Über die All-Einheit und die Illusion der Dualität

Das Zentrum „des Universums“

Beginnt ein Individuum die Beschreibung des Universums, sieht es sich bereits zu Beginn vor ein nicht zu überwindendes Hindernis gestellt: Die Subjektivität. Dies bedeutet, dass ein einzelner Mensch alles von seinem Punkt der Wahrnehmung aus betrachten muss. Diesen Punkt der Wahrnehmung kann er oder sie nicht verlassen. Aus seiner oder ihrer Sicht erfolgt also seine oder ihre Beschreibung von dem, was er oder sie als Realität erachtet.
Unser gewöhnliches Tagesbewusstsein ist zudem von unseren Sinneseindrücken und unserem (Nach-)Denken geprägt. Wir sehen, fühlen, schmecken, hören und denken in erster Linie mit dem Neocortex des Hirns, der all die Eindrücke mit angelernten Mustern abgleicht und einordnet.

Möchte also ein einzelner Mensch sich der großen Aufgabe annehmen, etwas über die Beschaffenheit des Ganzen, des uns alle Betreffenden („lat. universus“) zu sagen, ist dessen Sicht auf „das Universum“ im Eigentlichen nur die Beschreibung dessen „eigenes“ Universums, in welchem das jeweiligen Individuum als einziges Zentrum angesiedelt ist (siehe Bild 1). Würde ein Mensch niemals auf einen anderen Menschen treffen, so muss dieser Einsame irgendwann der Annahme unterliegen, es gebe nichts anderes als das, was er oder sie im jeweiligen Moment wahrnimmt.

Bild 1: Das Individuum stellt das Zentrum seines „eigenen“ Universums dar

Wenn zwei Menschen jedoch in Interaktion treten, dann glauben beide Menschen jeweils für sich, die andere Person wäre ebenso wie sie selbst ein Teil „des Universums“ (siehe Bild 2). Doch genau hier lässt sich meines Erachtens bereits der Urgrund für die allermeisten Missverständnisse und den daraus resultierenden Konflikten finden: Sowohl Person A (Grün = Subjekt) als auch Person B (Rot = Objekt) nehmen sich als Person A (Grün = Subjekt) war, während das Gegenüber für sie immer Person B (Rot = Objekt) ist. Ein Beispiel: Max und Moritz wollen sich am Bahnhof treffen. Max ist bereits vor Ort und wartet. Moritz kommt etwas später und sieht Max schon am Gleis. Aus Sicht von Max sieht er als Person A/Subjekt, Moritz als Person B/Objekt auf sich zukommen. Moritz hingegen sieht sich ebenfalls als Person A/Subjekt, die auf Max, Person B/Objekt, zuläuft. Wer steht in dieser Situation im Zentrum „des Universums“ bzw. wer ist Teil „wessen Universums“? Niemand und beide. Diese „beschränkte“ weil menschlich-sinnliche Sicht nennt man „Dualismus“.

Bild 2: Person A (Grün) und Person B (Rot) treten in Interaktion

Weder Max noch Moritz können eigentlich für sich in Anspruch nehmen, im Zentrum „des Universums“ zu stehen. Nur leider tappen wir alle auf Grund unserer beschränkten Wahrnehmung immer wieder in diese „Ego-Falle“. Wir stellen uns immer wieder ins Zentrum „des Universums“, weil wir einzig und allein durch unsere individuelle Wahrnehmung Annahmen über „das Universum“ treffen. Je banaler und trivialer diese Annahmen für das jeweilige Individuum erscheinen, desto eher neigen wir dazu, diese Annahmen als „Fakten“ oder „Tatsachen“ über „das Universum“ anzusehen. Treffen wir auf ein anderes Individuum, das die eigene Annahme bestätigt, bestärkt uns das in unserer Annahme und unsere Überzeugung steigt. Wenn jedoch ein anderes Individuum der eigenen Annahme widerspricht, kann dies umso mehr verunsichern, verwirren oder gar eine handfeste Konfrontation hervorrufen, je tiefer ein Individuum in der „Ego-Falle“ steckt – oder: wie sehr dieses Individuum sich an die sinnliche Welt des „Dualismus“ klammert.

Wenn also Max zu Moritz sagt, er würde im nächsten Wahlkampf die AFD wählen, so würde Moritz sich als fleißiger Konsument der Tagesschau und Spiegel-Abonnement vermutlich regelrecht über seinen „Freund“ empören. Als „wahrer Demokrat“ und Freund einer liberalen Gesellschaft „muss“ man doch gegen die AFD sein. Wer für die AFD ist, kann kein Demokrat sein – so eine landläufige Meinung. Dies ist ein plakatives Beispiel dafür, wenn mit „dualistischer Sicht“ auf ein gesellschaftliches Thema geblickt wird. Ich vs. Du – Wir vs. Ihr.

Bild 3 zeigt, wie sich die Dinge aus meiner Sicht zwischenmenschlich verhalten.

Bild 3: Person X (Blau) und Person Y (Rot) treten in direkte Interaktion (verbundene Linie); Person Z (Grün) verbleibt außerhalb der Interaktion (gestrichelte Linie); alle drei Personen erleben „das“ Universum durch sich als einzig mögliches Zentrum = sie erleben ihr „eigenes Universum“

Treten zwei Individuen (Person X und Person Y) in direkte Interaktion, nähern sich deren jeweiliges Universum einander an, überschneiden sich im Zuge der Interaktion irgendwann, sind aber dennoch voneinander verschieden und werden es auch immer bleiben. Je mehr man auf verschiedenen Wegen mit anderen Individuen in Kontakt tritt, desto mehr kann sich das eigene Universum mit den anderen Universen überschneiden. Tritt ein Individuum nicht in Interaktion mit anderen, bleibt dessen Universum von den anderen getrennt (Person Z).

Was ist dann „Wahrheit“?

In einem früheren Beitrag habe ich erläutert, wie sich die Beziehung zwischen Mensch und Natur verhält. Dies hab ich in folgender Darstellung zusammengefasst:

Bild 4: Der Mensch und von ihm wahrgenommene „Phänomene“; alles Teil der allumfassenden Natur

Genau so verhält es sich mit „dem Universum“. Das Universum, was uns alle umgibt und dessen Zentrum wir nicht kennen, umfasst alle von den jeweiligen Individuen konstruierte Versionen „des Universums“. Somit kann jedoch niemand endgültige Aussagen über „dieses eine Universum“ treffen, da wir alle nur ausschnittsweise und aus unserer Perspektive betrachtet Einblick in „dieses eine Universum“ erhalten:

Bild 5: „Das Universum“ (weiße große Kugel) beinhaltet alle möglichen Universen der einzelnen Individuen (bunte kleine Kugeln), die größere oder kleinere Ausschnitte des gesamten Universums abdecken können.

Bereits die Philosophen der griechischen Antike haben dies verstanden. Und dennoch nahmen sie sich Kraft ihrer Selbstbezeichnung der Aufgabe an, der „Wahrheit“ auf den Grund zu gehen. So bedeutete das Wort „Philosoph“ bei Heraklit so viel wie „Freund der Weisheit“. Später veränderte sich die Bedeutung leicht und aus dem Freund der Weisheit wurde der Forscher „nach letzter, umfassender Klarheit und Wahrheit“ (Literaturquelle 1). „Philosophie“ meint also die „Liebe zur Wahrheit“. In Europa kam man im Mittelalter durch die Übermacht der Kirche jedoch von diesem Wege für eine gewisse Zeit ab. Mit der Renaissance, die in die Aufklärung mündete, erwachte jedoch das philosophische Feuer erneut und so war es der Deutsche Immanuel Kant, der mit seinem messerscharfen Verstand die Suche nach einem Beweis für den „Gott“ der abrahamitischen Religionen beendete und damit den Absolutheitsanspruch, den diese Weltmacht einfordernden Religionen erhoben, zertrümmerte.

Bis dato galt also das als richtig, was von der Kanzel durch die Geistlichen als vermeintliches Sprachrohr des allwissenden Gottes gepredigt wurde. Kant hat aber klar aufgezeigt, dass ein Individuum durch seine Sinne begrenzt niemals einen philosophisch stichhaltigen Beweis eines „allwissenden Gottes“ erbringen kann. Er definierte „Gott“ als ein „Noumenon“, das nichts weiter als eine Idee ist und bleibt, die zwar angenommen werden kann, niemals aber über den Status einer Idee (ideal) hinaus zu einer gemäß den Regeln der Philosophie erkennbaren „Wahrheit“ (real) geführt werden kann. Kant hat es also erstmals geschafft hat, die Ideenlehre Platons, die als Grundlage der Religionen angesehen werden kann, und die aristotelische Beweisführung, die die Grundlage der Naturwissenschaften bildet, ineinander aufzulösen, indem er die bis dahin geltenden harten Grenzen neu definierte und deren Wechselspiel miteinander aufschlüsselte.

Man könnte also vereinfacht sagen: Kant hat sehr ausführlich die sokratische Erkenntnis erneut bestätigt: „Ich weiß, dass ich nicht weißt“. Was also letztendlich „Wahrheit“ ist, kann nur innerhalb der Grenzen eines durch ein einzelnes Individuum wahrnehmbares Universum für eben dieses Universum, und dies wiederum nur innerhalb der Grenzen des von menschlichen Sinnen erfahrbaren Wahrnehmungsbereichs festgelegt werden. So kommt man zu dem Schluss: Jedes Individuum erschafft sich seine eigene Welt, indem er oder sie Moment für Moment entscheidet, was er oder sie als „wahr“ erachtet. So glauben manche an einen Gott, andere nicht. Andere glauben an Wiedergeburt, wiederum andere glauben nur das, was in ihrer Lieblingszeitung steht. Manche glauben nur an „die Wissenschaft“, andere vertrauen auf die Macht des Übernatürlichen.

Die „Ego“-Manie der modernen Gesellschaft

All das, was bisher hierhin erläutert wurde, spielt sich innerhalb der Grenzen des individuellen Bewusstseins ab. Die aristotelischen Wissenschaften ergehen sich in einer nicht enden wollenden Suche nach der „Wahrheit“ mit den begrenzten Mitteln des menschlichen Verstandes und der menschlichen Sinne, obwohl Kant bereits klar gemacht, wie überschaubar doch die Erkenntniskraft eines Menschen ist. Die „klassischen“ Naturwissenschaften argumentieren mit Logik und Verstand innerhalb einer dualistischen Wahrnehmungswelt, in der der Glaube vorherrscht, wenn nur viele Individuum derselben Meinung seien, wäre diese Gruppe damit näher an der Wahrheit als eine einzelne Person, die vielleicht der absolut gegensätzlichen Meinung ist. Und das, obwohl die Wissenschaftsgeschichte zahlreiche Beispiele kennt, in welchen immer wieder einzelne Pioniere, Freigeister und Querdenker (im alten Sinne) schlussendlich Recht behielten, während die Mehrheit um sie herum gegenteiliger Meinung waren.

Dennoch erlebten wir jüngst im Verlauf der Corona-Pandemie, wie mit tollkühner Gewissheit von „Erkenntnissen“ und „Zahlen“ und „wissenschaftlichen Beweisen“ und einer wahren Flut an sogenannten „Faktenchecks“ von allen Seiten um sich geworfen wurde, während sich im Nachhinein herausstellt, wie erschreckend erkenntnisentfernt doch viele politische Entscheidungen bezüglich der Corona-Maßnahmen gefällt wurden und wie wenig doch tatsächlich über die Wirkungsweise der milliardenfach verabreichten Impfstoffe bekannt war und noch immer ist, was sogar Bill Gates inzwischen eingeräumt hat. Seine Fondation hat zudem bereits die Anteile an den Impfstofffirmen mit einer satten Rendite von rund 260 Millionen Dollar abgestoßen.

Es zeigt sich also: alleinig die Behauptung über „eine Wahrheit“ kann diese Behauptung für viele Individuen in ihrem eigenen Universum zu einer Wahrheit werden lassen. Und je mehr Individuen eine „echte“ oder auch eine „vermeintliche“ Wahrheit in ihrem Universum als „wahr“ erachten, desto unverrückbarer scheint diese zu werden. Dies zeigt, wie durchlässig die imaginären Mauern des persönlichen Universums vieler Menschen doch ist. Sie akzeptieren ohne großes Wenn und Aber fast jede Behauptung, solange diese von den „richtigen“ Instanzen kommen. Zugleich scheinen immer mehr Menschen immer tiefer in die Ego-Falle zu geraten, da seltene und randständige Wahrheiten von Individuen reflexartig als „unwahr“, „abwegig“ oder schlicht „falsch“ etikettiert werden; aber dies führt an dieser Stelle zu weit.

Feststeht: solange ein Individuum sich auf seine sinnliche Wahrnehmung und sein Nachdenken verlässt, erlebt es sich von anderen Individuen und damit von dem „einen Universum“ als getrennt. Die Sinne ermöglichen es uns, das eigene Selbst durch die Abgrenzung von den Eindrücken der Umwelt und vor allem durch andere Individuen zu erkennen. Schon am Eingang des Orakels von Delphi steht geschrieben: Gnothi seauton. Dies bedeutet in etwa: „Erkenne dich selbst“. Das „wahre“ Selbst zu ergründen ist eine grundsätzlich sehr menschliche Angelegenheit und unterscheidet uns am aller deutlichsten von der übrigen Tierwelt.

Und weil die moderne Gesellschaft keinen Gott mehr kennt, sucht sie die Anbindung an das eigene Selbst immer verzweifelter in der Sinnesbefriedigung auf konsumerischer oder auf identifikativer Weise, indem Medien, Drogen und Essen verschlungen und eine fast schon wahnhafte Frage nach der Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Gruppen entsteht, die sich nach Geschlecht (Cis-Mann, Cis-Frau, LGBTQ++, etc.) , Hautfarbe (POC und der Rest), politischer Ausrichtung (AFD vs. der Rest; „Klima-“ oder „Coronaleugner“ vs. der Rest; Geimpfte vs. Ungeimpft, etc.) oder nach sonstigen Kriterien richtet. All dies dient einzig und allein der gesellschaftlichen „Ego-Manie“, die niemals endende Suche nach neuen Wegen, Begriffen und Formen, das eigene „Ego“ mittels dualistischer Vorgehensweise bestätigt zu sehen, indem man sich von anderen abgrenzt.

Die Auflösung des „Selbst“

Ein anderer Weg, der sich in den letzten Jahren ebenfalls wachsender Aufmerksamkeit erfreut, ist die Abkehr vom Blick ins Außen und die Ausrichtung auf die Innenwelt. Das, was spirituelle Strömungen seid tausenden von Jahren lehren, hat sich in den letzten Jahren sturmflutartig zu einem neuen Markt entwickelt. Was zögerlich mit der Suche nach einer „weniger anstrengenden Form“ des Sports begann und dann in das westliche Verständnis von Yoga mündete, hat sich förmlich zu einem „Entspannungs-“ oder „Bewusstseinsmarkt“ entwickelt. Wo vor ein paar Jahren noch jede und jeder mal „Yoga“ ausprobiert hat, hat heute jeder und jede dritte schon mal „eine Meditation“ versucht.

Was dann bei ein paar Menschen zur allgemeinen Entspannung beiträgt, ist für viele oft recht schnell ermüdend und nichtssagend. Die allerwenigsten finden dann wirklichen Zugang zu einem tieferen Verständnis von „Meditation“. Was zunächst tatsächlich als eine „Ent-spannung“ angedacht ist, ist im ganzheitlichen Bild der Bewusstseinsarbeit nur ein erster bescheidener Schritt auf dem Pfad hin zum eigentlichen Ziel der Meditationsarbeit: die Auflösung des Selbst.

Im Buddhismus sprechen manche auch davon, „den „Geist heimzubringen“ oder die „Natur des eigenen Geistes“ zu ergründen. Dazu verwenden sie unzählige Metaphern und Geschichten, um auf immer andere Art immer dieselbe an sich unbeschreibbare Sache zu verbildlichen. Wenn wir also mittels einer Entspannungs-Technik die Gedankenwelt soweit entschleunigt haben, erkennen wir nach ausreichender Praxis, dass der Gedankenstrom, der manchmal wie ein reißender Fluss, manchmal wie ein plätschernder Bach fließt, im Grunde eher einem Zug mit vielen Waggons gleicht. Und zwischen den Waggons kann man, wenn der Zug langsam genug fährt, die Raum zwischen den Abteilen erkennen.

Konzentrieren wir uns auf eben diese Lücke, erkennen wir die Möglichkeit der Gedankenfreiheit. Wenn es also Gedankenfreiheit gibt, kann diese kurze Gedankenfreiheit auch länger werden, denn: alle Gedanken spielen sich innerhalb der Erfahrungswelt unseres Selbst, unseres Egos, ab. Je ausgeprägter unser Ego ausgestattet ist, desto vollgepackter ist unser Gedankenzug. Darum leben Mönche schlicht, besitzlos, mit einer einfachen Robe, geschorenen Haaren und oft zurückgezogen, um eben diesen Ego-Zug Stück für Stück zu entladen, bis am Ende der Zug selbst nicht mehr gebraucht wird, weil gar keine Waggons mehr zu transportieren sind.

Übertragen auf die Bilder 1, 2,3 und 5 bedeutet das: erst mit dem Auflösen des Selbst, mit dem Leeren des Gedankenzuges, verschwindet das Zentrum unseres „eigenen Universums“ und wir verbinden uns auf „übersinnlicher“, „nicht-menschlicher“ Ebene mit dem „wirklichen Universum“, das alles beinhaltet.

Bild 6: Auflösung des Selbst führt zu Auflösung des eigenen Universums und zur (Wieder)-Anbindung an das gesamte Universum

Lösen wir also unser Selbst, unser Ego auf, vereint sich unser Bild des Universums, das sich aus unseren sinnlichen Vergangenheits- und Gegenwarts-Erfahrungen zusammensetzt, mit dem „wahren Universum“, das eben nicht sinnlich sondern rein spirituell erfahrbar ist. Dieser Vorgang entspricht einem der ursprünglichen Bedeutungen des Wortes „Religion“: „Wieder-Anbindung“. Nur in diesem Vorgang ist das tatsächliche Gefühl von Ganzheit und bedingungslosem Glück zu finden. Denn dort ist jedes Streben, jedes Wollen und damit jedes Gefühl von Mangel abwesend. Das ist das, was man als Erleuchtung bezeichnen könnte. Es ist die Erkenntnis darüber, das alles miteinander verbunden ist und darum alles zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort da ist. Die spirituellen Praktiken der verschiedenen Traditionen kennen sehr viele Wege, das Selbst dem Großen, dem Ganzen, dem Unendlichen, dem Allmächtigen, dem „Gott“, der Natur hinzugeben, wo es ja schließlich ohnehin die ganze Zeit schon ist. Bereits in diesem einen Moment.

Hände

Das Altbekannte gehen lassen

Die Abkehr von der „Welt“, von dinglichen Besitztümern, die reine Einfachheit ist das, was Mönche und Nonnen uns vorleben. Sie begeben sich in straff organisierte Systeme, um die Abkehr vom so menschlichen Bestreben nach vermeintlicher Sicherheit in vermeintlicher Freiheit zu praktizieren. Warum vermeintliche Sicherheit? Ist es sicherer, allein und nur in den Tag hinein nur sich selbst zu dienen? Oder verschafft ein gemeinschaftliches Streben nach einem höheren Ideal nachhaltige Sicherheit? Warum vermeintliche Freiheit? Ist man freier, wenn man jedem aufflammenden Bedürfnis sofortige Befriedigung verschaffen kann? Oder führt die Reduktion der Bedürfnisse an sich in die Freiheit, da die Notwendigkeit der Befriedigung immer neuer Bedürfnisse entfällt?

Neben der Abkehr von der „Welt“ ist es aber umso wichtiger, sich von der Vorstellung abzuwenden, man selbst sei das Zentrum des Universums. Doch Vorsicht! Dies bedeutet nicht, das eigene Leben sei unwichtig. Jede und jedes einzelne Wesen ist eine eigene Version, ein einzigartiger Ausdruck derselben schöpferischen Energie und darum genauso wichtig wie jede und jeder andere und damit wie die Schöpfung an sich. Wer das eigene Leben nicht ehrt, ehrt nicht die Schöpfung. Wer das eigene Leben über das anderer beseelter Wesen stellt, verfängt sich in den Fäden des Dualismus, gerät in die Ego-Falle und verirrt sich auf den Pfaden zum wahren Selbst, zur All-Einheit, zum Universum, zu Gott.

Unser Ego gehen zu lassen heißt, Gedanken als Gedanken zu entlarven, Emotionen als Reaktionen auf sinnlich-subjektiver Erlebnisse zu begreifen, die wir irrtümlicherweise als Bausteine für unser persönliches Bildnis von unserem Selbst nutzen. Wir erzählen uns selbst über Erfahrungen mit der Außenwelt eine Geschichte über uns selbst und zementieren die Wände unseres eigenen kleinen Universums, vermauern uns im Dualismus und haben somit keinen Zugang zur All-Einheit. Unser Ego gehen zu lassen heißt, das Bildnis unseres Ichs zu zerlegen. Für manche mag es sich wie „Sterben“ anfühlen. Und darum ist genau dies eine so große Herausforderung für jede und jeden.

Um für sich zu prüfen, inwieweit man bereit ist, den Weg der Selbsterkenntnis zu gehen, kann man die eigenen Gefühle beobachten, wenn man für sich über die Themen „Loslassen“, „Festhalten“, „Sterben“ und „Leben“ reflektiert. Man kann sich darin üben, Menschen zuzuhören oder gar mit ihnen zu sprechen, die völlig andere Meinungen zu einem bestimmten Thema haben, nur um sich selbst mit Zweifel über die eigenen Wahrheiten in Auseinandersetzung zu begeben und dadurch vielleicht sogar alte Annahmen über die Realität zu verwerfen und aufzulösen. Ich selbst habe vor Kurzem erst verstanden, warum sich Anhänger verschiedener Religion vor Symbolen, Statuen und Bildern verneigen oder gar auf die Knie gehen. Natürlich mag es dabei oft um großen Machtmissbrauch gehen, indem Unterwürfigkeit gepredigt wird, aber jüngst kam mir eine andere Lesart zu Ohren: Es geht manchen darum, durch das Verneigen vor dem Universum, der Natur oder auch „Gott“ das eigene Ego aus der durch unsere Sinneswahrnehmung entstandene Zentralposition im Universum an eine Randposition zu verschieben. Einfach ausgedrückt: Man verneigt sich vor dem Leben, um sich selbst im Angesicht des Großen nicht so wichtig zu nehmen.

Ich glaube, es täte der Menschheit sehr gut, sich weniger wichtig zu nehmen. Zugleich sollte aber das menschliche Potential, seine durchaus wichtige Rolle in der Schöpfung nicht negiert werden. Es erscheint mir, als gäbe es für den Menschen derzeit nur ein Problem: den Menschen. Daraus ergeben sich anscheinend nur zwei Lösungsansätze: Der Mensch muss einfach aussterben. Oder der Mensch muss seinen Einfluss auf die Welt auf 0 reduzieren, er muss „neutral“ werden. Beide Ansätze sind aus meiner Sicht zum Scheitern verurteil, weil sie aus einer kollektiven Ego-Falle heraus entstanden sind. Die Veränderung ist eben nicht im Großen zu suchen, wie es beispielsweise Klima-Aktivisten fordern, sondern nur im Individuum selbst, das das große Ganze im Kleinen bereits jetzt und überall in sich trägt.

Literaturquelle 1: Heinrich Schmitt (1961): Philosophisches Wörterbuch, 16. Auflage, Verlag: Alfred Kröner: Stuttgart, S. 290-293.


von Marco Lo Voi

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