Gaia

Die Hexe

„„Ginomine et oszille mitum les annugen!“ murmelte sie in fremden Zungen, öffnete ihre faltigen Augenlider schlagartig, blickte aus alten Augen zum knorrigen Stamm und die abgestorbenen, schwarzbraunen Blätter der noch so jungen Eichen, begannen sich wieder zu spannen, sich zu recken, wieder an Farbe zu gewinnen.

Das dunkle Braun hellte sich auf, bis sie vom ockerfarbenen, grellgelben über schwaches Grün wieder eine gesunde, volle Farbe annahmen. Sie trat ein paar Schritte zurück und betrachtete zufrieden ihr Werk.
„So, nun sind die bösen Energien entwichen und du kannst wieder blühen, liebe Eiche.“

Der Wind zog durch die von neuem Leben bewohnte Baumkrone und brachte die Zweige so zum wippen, als verneige sich der Baum vor der Hexe Gaia. Ja, ihr habt richtig gehört. Ihr vernahmt nur einen kleinen Ausschnitt aus den Taten, die die Waldhexe Gaia seit Anbeginn der Zeit vollbrachte. Sie wandelte schon immer durch die Felder unserer Lebensgrundlage. Ihr fragt euch wie eine einzelne Person, selbst wenn sie eine Hexe sei, alleine über all die Bäume der Erde wachen kann – nein man muss leider sagen konnte?

Nun ja, sie hatte mehrere Körper, die von ein und dem selben Geist bewohnt waren. Jeder einzelne Körper konnte nur leben, wenn jeder andere ebenfalls am Leben war. Überall auf der Welt wandelte also eine Gestalt über die Flure der Wälder, um die negativen Energien aus den ersten Bewohnern unseres blauen Planeten auszutreiben. Doch das ist mittlerweile schon in Vergessenheit geraten.

Warum? Weil man seine Fehler gerne verdrängt, mit Absicht vergisst. Ihr wollt den Grund für Gaias Verschwinden erfahren? Gut, denn dafür bin ich, Chronos, Wächter der Zeit und der Geschichte, hier, um die wichtigen Ereignisse der Erdengeschichte festzuhalten, sie nicht gänzlich vergessen zu machen.

Hexe

Die Schöpfung

Alles begann mit Euch. Richtig, ich meine die ganze Menschheit. Als der Gott der Schöpfung Chnum die Idee für ein komplett neues Tier hatte, beschloss er ihm die Macht des Schicksals für eine unbestimmte Zeit zu geben, es sollte, wie einst die Saurier, das Gesicht der Welt beherrschen, um den Wohlstand des Planeten zu erhalten. So zog er euch aus seinem heiligen Tongefäß und formte die ersten Menschen. Doch er hatte sich vollkommen verkalkuliert. Er hatte etwas geschaffen, das alles in einem solchen unbeschreiblichen Maße veränderte, wie er es sich niemals ausgemalt hatte.

Er konnte nicht ahnen, dass er die grässlichste Spezies schuf, die die Erde je gesehen hatte und wenn es so weitergeht, sehen wird. Zu Anfang war er zufrieden, ihr lebtet im Einklang mit der Natur und fügtet euch fugenlos in die anderen Schöpfungen ein. Alles schien in Ordnung.

Um auf die eigentliche Geschichte zu kommen, überspringe ich die komplette Vorgeschichte und komm wieder zu ihr, meiner lieben Kollegin Gaia, die durch eure Hand ihren Dienst quittieren musste. Damit diese Geschichte keinen falschen Hass schürt, sage ich nicht wo es stattfand, doch es war etwa zu der Zeit, die ihr Menschen das Mittelalter nennt. Eine Zeit, in der der Mensch seinen Bezug zur Natur vollends zu verlieren schien. Wir springen nun zu einem unbestimmten Ort auf dem Gesicht dieser Erde.

Hände

Das Dorf

Gaia lebte zu der Zeit in einem kleinen Dorf, ganz an dessen Rand, unmittelbar am Rande des Waldes. Sie hütete sich vor dem Rest der Dorfbewohner, da die Mensch seit längerer Zeit die Lust verspürten, willkürlich Mitmenschen der Hexerei zu bezichtigen, um sie anschließend grässlichst zu ermorden.

„Habt ihr gehört? Megara soll auch eine Hexe sein!“ entbrannte erneut eine der beinah täglich geführten Dorfgespräche, auf dem morgendlichen Markt.
„Ja, Lloyd der Fischhändler habe sie im Wald gesehen, als sie mit einem Vogel sprach.“
„Mit einem Vogel? Heißt das, Hexen können nun auch mit Tieren sprechen?“
„Natürlich! Das weiß doch jeder!“
„Ich höre das zum ersten Mal, ich dachte sie würden sich damit begnügen Kinder zu fressen, nun machen sie mit den Tieren des Waldes gemeinsame Sache!“
„Was?! Es wird schon wieder ein Kind vermisst? Wir sollten zum Dorfsprecher gehen und gemeinsam der Sache mit Megara auf den Grund gehen. Der Priester sagte, wir sollten jedes Anzeichen von Hexerei melden!“
„Ja! Gehen wir!“

So und so ähnlich gingen die täglichen Gespräche des Dorfpöbels, der sich aus Angst selbst verdächtigt zu werden, äußerst reaktionär, gemeinsam gegen einen anderen aussprach, um der Hexenprobe zu entgehen.

Die Krankheit der Bäume

Während Gaia wieder durch die Wälder streifte, um kranke Bäume zu heilen, wurde im Dorf gemordet und die freigesetzten bösen Energien befielen weitere Bäume.
„Ja, ich spüre es auch. Es erkranken immer häufiger Bäume, sie sind der Bosheit des Menschen nicht mehr gewachsen.“
Sprach sie während ihrer nächtlichen Wanderung zu einem Spatz, der auf ihrer Schulter saß.

„Was sagst du? Ja, ich habe die verkohlten Leichen gesehen. Oh, nein, deine ganze Familie?“
tiefe, ehrliche Trauer befiel Gaia, als sie von der Leidensgeschichte des kleinen Spatzes hörte, der ihr von seinem Schicksal erzählte. Die Dorfbewohner hätten die Brandrodung für sich entdeckt und setzten nun ganze Waldteile in Brand, um für ihre Herden Platz zu schaffen und dabei wurde auch die Birke, in der der Spatz sein junges Nest, mit den frisch gelegten Eiern und seiner Gattin, bewohnt hatte, in Asche verwandelt.

„Und sie ist nicht geflohen? Eine wirklich tapfere Frau. Nun zeig mir bitte die Stelle.“
Die Spatzin hatte bis zuletzt bei ihrem Nest gesessen, um ihre Brut zu verteidigen, dabei ließ sie in den Flammen ihr Leben. So machte sich Gaia auf, um sich das Massaker anzusehen.

Bäume

Das Schicksal

„Gaia, wirklich? Diese unscheinbare alte Dame?“
„Ja, Holzfäller Junas, der eines Nachts noch hinauswollte, um einen frisch gefällten Baum kleinzuhacken, habe sie gesehen, wie sie ohne Licht und ganz allein ihre Hütte verließ und im Wald verschwand. Sie solle das jede Nacht machen.“
Mit einem solchen Gespräch begann das verhängnisvolle Schicksal der unsterblichen Seele Gaias.

„Wir sollten sie noch beobachten, ich mochte die alte Dame immer irgendwie, auch wenn sie ziemlich selten im Dorf gesehen wird.“
„Aber hast du sie jemals in der Kirche gesehen?“
„Hm, jetzt wo du es sagst. Meinst du sie gehört zu diesen Heiden von denen der Priester immer spricht?“
„Wer weiß, heutzutage kann man sich nie sicher sein.“
„Was ist eigentlich aus der Sache mit Megara geworden?“
„Warst du nicht dabei? Sie ist nicht wieder aus dem Fluss aufgetaucht nach der Hexenprobe.“
„Und? War sie eine Hexe?“
„Keine Ahnung, die Leiche wollten sie uns nicht zeigen, aber wir wurden vor weiteren Hexen gewarnt, die unter uns leben sollen.“

Wieder war eine junges Mädchen dem Wahnsinn zum Opfer gefallen und wieder erkrankte Bäume an der freigesetzten bösen Energie, weil sie nicht mehr im Stande waren, diese zu reinigen. Sie waren schlichtweg überfordert und verloren dadurch ihre Lebenskraft.

Baum

Die letzte Tat

„Est at linomen gullun sam pillam net kallem“ erklang Gaias knorrige Stimme in der finsteren Nachtluft, die nur durch das ferne Rufen eines Uhus und dem Zirpen einiger Grillen begleitet wurde. Sie bündelte die positiven, verirrten Kräfte in ihren Fingerspitzen bis in den letzten Zentimeter ihrer langen, schmutzigen Fingernägel und rammte sie dann schlagartig in die verbrannte Erde.

Damit aktivierte sie dutzende Samen, die den Brand überlebt hatten und nun in der Erde schlummerten, um durch den noch ausbleibenden Regen aktiviert zu werden.
„Was sagst du? Ja du hast leider recht, ich glaube auch, dass der Regen noch auf sich warten lassen wird.“
Sprach sie zu dem Spatz, der sein kleines Köpfchen Richtung Himmel gestreckt hielt und leise vor sich hin pfiff.
„Hm, ich greife nur ungern so drastisch ein, doch große Probleme wollen mit großen Mühen beseitigt werden.“

Mit diesen Worten griff sie in einen kleinen Beutel, den sie stets bei sich trug, um Rituale wie dieses jederzeit vollziehen zu können. Für Notfälle wie diesen. Aus dem Beutel holte sie verschieden große, farbige Steine, die in einem seltsamen Licht schimmerten, als fließe zähflüssiges Blut durch die steinernen Venen der magischen Felsstücke.

Sie formte ein heidnisches Symbol auf dem Waldboden, indem sie die Steine peinlich genau an ihre entsprechenden Plätze vor sich legte. Bei einem mächtigen Zauberspruch wie diesem durfte nichts schief gehen, deswegen ging sie in ihrem uralten Gedächtnis jede Einzelheit der Platzregenkantate mehrfach durch.

Es war schon eine ganze Weile her, seitdem sie diesen Spruch das letzte Mal wirkte, doch in Anbetracht ihres ewigen Lebens, war es wohl doch nicht mehr als ein Augenblick. Sie murmelte die Formel zwischen ihren schiefen Zähnen, während sie die letzten Steine korrigierte. Nun positionierte sie sich selbst im Zentrum des Symbols und streckte ihre dürren Arme nach oben.

„Akwam nall sei dinem kwom patrak nom…“

So formte sie weitere Zeichen mit ihren scharfen Fingernägeln in die Luft und trug die singsangartige Zauberformel wie in Trance vor. Wie lang dies genau dauerte, könnte uns nur der kleine Spatz verraten, doch dessen Nachfahren sind schon vor einigen Jahren vom Gesichter eurer Erde verschwunden.

Als das Ritual seinem Ende entgegen ging, zogen dicke, dunkle Wolken auf, die sich direkt über das verbrannte Waldstück auftürmten und den Mond und die Sterne verschleierten.

Eule

Regen der Vorahnung

Der Regen hielt mehrere Stunden an und Gaia, den Spatz immer noch auf ihren Schultern, blickte aus den beschlagenen Fenstern ihrer Hütte in die Dunkelheit hinaus. „Das ist ein spezieller Regen musst du wissen.“ fragend fiepte der Spatz eine Entgegnung. „Oh, nun ja. Ich habe die Energien der Atmosphäre, den lebensspendenden Äther, im Wasser gelöst und dieser wird in kürzester Zeit die jungen Triebe aus den Samen heraustreiben.“ Ihr uralten Augen blickte trüb auf das plätschernde Schauspiel.

„Mit mir geht es zu Ende. Ich spüre die Gefahr in der Luft.“ Ängstliches Piepsen drang noch durch die Nachtluft, als sich eine aufbrausender Lärm in der Nähe ihrer Hütte zusammenbraute.
„Diese Ahnungslosen, nun sind sie endlich gekommen.“ Mit schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck kniff sie ihre faltigen Lider zusammen und schritt richtung Tür.

„Gaia! Komm‘ heraus!“ der Lärm, den der wütende Mob verursacht hatte verebbte schlagartig und der Dorfsprecher trat mit einer erhobenen Harzfackel aus der Menge hervor. Die komplette, erwachsene Dorfgemeinde hatte sich vor der kleinen, moosbewachsenen und strauchüberwucherten Hütte versammelt, bewehrt mit den verschiedensten Kruzifixen, Mistgabeln, noch mehr Fackeln und Beuteln voller Salz. Sie blickten auf die Tür, die noch verschlossen war.

Menschen - Sillhouetten

Die Blindheit der Menschen

Mit einem leisen Knarren öffnete sich die morsche Holztür und heraus trat sie, die todgeweihte Naturerhalterin.
„Da ist sie, das ist sie!“ erklang die Stimme des hysterischen Holzfällers Junas.
„Ich habe sie heute Nacht wieder gesehen, sie hat seltsame Dinge geflüstert, ich hab sie gesehen, ich wollte ein paar verkohlte Baumstämme wegschleppen und plötzlich kam ein Sturm auf…“ großer Tumult brach wieder unter der Menge aus.
„Hexe!“ und ähnliche Verschwünschungen wurden durcheinander gerufen.
„Spar dir das für das Gerichtsverfahren!“ unterbrach ihn der Dorfsprecher und sorgte wieder für Ruhe.

„Ihr wollt mich also mitnehmen?“ erhob sie leise, doch deutlich und durchdringend ihre Stimme und eine Stille befiel die regennasse Atmosphäre, sodass nur noch das Rauschen des heilenden Regens zu hören war.
„So ist es.“ brach der Dorfsprecher zögernd die Stille.
„Es gibt Verdacht auf Praktizierung verbotener Künste Gaia, auch sah man Euch nie in der Messe, Ihr sollt mit Tieren sprechen und…“
„Bäume, Pflanzen und Wiesen heilen?“ vollendete Gaia den Satz des Sprechers, wohl etwas anders, als dieser es getan hätte.

Er stutzte, doch die Menge begann sogleich wieder ihre Verwünschungen zu brüllen, sodass die Gedanken des Vorstehers untergingen. Ohne Furcht, doch mit wachsender Gewissheit, spürte Gaia, dass es wohl keinen Weg zurück gab. Sie ging auf die wütende Gemeinde zu. Diese wich jedoch etwas zurück, anstatt sich auf sie zu stürzen.

„Wisst ihr, was ihr tut?“ flüsterte Gaia leise, doch ihre Stimme schien von den Bäume wiederzuhallen und die Menge verstummte erneut.
„Wisst ihr, was ihr tut?!“ Sprach sie erneut, etwas lauter und ein fernes Donnergrollen bebte auf. Da erhellte auch schon der erste Blitz die Szene und die Menschen zuckten zusammen.

„Mit mir,“ hob sie an, „steht und und fällt die Natur! Ich bin ihr Herz! Ihre Seele! Ihr Atem! Ihre Mutter!“ Das Donnern und Blitzen verstärkte sich und der Himmel verdunkelte sich immer weiter, obwohl es bereits finstere Nacht war. Ihre Stimme schwoll wie ein reißender Fluss bei einem plötzlichen Platzregen an und entwickelte die Lautstärke eines rauschenden Wasserfalls.

Doch ebenso plötzlich wie ihr Gefühlsausbruch aufkam, lichteten sich die Wolken auch wieder, der Regen verebbte langsam und sie schritt weiter auf die Menge zu. Sie ging mitten durch den Mob, der sie zwar einkreiste, aber stets einen, bis zwei Meter Abstand zu ihr hielt. Die Münder waren versteinert, keiner sprach ein Wort. Langsam ging die Menge zum Dorfplatz, zum Kern der Siedlung, direkt neben die kleine Kirche, wo der Scheiterhaufen schon bereit stand.

Engel

Der Anfang vom Ende

Man hatte sie bei lebendigem Leib verbrannt, keiner hatte ihre Glauben geschenkt, ihr Schicksal war besiegelt und damit auch eures. Überall auf der Welt starben die Waldhexen, da ihr gemeinsamer Geist ausgelöscht wurde. Nun war niemand mehr da, der die Bäume und Pflanzen heilte.

Deswegen stehe ich hier. Vor dem letzten Baum, den letzten Menschen. Erzähle euch, wer euren Untergang besiegelt hat. Das ward ihr selbst! Ihr kurzsichtigen, dummen Menschen! Chnum schämte sich so sehr, dass er den Götterhimmel verlassen hat und ein gefallener Gott wurde, der im Tartarus sich seiner endlosen Selbstzweifel hingibt.

Ich sehe euch, hier auf den Ursprung eurer Entwicklung zurückgeworfen. Ihr haust in Höhlen, die Erde ist verbrannt, alles Leben verwelkt und verwirkt. Eure unendliches Wissen hat euch alles nichts genutzt. Die Industrialisierung, wie ihr sie nanntet, die Technisierung, das Raumfahrtszeitalter, die Kybernetik, die künstliche Intelligenz, der Atomkrieg, oh ihr konntet euch nicht schneller selbst vernichten, als ihr es getan habt.

Und jetzt geht und verewigt die Geschichte eures Scheiterns in die schwarze Erde, damit die zahlreichen Lebensformen, die eines Tages vielleicht auf diesem neugeborenen Mond landen, dieses Mahnmal erblicken und sich besinnen werden. Geht ihr törichten Menschen! Gebt eurem kurzen Leben einen letzten Sinn, eure Zeit ist vorbei!“


von Marco Lo Voi

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s