann auch wieder eingestellt, als sie erkannten, dass die Kolonialisten auch nur sterbliche Wesen sind. Dann haben sie ihre Begrifflichkeiten schließlich angepasst. Somit hat also erneut die „Realität“ die Sprache beeinflusst.

Nichtsdestotrotz ist es wichtig, die „Realität“ und die „Sprache“ miteinander in Einklang zu bringen. Mein Vorschlag dazu wäre folgender: wenn wir also nochmals das Beispiel der Autor*innen heranziehen, dann sollten wir die tatsächliche Situation berücksichtigen. Wenn wir eine Gruppe von Menschen beschreiben und es handelt sich dabei sowohl um mehrere Frauen als auch um Männer, die den Beruf „Autor“ oder „Autorin“ ausüben, dann sollten wir meines Erachtens schreiben:

„Die versammelten Autoren und Autorinnen präsentierten ihr Buch voller Stolz.“

Dabei kann in der Erstnennung der weiblichen oder männlichen Formen im Laufe des Textes variiert werden, um maximale Gerechtigkeit zu erzielen. Dies ist natürlich aufwendiger als die Lösung der gendergerechten Sprache, die sich damit begnügt, ein Sonderzeichen für die männliche Mehrzahlendung einzufügen oder das „Binnen-i“ einfach groß zu schreiben, aber ein gewisser Aufwand ist meiner Meinung nach notwendig, wenn wir die Dinge wirklich richtig machen wollen.

In der einfachen Verwendung neugeschaffener Wortformen wird meines Erachtens mal wieder die Bequemlichkeit und die Kurzsichtigkeit des Menschen offensichtlich. In seinem ständigen Bestreben, smarte Lösungen für alles Mögliche zu finden, erzeugt der Mensch neue Probleme oder verschiebt die Problematik einfach auf ein anderes Feld. Wenn wir so eine wichtige Sache wie Gerechtigkeit wirklich erreichen und pflegen wollen, so glaube ich, dass wir uns auch wirkliche Mühe machen sollten. Ist der Aufwand, sowohl die männliche als auch die weibliche Form ohne Sonderzeichen zu nennen denn so groß, um Anlass für die Entwicklung einer neuen Form zu bieten, in der dann weitere Ungerechtigkeiten oder schlicht Verdrehungen der Logik entstehen können?

Damit nicht genug: während die gendergerechte Sprache als menschlicher Fortschritt gesehen wird, werden zugleich alle Menschen abgewertet, die diesen neuen Sprachregelungen kritisch gegenüberstehen oder nicht willens oder in der Lage sind, sich dieser massiven Änderung der Sprache zu beugen.

Wenn nach wie vor Dinge wie die Kommasetzung und die Verwendung des „ß“, die sich ja ausschließlich auf die Schriftsprache beziehen, Grund zur Uneinigkeit sein kann, dann ist es doch vorprogrammiert, dass eine solch grundlegende Änderung sowohl in der Schrift als auch in der gesprochenen Sprache vielen Menschen zu weit geht. Wenn die Ablehnung aus welchen Gründen auch immer dann pauschal als Diskriminierung des weiblichen Geschlechts ausgelegt wird, ist das nichts weiter als eine böswillige Unterstellung.

Wenn ein Kind seinem Vater auf Grund dessen Unverständnis der durchaus nachvollziehbaren Problematik Sexismus und seiner Mutter Ignoranz vorwirft, ist dies eine Verrohung der Gesprächskultur und ein fundamentaler Angriff auf die Persönlichkeit des Vaters und der Mutter. Das Gleiche gilt natürlich für die Elterngeneration, die in der Neuorientierung der Sprache eine „Degenerierung“ oder einen „unnatürlichen Sprachgebrauch“ durch die Forderungen der aktionistischen Jugend sehen. Beide Sichtweisen sind für mich zu extrem. Was fehlt, ist der Wille zu einem gemeinschaftlichen Konsens, der, wie oben bereits ausgeführt, für solch essentielle Dinge wie „Sprache“ absolut notwendig ist.

Ich persönlich sehe hinter dieser mit Hochdruck vorangetriebenen Sprachideologie ein weiteres Mittel, die Gesellschaft sowohl zwischen den Geschlechtern als auch zwischen den Generationen mittels der Sprache zu spalten und gegeneinander aufzuwiegeln. Dabei werden smarte Lösungen, die nur weitere Probleme und Fragen hervorrufen, als Innovationen verkauft, die aber aus meiner Sicht unreife Ideen von „Sprach-Experten“ und „Expertinnen“ sind. Die Germanistische Linguistik wird dabei über ihre Kompetenz beansprucht, indem sie für normative Zwecke missbraucht wird, obwohl sie ihrem Wesen nach immer schon deskriptiv war und ist.

Die Germanistische Linguistik beschreibt nur (deskriptiv), was sich in der Sprachrealität abspielt, sie gibt keine Regeln vor (nicht normativ). Das tun nur selbsternannte Vereine oder neue geschaffene Forschungsfelder wie der Studiengang „Genderstudies“.


Sprache – und das sollte bis hier hin deutlich geworden sein – ist immer schon ein Schlachtfeld in der Aushandlung gesellschaftlicher Entwicklungen. Missbrauchte Medien für Propaganda und Werbung, Sprachverbote oder Gruppenbildung über die Entwicklung eigener Sprachformen – dabei spielt die Sprache immer eine entscheidende Rolle. Menschen, die um die Macht der Sprache wissen, konnten zu allen Zeiten der Menschheit großen Einfluss auf Massen ausüben. Gustave Le Bon schrieb in „Psychologie der Massen“ (1890) Folgendes zur Macht der Sprache:

„Kunstvoll gehandhabt, besitzen sie wirklich die geheimnisvolle Macht, die ihnen einst die Adepten der Magie zuschrieben. Sie rufen in der Massenseele die furchtbarsten Stürme hervor und können sie auch besänftigen. Mit den Knochen von Menschen, die das Opfer der Macht der Worte und Formeln waren, könnte man eine viel höhere Pyramide als die des Cheops aufbauen.“
(S. 97)

Darum sollten wir wirklich aufpassen, wie wir mit unserer Sprache umgehen und wie wir sie benutzen, wenn sich dadurch andere Personen angegriffen fühlen. Zugleich sollten wir aber den Sprachgebrauch jedes Individuums nicht vorschnell verurteilen, weil damit ein erheblicher Teil seiner Persönlichkeit angegriffen wird. Beides erzeugt Leid. Dabei ist es stets eine rein subjektive Angelegenheit, dieses Leid zu bewerten. Jeder Mensch sollte respektiert werden. Erst durch den gegenseitigen Respekt und dem Willen zum Konsens kann eine gemeinschaftliche Entwicklung stattfinden.


von Marco Lo Voi

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