Religionskriege – Ist Frieden unmöglich?

Israel und Palästina – Ein multidimensionaler Konflikt

Die Eskalation des Palästina-Israel-Konflikts beschäftigt die Weltgemeinschaft derzeit fast noch stärker wie kurz zuvor noch der Ukraine-Russlandkrieg. Eine objektive Betrachtung dieses Konflikts scheint kaum möglich, da hier verschiedene Dimensionen in der Analyse berücksichtigt werden müssten, die einerseits von Außenstehenden schlichtweg nicht nachvollzogen werden können und andererseits stark emotionalisiert sind. Von welchen Dimensionen spreche ich hier? Im Falle des Nah-Ost-Konflikts steht meiner Ansicht die religiös-kulturelle Dimension an erster Stelle. Leider wird in den deutschen Medien diese Dimension relativ stiefmütterlich behandelt und nicht wirklich trennscharf betrachtet.

Zum anderen gibt es die lokal-geographische, die lokale innen- und außenpolitische, die regionalpolitische, die historische, die internationale und die geopolitische Dimension. Diese Dimensionen können teilweise auch nicht getrennt voneinander betrachtet werden, da sie in naturgemäßer Wechselbeziehung stehen. Zudem kann vermutlich niemand eine fundierte Expertise in all diesen Dimensionen zugleich aufweisen, weshalb ein Dialog hinsichtlich eines so komplexen Konflikts umso wichtiger ist. In diesem Artikel fokussiere ich deswegen die religiös-kulturelle Dimension, stelle dieser aber eine historische Einordnung voran, erörtere sozio-philosophisch das Identifikationsmerkmal „Religion“ und binde diese Erkenntnisse dann in eine reflektierende Schlussbetrachtung ein. Beginnen möchte ich mit der historischen Dimension.

Das Existenzrecht Israels

Aus deutscher Sicht ist ein „Existenzrecht Israels“ kein Diskussionsgegenstand. Es wird als gegeben angenommen. Mehr noch, in Deutschland gilt spätestens mit Merkels Ausspruch 2008 die Sicherung der Israelischen Staatssicherheit als „Staatsräson“ (Quelle). Dies ist aus historischer Sicht natürlich völlig offensichtlich und rein moralisch betrachtet eine Selbstverständlichkeit. Auch ich bin der Meinung, dass das jüdische Volk ein Recht auf Schutz mittels eines selbst organisierten Staates genießen sollte. Nimmt man aber die Sicht der muslimischen Welt ein, insbesondere natürlich der muslimischen Bevölkerung, die als Teil des ehemaligen osmanischen Reiches in dieser Region lebten, war diese mit der Gründung eines israelischen Staates von Anfang an nicht einverstanden. Wieso das so ist, ergibt sich aus der durchaus verzwickten und sehr blutigen Entstehungsgeschichte des israelischen Staates (Quelle).

Ich hatte selbst bis vor dem Verfassen dieses Artikels ehrlich gesagt nur wenige Kenntnisse über die Vorgänge in dieser Region während des 19. und 20. Jahrhunderts. Das Geschichtsverständnis meiner Generation beginnt meist erst mit den brutalen Naziverbrechen im Verlauf des Zweiten Weltkriegs und versandet dann um die Zeiten des Kalten Krieges. Der Kosovo-Krieg war in meiner Schulkarriere schon gar kein Thema mehr, obwohl dieser Krieg viel näher an der Gegenwart ist. Wie sollten wir da auch nur eine Ahnung davon haben, wie es zu so brutalen Szenen im Nahen Osten kommen kann, wie sie sich derzeit abspielen?

Historischer Abriss der Entwicklung des Konflikts

Ich möchte für das Verständnis dieses Artikels darum einen groben historischen Abriss liefern und entschuldige mich für etwaige verkürzte Darstellungen: vor dem Ersten Weltkrieg war die Region ein Teil des bereits stark im Niedergang begriffenen Osmanischen Reiches, das über 600 Jahre bestand und heute in den Staat Türkei übergegangen ist.

(Quelle)

Dementsprechend lebten dort vor allem Muslime, aber auch Christen und Juden. Noch im Jahre 1922 lebten in der Region ca. 486.177 Muslime, 83.790 Juden und 71.464 Christen. Diese Zeit war geprägt von den Umwälzungen im Zuge des Ersten Weltkriegs, in welchem das Osmanische und das Deutsche Kaiserreich gegen die Briten, Franzosen und Russen verloren. Man könnte die heutige Konfliktregion darum zunächst als „Kriegsbeute“ Großbritanniens bezeichnen, da den Briten das Mandat für diese Region übergeben wurde. Ein weiteres koloniales Projekt neben dem indischen Commonwealth.

In dieser Zeit verstärkte sich die jüdische Einwanderung in die Region, in der zuvor alle Bevölkerungsgruppen in relativem Frieden miteinander gelebt hatten. Innerhalb von 20 Jahren gab es einen enormen Zufluss an jüdischen Einwanderern. Die jüdische Bevölkerungszahl stieg um mehr als das sechsfache auf ca. 608.000, während die muslimische Bevölkerung sich auf etwas mehr als 1.000.000 verdoppelte. Diese Zahlen stammen aus dem Bericht der UN-Vollversammlung 1947 (Quelle). Dies erhöhte die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen der Juden und der Muslime. Es kam zu Gewalt und wechselseitigen Angriffen. Verschiedene jüdisch-zionistischer Terrororganisationen griffen schließlich auch vermehrt Vertreter der britischen Mandatsmacht an, die stets bestrebt waren, eine vermittelnde Rolle einzunehmen. Zugleich entbrannte in der Welt der Zweite Weltkrieg, was natürlich den Migrationsdruck in dieses Gebiet erhöhte, unter anderem weil die Juden von den Nazis brutal verfolgt wurden.

Innerhalb der „Jischuv“, wie sich die jüdische Bevölkerungsgruppe vor der Gründung des Staates Israel selbst nannte, gab es mehrere radikal-jüdische Terrorgruppen wie beispielsweise die Irgun (Quelle). Deren gewalttätigen Angriffe auf Briten und Palästinenser und der Kostenfaktor „Zweiter Weltkrieg“ veranlasste Großbritannien dazu, das Mandat zurückzugeben und sich langsam aus der Region zurückzuziehen. Die USA und die Sowjetunion begrüßten dies und es wurde im November 1947 der sogenannte „UN-Teilungsplan“ erarbeitet, der eine Zwei-Staaten-Lösung vorsah. Ich möchte einen Teil der Eingangsworte dieses Plans hier als Übersetzung zitieren:

„3. Unabhängige arabische und jüdische Staaten und das in Teil III dieses Plans dargelegte internationale Sonderregime für die Stadt Jerusalem entstehen in Palästina zwei Monate nach Abschluss der Evakuierung der Streitkräfte der Zwangsmacht, in jedem Fall aber nicht später als am 1. Oktober 1948. Die Grenzen des arabischen Staates, des jüdischen Staates und der Stadt Jerusalem werden in den Teilen II und III beschrieben.

4. Der Zeitraum zwischen der Annahme der Empfehlung der Generalversammlung zur Palästinafrage und der Herstellung der Unabhängigkeit des arabischen und des jüdischen Staates ist eine Übergangszeit.“
(Quelle, übersetzt mit DeepL).

Die arabischen Staaten akzeptierten diesen Teilungsplan allerdings nicht. Als die Briten sich am 14. Mai 1948 schließlich offiziell zurückzogen, erklärten die Jischuv sich als unabhängigen Staat und gründeten damit den Staat „Israel“, der sofort von den USA und der Sowjetunion anerkannt wurde. Natürlich akzeptieren die muslimischen Palästinenser und die arabischen Anrainerstaaten dies ebenfalls nicht und in kürzester Zeit mobilisierten sich ägyptische, syrische, jordanische, irakische und libanesische Truppen und es kam zum sogenannten Palästinakrieg, der in Israel als „Unabhängigkeitskrieg“ und von den Palästinensern als Nakba (Katastrophe) bezeichnet wird. Die Israelis trotzten der „Arabischen Liga“ und errangen nach ungefähr drei Jahren und zwei von der UN erwirkten Waffenruhen den militärischen Sieg. Dies hatte weitere Vertreibungen der in der Region ansässigen Palästinenser zur Folge.

1967 wurden dann auch die Restgebiete, die noch nicht vom Staate Israel vereinnahmt wurden, im sogenannten „Sechs-Tage-Krieg“ erobert. Bis vor wenigen Wochen hatten wir uns wie selbstverständlich an die Existenz des Staates Israels und einer von Israel kontrollierten Zone wie dem Gazastreifen und des fortlaufend durch immer neue israelische Siedlungen „zersiedelte“ Westjordanland gewöhnt. 1988 hat die Palästinensische Unabhängigkeitsorganisation (PLO) den Staat „Palästina“ ausgerufen, der von 138 der 193 UN-Staaten anerkannt wird – Israel, die USA, Deutschland, Österreich und die Schweiz erkennen den Staat „Palästina“ nicht an. Formal gilt der Gazastreifen und das Westjordanland seit 1994 wieder als palästinensisches Autonomiegebiet. 2007 zerstritten sich die Palästinenser und es entstanden die beiden geteilten Gebiete „Gaza“ (Hamas) und die „Westbank“ (Hisbollah) (Quelle).

Unablässige Kämpfe, Unruhen und Eskalation

Weshalb die Palästinenser den Teilungsplan der UN nicht akzeptierten, lässt sich nur vermuten. Wahrscheinlich sahen sie es nicht ein, ihr Land mit den aus Europa und der westlichen Welt vertriebenen jüdischen Bevölkerung zu teilen. Was konnten palästinensische Stämme auch für den Antisemitismus der Europäer? Weil die Juden in der Welt keiner wollte, sollten sie ihr heiliges Land nun mit in einer sich in kürzester Zeit versechsfachten Bevölkerungsgruppe teilen? Das sind aus meiner Sicht nachvollziehbare Gedanken. Andererseits kann ich es rein menschlich selbstredend verstehen, wenn sich ein Volk wie das der Juden nach einem friedlichen Ort sehnt, nachdem sie ein weiteres Mal einer Vernichtungsmaschinerie zum Opfer fielen.

Was passierte, war ein Kampf der Kulturen, in welchem sich eine über mehrere Jahrhunderte durch und durch muslimisch geprägte Region einem neuen, dem europäisch-jüdischen Kultureinfluss ausgesetzt sah, der sich mit höchstwahrscheinlich stark traumatisierter Grundhaltung zunehmend gewaltsam Raum nahm. So entstehen Spannungen, Konflikte und schließlich Hass. Und Hass und Gewalt gegen Juden wird heute im Begriff „Antisemitismus“ zusammengefasst, der in zentraleuropäisch sozialisierten Ohren alle Alarmglocken läuten lässt.

Ein zentraler Aspekt ist natürlich die kulturell-religiöse Relevanz dieser Region. Die Stadt Jerusalem und der Tempelberg ist für jede der drei mosaischen Religionen von großer Heiligkeit. Die Geschichte um den Salomonischen Tempel, den Felsendom und der al-Aqsa-Moschee ist lang und komplex. Diese Geschichte geht bis weit vor das Jahr „0“ der christlichen Zeitrechnung zurück. Man kann den Verlauf dieses Konflikts auch von diesem Punkt aus erzählen. Die derzeit regierenden Kräfte in Israel berufen ist unter anderem auch auf eben dieses Erbe des Judentums, dem Ersten Salomonischen Tempel, der von den Neubabyloniern zerstört worden sein soll. Das Problem: an dieser Stelle steht heut eben jene heilige Moschee des Islam. Springen wir wieder 2.000 Jahre Richtung Gegenwart.

Die Kolonialisierung nach dem Ersten Weltkrieg durch Großbritannien, deren anschließender Rückzug auf Grund des Zweiten Weltkriegs und der Gewalt zwischen den drei Parteien „Kolonialisten“, „Palästinensern“ und „Jischuv“, der anschließende Palästinakrieg mit dem Sieg über die arabischen Staaten, die aus ihrer Sicht „schon immer“ in dieser Region ansässig waren und der damit durch die Konsolidierung des israelischen Staates fortscheitenden Verdrängung der zuvor in der Region ansässigen Arabern erzeugten selbstverständlich eine nachhaltige Feindschaft und Ablehnung gegenüber den „Angreifern“. Die „Angreifer“ waren aus palästinensischer Sicht in erster Linie „Westler“. Genauer betrachtet waren es Europäer und schließlich waren es vor allem jüdische Westler und Europäer. Wenn also Muslime ihre offenkundige Ablehnung gegenüber dem jüdischen Volk bekunden, fußt dies auf einem historisch völlig anderen Fundament als die Ablehnung des jüdischen Volkes durch Europäer oder Christen. Somit hat der Begriff „Antisemitismus“ in Bezug auf die deutsche Geschichte meines Erachtens eine völlig andere Klangfarbe als der „Antisemitismus“, der sich derzeit auf deutschen Straßen von arabischen Zuwanderern äußert (Quelle).

Aus jüdischer Sicht ist natürlich herzlich egal, wer aus welchen Gründen einen Hass auf das eigene Volk entwickelt. Ob es nun völkisch denkende West-Europäer oder fundamentalistische Christen oder Muslime sind: Die Geschichte des Judentums kennt Feindschaft aus allen Richtungen. Darum kann ich verstehen, wenn die Bilder vom Angriff der Hamas Generationen von Traumatisierung aktiviert. Das problematische an Gewalt ist der Pendeleffekt – Auf Gewalt folgt Gegengewalt. Und ist man wirklich an echtem und nachhaltigen Frieden interessiert, ist es meines Erachtens nicht zielführend, einen beliebigen historischen Abschnitt auszuwählen, um damit die eigene Gewalt als „Reaktion“ auf die Gewalt des Gegenübers zu bezeichnen, sodass die eigene Gewalt wo nicht „gerecht“ doch „nachvollziehbar“ erscheint. Diese Aussage bezieht sich sowohl auf die jüdisch-israelische als auch auf jegliche arabisch-islamische Gewalt. Gewalt und Krieg ist nie gerechtfertigt oder gerecht. Jegliche Gewalt hat vor dem Internationalen Gerichtshof verurteilt zu werden. Von dieser Instanz hört man aber nicht einmal Grillenzirpen.

Und nun schaut der von der antisemitischen Vergangenheit gegeißelte Westen zu, wie auf den Gewaltexzess der extremistischen Hamas ein Bombardement über die Bevölkerung Gazas erfolgt. Hierzulande erfahren wir vor allem Neuigkeiten bezüglich der Situation aus israelischer Sicht. Wer einen Blick von der anderen Perspektive wagen möchte, kann zum Beispiel mal bei „Al Jazeera“ reinklicken (Aktuelle Infos aus dem Gaza-Streifen).

Stand 9.11.2023 – (Quelle)

Religion – Verbindung oder Entzweiung?

Schon in jungen Jahren spürte ich intuitiv, dass jedweder Religion ein positiver Kern innewohnt. Spiritualität, egal ob sich dies in Monotheismus, Polytheismus oder sonstigen spiritistischen Vorstellungen äußert, trägt meines Erachtens nicht die Idee von Gewalt in sich. Was ist Religion? Meinem Verständnis nach ist Religion die Suche des Menschen nach einer Verbindung zum „Nicht-Fassbaren“. Und um dieses „Nicht-Fassbare“ verständlich und damit verstehbar, also „erfassbar“, zu machen, hat man begonnen, dem „Nicht-Fassbaren“ eine Form zu geben.

Diese Form gestaltete sich je nach kulturellem Kontext unterschiedlich und unterlag und/oder formte Dynamiken des menschlichen Zusammenlebens, das friedlich und vereinend, aber leider auch kriegerisch und entzweiend ablaufen kann. Eine der kognitiven Grundfähigkeiten des Menschen ist es, Dinge, also Menschen und Objekte, voneinander unterscheiden zu können. Ohne diese Fähigkeit könnten wir uns nicht gezielt im Raum bewegen, geschweige denn in Interaktion mit unserer Umwelt treten. Bereits Säuglinge können zwischen sich und „anderen“ unterscheiden. Zugleich ist der Mensch aber auch ein soziales Wesen. Wir haben also auch die meta-kognitive-Fähigkeit, in mental-emotionaler Verbindung mit größeren Gruppen zu gehen, das über die einfache Mensch-zu-Mensch-Empathie hinausgeht, und diese sogar noch überflügeln kann. Auf dieser Fähigkeit basieren Phänomene wie Massenpsychosen, Propaganda-Erfolg, aber auch die Idee des Internets und der kollektiven Euphorie bei Großveranstaltungen wie Konzerten oder Weltmeisterschaften.

Diese beiden Fähigkeit können verschiedentlich aufgeladen sein. Ein plakatives Beispiel für die kognitive Grundfähigkeit der Unterscheidung ist die Situation, wenn ein weißer Europäer ein weitestgehend von der modernen Welt abgeschnittenes Volk in Zentralafrika besucht. Sowohl der Europäer als auch die Einheimischen erkennen: wir/ich und diese Person/en sehen anders aus, das heißt, wir sind anders. Auf Grund der meta-kognitiven Fähigkeit aber können dennoch starke zwischenmenschliche Bande entstehen, die sich über Äußerlichkeiten hinwegsetzen und diese offensichtliche Tatsache zwar nicht gänzlich beseitigen, aber emotional übervorteilen. Dafür muss aber eine andere Gemeinsamkeit gefunden werden. Und diese Gemeinsamkeit ist auch heutzutage häufig noch die Religion.

So gibt es beispielsweise große islamische Populationen in Afrika. Beispielsweise ist über die Hälfte der Bevölkerung Sierra Leones, Burkina Fasos und Eritreas muslimisch. Ebenso ist beispielsweise das Christentum sehr stark in Afrika vertreten. Religionen bieten dem Menschen also die Möglichkeit, Gemeinsamkeiten über ethnische Zugehörigkeit hinweg zu finden. Und das ist doch etwas schönes, oder nicht? Wir können uns als Menschen also über „Ideen“ verbinden, die keine physische Repräsentation in der Welt aufweisen muss. Diese Ideen können so stark werden, das Menschen sogar Dinge wahrnehmen, die auf der materiellen Ebene „nicht vorhanden“ sind. Beispiele dafür liefert beispielsweise LeBon im Grundlagenwerk „Psychologie der Massen“.

Religion, was wörtlich auch so viel wie „rück-anbinden“ bedeutet, kann also zum einen die heute wieder vielfach diskutierten Unterschiede der menschlichen Äußerlichkeiten überbrücken und eine gemeinsame Basis für Verbundenheit schaffen, die die dingliche Realität überflügelt. Geht es dabei um spirituelle Inhalte, spricht man von „Religion“, bei politischen Angelegenheiten bezeichnet man dies dann als „Ideologie“. In beiden Fällen geht es um immaterielle Gedankeninhalte, über die sich Menschen als Gruppe identifizieren oder von anderen Menschen abgrenzen können. Alleinig die Grundfähigkeit und auch die Notwendigkeit für den Menschen, von sich und der Umwelt unterscheiden zu können und die Fähigkeit, sich durch Gedanken miteinander verbinden oder voneinander scheiden zu können, sind zunächst also völlig neutrale Gegebenheiten. Diese Gegebenheiten können also spalten aber auch verbinden. Damit ist Religion, aber auch jedwede andere Ideologie immer beides: Spaltung und Verbindung.

Die europäische Lektion

Wie wir gesehen haben, ist der aktuelle Palästina-Israel-Konflikt sehr alt und noch immer nicht beigelegt. In diesem Konflikt gibt es neben den vielen Dimensionen, die ich eingangs aufgezählt habe, vor allem zwei Betrachtungsebenen, die aus europäischer Sicht klar getrennt sind, in der restlichen Welt aber oft nicht so klar voneinander geschieden werden können: die politisch-staatliche und die religiöse Ebene. Im Palästina-Israel-Konflikt treffen nicht nur zwei Volksgruppen, von denen eine einen klar ersichtlichen staatspolitischen Körper mit Militär und atomarem Kriegsgerät aufweist, die andere einen seltsamen Status „als Beobachterstaat“ innehat, der von so ziemlich der ganzen Welt, außer der USA, Israel, Deutschland und Großbritannien anerkannt wird (Quelle), sondern auch zwei Religionen aufeinander, deren konfessionelle Auseinandersetzungen bereits über tausend Jahre andauern und deren politisch-ideologische Identität nicht von ihrer religiösen Identität getrennt werden kann. Mehr noch: der religiöse Aspekt ist der eigentliche Unterbau für die staatspolitische Identität, da sowohl das Judentum als auch der Islam eine Gesellschaftsordnung „vorschreiben“, die die Gesellschaften vor Ort auch weitestgehend prägen.

Wieso fällt es uns Europäern so schwer, dies zu begreifen? Dies hat natürlich mit der europäischen Geschichte zu tun, die ebenfalls tiefrot mit Blut getränkt ist. Dabei spreche ich nicht vom Ersten und Zweiten Weltkrieg. Ich spreche vom Achtzig- bzw. vom Dreißigjährigen Krieg (Quelle). Diese Geschichte dieser beiden miteinander verwobenen Konflikte aufzudröseln übersteigt sowohl meine Kompetenz als auch den Umfang dieses Artikels. Darum in aller kürzester Kürze: Diese Konflikte bestimmten die europäischen Verhältnisse des 16. und 17. Jahrhunderts. Alleinig in Deutschland starben im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) ungefähr ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Der Dreißigjährige Krieg gilt als Religionskrieg, weil sich die Konfliktparteien nicht nur hinsichtlich ihrer Staatszugehörigkeit sondern vor allem nach ihrer konfessionellen Ansicht unterscheiden lassen.

So kämpften auf der Seite der Katholiken die „Habsburger“, das Königreich Bayern und Spanien. Auf Seiten der Protestanten standen Adelige aus Böhmen und die Königreiche Schweden, Dänemark und Frankreich. Doch diese Kriegswirren alleinig auf die Religion zurückzuführen, wäre etwas vereinfacht. Schließlich geht es im Krieg immer auch um territoriale Ansprüche und die staatliche Sicherheit der Konfliktparteien. Der Dreißigjährige Krieg ebnete schließlich Frankreich den Weg, um mit Napoleon an der Spitze das napoleonische Zeitalter einzuläuten, das mit der Französischen Revolution endete.

Die Französische Revolution, die nochmals einen hohen Blutzoll verlangte, beendete nicht nur die Monarchie, sondern erbrachte im Zuge der „Aufklärung“ auch die moderne Idee der „Säkularisierung“. Säkularisierung meint, das die weltliche Herrschaft, also im weitesten Sinne Staatspolitik, von der Religion bzw. der Kirche getrennt werden muss. Die weltliche Herrschaft solle nicht mehr mit gesegneten Schwertern und in religiöser Mission ihre Unterdrückung rechtfertigen, sondern die Bevölkerung sollte unabhängig ihrer religiösen Zugehörigkeit durch das Staatswesen gleichermaßen geschützt sein. Damit war die Idee der heutigen Nationalstaaten geboren. Mit diesem säkularen Nationalstaaten-Denken, das wir aufgrund der europäischen Lektion heute für eine Selbstverständlichkeit halten, ist für viele Menschen der islamischen Welt immer noch fremd. Im Nahen und Mittleren Osten gibt es nach wie vor zahlreiche Monarchien und stark religiös geprägte Staatsstrukturen, die wenig Interesse für säkulare Gedanken haben, da – wie die beiden Weltkriege und die US-amerikanische Kriegsserie in der arabischen Welt deutlich gezeigt haben – auch trotz erfolgreicher Säkularisation nicht unbedingt heile Welt ist. Im Gegenteil: diese säkulare Welt hat sich als blutiger Gegner mit der USA als hegemoniale Kolonial-Macht gezeigt.

Kreis aus religiösen Symbolen

Ist Frieden also unmöglich?

Nein! Frieden ist keines Wegs unmöglich. Doch wer glaubt, mit der Abschaffung der Religionen seien das Thema „Krieg“ erledigt, den muss ich enttäuschen. Auch die Abschaffung der von mir öfters kritisierten Idee des „Nationalstaaten-Denkens“ wird die Geißel des Krieges nicht auf Dauer beseitigen. Es wäre infam von mir, hier nun eine Lösung präsentieren zu wollen, die für jeden Konflikt oder jede Region funktioniert. Je mehr ich mich in die verschiedenen historischen Beispiele einarbeite, desto mehr verstehe ich die textlich oftmals recht simplen Botschaften der großen Friedenshymnen:

„Imagine all the people
Sharing all the world
You may say I’m a dreamer
But I′m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will live as one“
(John Lennon – Imagine)

Der verkopfte Mensch möchte aber eine Lösung von anderen hören. Und deswegen geben wir Verantwortung ab. Ist die Verantwortung einmal abgegeben, wird sie immer wieder Missbraucht. Dieser Missbrauch wird in verschiedene Gewänder gekleidet. Je nach Epoche und Kulturkreis wird einmal die Religion, ein anderes Mal eine neue politische oder wissenschaftliche Ideologie herangezogen, um Menschen zu spalten und dann zu beherrschen. Die Herrschaftsstrategien haben sich genauso wie der Mensch an sich gewandelt. Dass wir freier sind als „früher“, würde ich in Frage stellen.

Du willst zumindest den Ansatz einer Lösung hören? Dann formuliere ich es so: Solange wir, jede und jeder von uns, die Frage, wie Frieden hergestellt werden kann, an andere stellen, wird es niemals absoluten Frieden geben. Diese Frage sollte sich jede und jeder für sich an sich selbst stellen. Wie friedlich ist man selbst? Ist man in Frieden mit seinem Körper? Seinem Geist? Seiner Familie? Seinem Nachbarn? Seinem Vorgesetzten? Seinen Mitarbeitern? Wenn jede Person in seinem oder ihrem Umfeld nach friedlichen Lösungen suchen würde, dann wäre morgen der Weltfrieden hergestellt. Wenn du also wirkliche Friedensarbeit leisten möchtest, dann befriede erst dich selbst, dann deine Familie und schließlich dein soziales Umfeld. Wie sollte man von anderen verlangen, friedlich zu sein, wenn man noch nicht einmal mit sich selbst im Frieden ist?


von Marco Lo Voi

Nichts verpassen?

Jetzt den Newsletter abonnieren und immer über neue Beiträge informiert werden!

Oder folge Exploring Roots auf:

📷 INSTAGRAM

📱Telegram

Ein Gedanke zu “Religionskriege – Ist Frieden unmöglich?

  1. Guten Tag Herr M.L.V

    Zitat:

    „Stell dir die ganzen Leute vor
    Die ganze Welt teilen
    Sie können sagen, ich bin ein Träumer
    Aber ich bin nicht der Einzige
    Ich hoffe du schließt dich uns eines Tages an
    Und die Welt wird eins sein“

    Frage:

    Warum genügt es nicht, die universelle, unteilbare, absolute Menschenwürde als Grundsatz anzuerkennen

    Warum soll ich mir die ganze Menschheit vorstellen

    Warum soll der Mensch durch Träume, ohne andere, nicht zu neuer Einsicht kommen

    Warum muss sich ein Einziger, sich anderen, die alles besser wissen, anschliessen

    Warum muss die Welt eins sein

    Warum muss der Mensch hoffen

    Warum soll der Mensch an den Lippen eins Propheten hängen

    Warum soll der Mensch, nicht aus eigenen Stücken, an seinem Ort nicht tagtäglich das Bessere wagen

    Warum wollen Sie mit Ihren Ausführungen besser wissen

    Antwort:

    Der Angriffskrieg der Hamas ist ein Verbrechen
    Beide Seiten müssen wegen Kriegsverbrechen vor ein Tribunal
    Der Hass gegen die Juden weitet sich aus

    Mit freundlichen Grüßen
    Hans Gamma

    Like

Hinterlasse einen Kommentar