Gratwanderung zum Glück: Wünsche und ihre Graustufen

„Was möchtest du denn mal werden?“

Das ist wohl eine der ersten Fragen, mit denen man spätestens im sprachfähigen Alter in unseren Breitengraden immer wieder konfrontiert wird. Mit jungen Kinderaugen und frischen Gedanken sollen wir also unseren Berufswunsch in der Erwachsenenwelt äußern. Wir sollen uns gedanklich in die Zukunft versetzen und unseren Platz in der Gesellschaft verorten.Viele von uns können sich vermutlich noch daran erinnern, was sie sich damals gewünscht haben. Ein vermutlich eher kleiner Teil der Gesellschaft sieht sich heute genau an dem Platz, an welchen sie sich bereits als Kind gewünscht haben. Die meisten von uns werden heute wahrscheinlich, ob freiwillig oder nicht, etwas ganz anderes machen. Daneben gibt es natürlich diejenigen unter uns, denen diese Frage nie gestellt wurde. Denen man ihren Lebensweg vorschrieb und die nun das Familienunternehmen leiten, die Karriere verfolgen, die ihre Eltern für sie vorsahen oder eben diese Karriere schon wieder aufgeben mussten, weil der erhoffte Erfolg von kurzer Dauer war oder eben gar nicht eintraf.

Natürlich gibt es noch Dutzend weitere Erscheinungsformen für Lebenswege; Menschen in prekären Verhältnissen, die nie etwas anderes kannten, als „über die Runden kommen“ und „auf den 1. des Monats warten“. Einzelne Ereignisse, Schicksalsschläge oder persönliche Dramen können zudem alles in wenigen Momenten verändern. So unterschiedlich die Lebenswege auch ausgestaltet sein können, eint uns alle dabei jedoch das Streben nach Glück. Die Wege zu diesem einen Ziel sind tausendfach. Den einzig Richtigen gibt es nicht. Zeit ist konstant. Veränderung unabänderlich. Was aber bestimmt unseren Weg zum Lebensglück? Hierauf hat die Menschheit sich schon viele Antworten gegeben: Gott, Allah, Jehova, das Schicksal, Karma oder Zufall. Jede und jeder mag sich dabei für das entscheiden, wohin er oder sie sich hingezogen fühlt. Oft verändert sich dies auch im Laufe unseres Lebens. Um dieses Gefühl, diese Intuition, diese Gewissheit und dieses Vertrauen in eine dieser lebensweisenden Instanzen jedoch zu entwickeln, muss jedes Individuum zunächst zu sich selbst finden, sich selbst entdecken und kennenlernen. Erst dann kann die Antwort reifen und wir können voller Vertrauen unseren Weg zum Glück gehen.

Über die Entdeckung des „Ichs“

Um zu wissen, was wir wirklich wollen, gilt es zunächst, uns selbst zu ergründen. Eine junge Seele mit gering ausgeprägter Persönlichkeit steht in noch in engem Kontakt mit seinen Wünschen und fordert diese auch vehement ein. Für kleine Kinder ist es darum wirklich sehr dramatisch, wenn Bedürfnisse nicht erfüllt werden, die Erwachsenen oft eher belanglos erscheinen. Denn hierin liegt der entscheidende Knackpunkt: Wünsche sind nicht absolut. Es gibt einfache, kurzfristige und momentane Wünsche, wie die Lust auf ein paar süße Trauben oder auf ein bestimmtes Musikstück, welches wir fast jederzeit online abrufen können. Diese „einfachen Wünsche“ bezeichne ich als Bedürfnisse. Und dann gibt es wirkliche Herzenswünsche, wie die nach einem sicheren Zuhause, einer liebenden Familie oder echten Freundschaften. Wenn ich fortan von Wünschen schreibe, meine ich eben jene Herzenswünsche. Diese können nicht mal eben schnell bedient und dann vergessen werden. Die Kluft zwischen Bedürfnissen und Wünschen klafft mit zunehmenden Alter und vor allem explosionsartig in der Pubertät auseinander und schließt sich zum Lebensabend hin in der Regel wieder. Als Kind mit junger Persönlichkeit sind darum fast alle Bedürfnisse von einer ähnlichen Wichtigkeit wie wirkliche Wünsche, da Kinder nicht erst ein Dickicht drängender Bedürfnisse durchblicken müssen, um darin nach wirklichen Wünschen zu forschen. Möchte das Kind jetzt ein Eis, dann bricht eine Welt zusammen, wenn es dieses gerade nicht bekommen kann.

In der Pubertät und dem jungen Erwachsenenalter entdecken wir erst die Unzahl an Möglichkeiten, was alles begehrt werden kann. Erlebnisse, Genussmittel, intellektuelle oder spirituelle Erfahrungen – haben wir sie einmal berührt, können sich stetig steigernde Bedürfnisse danach entstehen. Über das, was wir vermeintlich und das, was wir wirklich brauchen, über unsere Erfahrungen also, kristallisiert sich unser Ich heraus. Wir probieren uns aus, testen Dinge, testen uns selbst, was wir leisten können, was uns stimuliert. Dies ist der Weg der Erfahrungen hin zu unserem Selbst, unserem Ich. Dieser Weg der Erfahrungen birgt viele Freuden aber auch viele Gefahren. Einige von uns verirren sich auf diesem Weg. Sie verfallen den Bedürfnissen, die nicht mehr länger als Weg zu ihrem Selbst dienen, sondern die daselbst zu ihrem Selbst, zu ihrem Ich werden. Sie werden Drogensüchtige, Adrenalinjunkies, Arbeitstiere, Mütter, Priester, Rockstars oder was auch immer. Die Bedürfnisse bemächtigen sich unserem Selbst und wir verwechseln das, was leicht ist, was einst nur ein Bedürfnis war, mit dem, was oder wer wir eigentlich sind. Egal, wie gut wir unseren Beruf, unsere Kunst oder unsere Begabung beherrschen und wie viel Befriedigung uns dies bringt: verlieren wir den Bezug zu dem, was wir daneben noch alles sind oder noch sein können, wie Sohn oder Tochter, Freund oder Freundin, Ehemann oder Ehefrau, Vater oder Mutter, Bürger oder Bürgerin, Mitmensch oder, oder oder, dann ignorieren wir weite Teile unseres Selbst und unserer Potentiale. Der Philosoph Kierkegaard hat es angeblich mal folgendermaßen zugespitzt:

„Wenn du mir einen Namen gibst, verneinst du mich, in dem man mir einen Namen, eine Bezeichnung gibt, verneinst du all die anderen Dinge, die ich vielleicht sein könnte. Du beschränkst das Teilchen etwas zu sein, in dem du es fest nagelst, es benennst, aber gleichzeitig erschaffst du es, definierst es, zu existieren.“

Søren Aabye Kierkegaard, 1813-1855

Zufall, Schicksal oder Karma? Freies Spiel der Dinge, Göttliche Fügung oder Eigenverantwortlichkeit?

Über das, was fair und gerecht ist, wer oder was über uns bestimmt, haben sich die Philosophen schon lange Gedanken gemacht. Wie sehr fühlen wir mit Menschen, die nett und freundlich, so gütig und herzlich sind, deren Leben aber von Tiefen und Schicksalsschlägen gepflastert scheinen. Wir fragen uns, womit dieser Mensch das verdient hat? Der Frage nach dem „Warum“ liegt jedoch die Frage nach dem „Wer“ oder dem „Was“ zu Grunde. Wer oder was bestimmt das Leben einer Person? Wenn die Person allein selbst Schuld wäre, würden wir schließlich weniger oder gar kein Mitgefühl haben. Wüssten wir, wer oder was dieses oder jenes verursachte, würde sich die Frage nach dem „Warum“ vielleicht von selbst ergeben. Ist alles Geschehene und noch Geschehende eine durch die Zeit verkettete Aneinanderreihung von unabhängigen Ereignissen, in denen wir uns mit Händen und Füßen, mit Lachen und Weinen, mit Flüstern und Rufen hindurchwinden? Ist alles Zufall? Was hat dann aber Wert? Und welchen Sinn hat dann Moral und Gewissen? Wenn unser Einfluss doch so nichtig erscheint?

Intuitiv wird hier jede und jeder stutzen und vielleicht einwenden, dass wir gewisse Dinge durchaus in der Hand haben, Vieles aber dennoch zufällig geschieht, wie beispielsweise die darwinistische Vorstellung über die Vererbung von Genmaterial. Heute wissen wir, wo Darwin sich eigentlich irrte und dennoch scheint sich die Idee der Evolutionstheorie nach Darwin, dieses Gespenst des Zufalls, immer noch hartnäckig zu halten. Der Gegenentwurf ist in den Religionen zu sehen, die den Zufall ablehnen und die Gesamtheit der Dinge in den Händen einer wie immer gearteten Gottheit sehen, die einer überirdischen Ordnung folgt, mit der wir höchstens durch gottgefälliges Handeln in gewisse Interaktion treten können. Wir können beten und flehen, gute Moslems, Juden, Christen oder sonstiges sein – am Ende sind wir unserem Schicksal ausgeliefert und bloße Marionetten in einem Spiel, das wir nicht überblicken können. Hierbei sind die Naturreligionen, die beispielsweise die Mutter Erde selbst als eine übermenschliche Entität ansehen, ebenfalls mitgemeint. Die Wege des Herrn/der Natur seien schließlich unergründlich, heißt es.

Dieser Vorstellung hängen sehr viele Leute dieser Erdkugel an, während in den sogenannten Industrieländern mit der Wissenschaft als Ersatzreligion diese Vorstellung eines gottgegebenen Schicksals im Abnehmen begriffen ist. In der Lebensrealität scheint aber der Zufall als alleinige Erklärung ebenfalls unbefriedigend. Ein eklatantes Beispiel, das ich fast schon als Beweis bezeichnen möchte, habe ich selbst auf diesem Blog hier berichtet. Ihr selbst könnt wahrscheinlich ebenfalls einige Begebenheiten aus eurem Leben benennen, bei denen der Begriff Zufall an seine Belastungsgrenzen stößt. Wenn ein Mensch also weder an eine Gottheit nach den Buch- oder einer Naturreligion, noch an den Zufall glauben kann, was bleibt denn dann? In diesem Schwebezustand kann meines Erachtens nur Verwirrung und Bodenlosigkeit entstehen. Die natürlichste Reaktion scheint das Verdrängen dieser Grundfrage nach der lebensbestimmenden Kraft zu sein, indem wir unseren Tag mit dem Stillen immer frischer, immer neuer Bedürfnisse ausgestalten, um uns bloß nicht mit dieser Leere auseinandersetzen zu müssen. Sitzen wir im Stillen, ganz allein, ohne Möglichkeiten, all die Bedürfnisse stillen zu können, ergreift uns diese Leere und all die Fragen, die wir verdrängten, bedrängen uns. Das können wir beispielsweise beobachten, wenn man jüngeren Menschen eröffnet, dass es auf einer Berghütte eben kein W-Lan gibt oder älteren Menschen ihren Fernseher und ihr Radio abstellt. Was geschieht mit euch, wenn ihr euch still auf hinsetzt und für einige Zeit einfach nur gegen eine Wand starrt, ohne Ablenkung und Einfluss?

Daneben gibt es eine dritte Möglichkeit, der ich selbst sehr nahe stehe. Ob göttliches beziehungsweise natürliches Schicksal oder die willkürliche Macht des Zufalls; beide schränken die Wirkungsmöglichkeiten des Individuums sehr stark ein, entmächtigen uns und verweisen uns auf die Zuschauerränge, von wo aus wir das Drama unseres eigenen Lebens im Grunde nur durch übereifrige Zurufe vom Rande aus kommentieren können. Ich selbst habe für mich jedoch festgelegt, dass nicht ein Gott und nicht der Zufall über mein Leben regiert, sondern ich selbst mit meinen eigenen Handlungen, die ich in Form von Gedanken, ausgesprochenen Worten und handfesten Taten ausführe, meinen Lebensweg, der sich stetig vor mir formiert, beeinflusse. Ich selbst setze in jeder Sekunde Ursachen für zukünftige Ereignisse, die mich ereilen. Damit stehe ich selbst voll in der Eigenverantwortung für mein Leben. Jede Handlung hat Konsequenz. Darum gehe ich möglichst bewusst und umsichtig durchs Leben und akzeptiere Fehlschläge, Missgeschicke, unbequeme Situationen und sonstige Dramen ebenso, wie ich schöne Momente und Begegnungen, bereichernde Ereignisse und unvergessliche Augenblicke akzeptiere. Über das Thema Karma habe ich bereits ausführlich geschrieben. Der alte Spruch „Du bist deines eigenen Glückes Schmied“ meint im Eigentlichen genau das: alles, was du tust oder lässt, ist wie ein Hammerschlag oder ein Luftzug zwischen den Schlägen auf das heiße Eisen, das sich fortlaufend und mit jedem Schlag verformt – unser Leben.

Wie man von den Bedürfnissen zu den Herzenswünschen gelangt

„TU WAS DU WILLST“ lautet in meinem Lieblingsroman „Die unendliche Geschichte“ die rätselhafte Inschrift des AURYNS. Die Kindliche Kaiserin übergibt Bastian dieses Amulett, mit dessen Macht er aus dem Nichts ein völlig neues Phantasien erschaffen soll. Dabei soll er den Weg der Wünsche gehen. Jeder Wunsch erschafft im neuen Phantasien einen Ort und alle Lebewesen darin. Bastian selbst verwandelt sich ebenfalls ganz nach seinen Wünschen. Auch sein Selbst wandelt sich bei seiner Reise über die Erfahrungen sehr, sodass er sich auf diesem Weg der Wünsche beinahe völlig verliert, weil er immer mehr darin verfällt, dem nächstbesten willkürlichen Bedürfnis nachzujagen. Mit seinen immer egozentrierteren Bedürfnissen bringt er die Dinge für sich und sein Umfeld zunehmend in missliche Situationen, bis schließlich ganz Phantasien bedroht scheint. Erst durch eine entbehrungsreiche Läuterung erkennt er, was er sich im Herzen wirklich wünscht, was er wirklich WILL. Es ist schließlich die Entdeckung seines Herzenswunschs, der ihn aus Phantasien wieder gestärkt weil in Gewissheit um seinen wahren Wunsch in die reale Welt zurückführt.

Michael Ende hat mit diesem Werk meiner Interpretation nach die individuelle Suche nach dem Glück dargestellt und welche Irrwege man dabei gehen kann, wenn man Bedürfnisse mit Wünschen verwechselt. Wie lernen wir also zu unterscheiden, was lediglich Bedürfnisse und was wirkliche Wünsche sind? Wie „Die unendliche Geschichte“ zeigt, bedarf manchmal eines ganzen Lebens, diese Frage zu beantworten. Keineswegs möchte ich mir im Rahmen eines Blogbeitrags anmaßen, hierauf eine universelle Antwort zu formulieren. Ich kann lediglich meinen persönlichen Erfahrungsweg umreißen und meine Sicht auf Neigungen, die sich auf den Lebensweg auswirken, niederschreiben, woraufhin sich jede und jeder nach eigenem Ermessen gedanklich daran bedienen kann.

Eine Kurzbiographie der Wünsche

Bis zu meinem Masterabschluss im Fach „Germanistische Linguistik“, der Anfang 2022 erfolgte, verfolgte ich nie einen Plan. Im Vertrauen auf meine Intuition, in mein Vermögen, dieses, was mich erfüllt, von jenem, was mich abstößt, zu trennen, orientierte ich mich meist an meinen langfristigen Neigungen. Früh schnallte meine Mutter uns Inline-Skates an die Füße. So früh, dass ich nicht einmal mehr richtig weiß, wie es sich anfühlte, dies nicht zu beherrschen. Bis heute begleitet mich der Inline-Sport und ist für mich ein Tor in die Gedankenfreiheit und Leichtigkeit. Ein Portal zum absoluten Gewahrsein des Moments, dem „Flow-Gefühl“, wie man unter Sportlern manchmal auch sagt. Dazu gesellte sich eher spät das Joggen und die Kälte.

Mein multikultureller und mehrsprachiger Hintergrund sensibilisierte mich früh für Sprache im Allgemeinen. Meine Mutter nahm uns schon im Grundschulalter mit in die Dorfbibliothek und ich mauserte mich innerhalb kürzester Zeit zur absoluten Leseratte. Diese beiden Aspekte zeichneten meinen Weg zum Studium der Literatur- und Sprachwissenschaft vor. Als dann die erste große Jugendliebe mich in die Geheimnisse der Emotionen und tiefschürfenden Gedanken einführte, eröffnete sich mir das Schreiben als geistiger Reinigungsprozess, um Herzschmerz zu überwinden und Klarheit über die Seelenregungen zu gewinnen. Bis heute dient das Formulieren, also das in Form Gießen abstrakter, gestaltloser Hirnwinde mir als Stütze, die Vielschichtigkeit des ganzen Lebens zu entschleiern und zu entwirren. Niedergeschriebene Gedanken anderer regen unweigerlich die eigene Gedankenwelt an und bringen Vorhandenes in Wallung oder entfachen gar ein eigene Esse der Kreativität, in der bereits gedachte Gedanken wie Rohstoffe geschmolzen und zu neuen Ideen geschmiedet werden können.

Schließlich war es mein unbändiger Wissensdurst, der kurz nach der Schule und vor allem während des Studiums entbrannte, und der mich mit Inhalten vielerlei Bereiche anfüllte, die ich durch meine mittels des Schreibens geschärfter Formulierungskraft nun als Lehrkraft für Deutsch als Fremdsprache an junge und ältere Erwachsene weitergebe. So kann ein Unterricht entstehen, der nicht nur das Notwendige sondern auch das Interessante vermittelt, sodass der Klassenraum nicht nur ein Hörsaal für Fachpublikum sondern ein Ort der Wissensgewinnung im Allgemeinen werden kann. Gepaart mit Begeisterung für alles, was das Leben so bereithält und vor allem für die Verknüpfung einzelner Bereiche zu großen Themenkomplexen wurde aus mir innerhalb von weniger als einem Jahr ein Lehrer. Und das fühlt sich richtig an.

Ich verfolgte also nie die Absicht, Lehrer für Deutsch als Fremdsprache zu werden. Ich habe stets auf mein inneres Kind gehört, das aus den tagtäglichen Bedürfnissen nach angeborener Intuition die Wünsche herausgefühlt hat. Nie bin ich Trends nachgelaufen, bin nur episodenhaft falschen Vorbildern verfallen und habe immer das gemacht, was sich richtig anfühlte, was teilweise in einer völligen Anti-Mainstream-Haltung ausartete, sich dann aber spätestens wieder über das Studium des Buddhismus nivellierte, wie alles andere sich daneben ebenfalls weitestgehend austarierte. Kurzum: man nehme sich selbst und das, was einem widerfährt, nicht allzu ernst. Man sei bereit, Lehrer und Schüler in allen Lebenslagen zugleich zu sein, höre auf sich selbst und das, was der innerer Kompass spricht. Man traue sich, um Hilfe zu bitten. Und halte seine Augen und sein Herz offen, um wahre Hilfen von falschen Fährten unterscheiden zu lernen.


von Marco Lo Voi

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4 Gedanken zu “Gratwanderung zum Glück: Wünsche und ihre Graustufen

  1. Aloha!
    Ich bin vorhin auf den Artikel aufmerksam geworden und habe auch einen direkten Bezug zu den Themen gefunden, mit denen ich mich gerade beschäftige. Das was du unter Herzenswunsch und Bedürfnis beschreibst, habe ich im Sport als Ziel und Vorhaben definiert, Das Ziel, als etwas von dem ich mir kein Bild machen kann. Etwas das sich durchaus verändern darf mit der Zeit, das mir Freude bereitet. Und dann das Vorhaben. Eine Veranstaltung die bevorsteht, etwas das sich abschließen lässt, auf das ich hinarbeiten kann und mich meinem Ziel näher bringen lässt. Mir ging es vor allem um die Unterscheidung, da ich dem Ganzen – wie Kierkegaard es so schön sagt – keinen Namen geben darf. Hat es einen Namen, bzw habe ich ein Bild dessen, laufe ich Gefahr enttäuscht zu werden, wenn das erreichte nicht meinem Bild, meinen Vorstellungen, entspricht. Und wenn ich es erreicht habe, was kommt danach? Das würde mich in eine Krise stürzen, denn ich hätte mich so sehr darauf fokussiert und eingeengt, dass ich das drum herum aus dem Auge vielleicht verloren hätte und Irre wohlmöglich umher. Genau das hast du es in Bezug auf Wünsche und Bedürfnisse beschrieben und genau den Blickwinkel finde ich mega passend und interessant.

    Im Übrigen betrifft das Problem des Bildnisses genauso das selbst und mein Gegenüber, meine Umwelt. Aber darauf will ich mal noch nicht weiter eingehen. Das waren gerade meine Gedanken, die unbedingt raus wollten 🙂

    Danke für den Beitrag!

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    • Hi!

      Danke für deinen schönen Kommentar. Es freut mich, dass du etwas Eigenes daraus ziehen konntest.
      Diese Analogie mit den Zielen und Vorhaben finde ich interessant. Zugegeben, der rote Faden dieses Beitrags vereint recht lose verschiedene Aspekte, die eigentlich separat beleuchtet werden müssten. Einerseits geht es um Wünsche, andererseits um Selbsterkenntnis und wiederum andererseits um die Frage nach dem „Ordnungsprinzip des Lebens“.

      Bezogen auf dein Thema „Sport“ scheint das „Bedürfnis“, also die Veranstaltung, wie ein Wegstück oder auch ein Mittel, um zum „Wunsch“, also dem sportlichen Ziel, zu gelangen. Deine Absicht ist also, den Wunsch eben nicht zu konkretisieren, sonst würde die Notwendigkeit für die Bedürfnisse wegfallen? Sprich: Wenn das Ziel klar wäre, wären die Veranstaltungen dahin begrenzt und ein Ende absehbar?
      Also dann nutzt du im Prinzip genau das, wovor ich in meinem Beitrag eigentlich ein bisschen warnen möchte. Das finde ich schon sehr spannend.

      Danke für deine Gedanken!

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      • Hey!

        Zu deiner Frage, Wäre mein Ziel klar definiert durch sagen wir eine große Veranstaltung, eine große zurückzulegende Distanz, würde ich gefahr laufen in den Erwartungen meiner Hoffnung enttäuscht zu werden. Es war im Gedanken vielleicht so viel größer als das, was man im Nachhinein tatsächlich erlebt hat. Das Bedürfnis selbst würde sich dazwischen weiterhin im Training, also in der Vorbereitung, bewegen. Einzig die Frage nach dem was danach kommt bleibt offen, was durch das fehlende Ziel eine Sinnkrise auslösen könnte.

        Ich bin momentan durch Kierkegaard, Max Frisch und Camus stark geprägt. Kierkegaard hat die Auslöser der Verzweiflung finde ich schön definiert. Verzweifelt man selbst sein wollen, verzweifelt nicht man selbst sein wollen und verzweifelt sich nicht bewusst zu sein, dass man ein selbst hat. Weiter geht es mit Max Frisch, der davor warnt dem Selbst des Gegenübers ein Bild (Bildnis) aufzuerlegen. Damit verweigern wir ihm dem Anspruch alles Lebendigen, wir zeigen keine Bereitschaft mehr diese Person zu erleben und letzten Endes scheitert dadurch auch die Liebe zu diesem Menschen. In der Geschwisterliebe zum Beispiel haben wir in der Regel kein Festes Bild. Wir sind bereit zu verzeihen und zu vergeben, wir nehmen wahr und fühlen mit, erleben uns selbst durch den anderen (Siehe Erich Fromm, die Begegnung mit sich selbst durch andere), bedingungslos. Um mit Camus abzuschließen, müssen wir bereit sein in die Wiederholung zu gehen. Bereit sein, bekanntes neu zu erleben, frei von den Erwartungen der Vergangenheit. Selbst wenn wir in unserem Tun, unserer Liebe, enttäuscht wurden oder gar gescheitert sind.

        Das lässt sich auf einige Bereiche mappen. Auf den Sport, die Liebe, die erlebte Umwelt. Beherzigen wir das nicht, laufen wir Gefahr in ein passives Leben zu fallen. Oder nach Hannah Arendt, in ein lebenslanges Sterben.

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      • Hi!

        entweder meine Text ist mir zu abstrakt geraten, was durchaus sein kann, oder aber deine Interpretationsleistung war sehr groß. Das ist auch durchaus legitim. Interpretationen sind zunächst nie falsch, weil ureigentlich subjektiv. Meine zugrundeliegende Aussage zielte aber mehr darauf ab, Bedürfnisse und Wünsche, die oft zeitgleich auftreten, voneinander unterscheiden zu lernen, indem wir unseren Neigungen nachgehen und dies fortlaufend besser verstehen. Dabei lernen wir uns selbst kennen und damit vielleicht auch den Unterschied zwischen beiden. Es handelt sich dabei weniger um eine zeitliche Hierarchie, wie es Vorbereitung und Veranstaltung im Sport sind.

        Deine Ausführungen zu den Philosophen sind trotzdem sehr spannend. Das Thema „Erwartungen“ hängt natürlich sehr eng mit dem Thema „Wünschen“ zusammen. Erwartungen treiben oft im Fahrwasser von Wünschen, sollten aber nochmals getrennt betrachtet werden, weil hierbei bereits gemachte Erfahrungen und damit das „Ego“ eine große Rolle spielen. „Ent-Täuschung“ durch nicht erfüllte Erwartung kann nur geschehen, wenn wir vorher irgendwann mal einer „Täuschung“ erlagen und dazu braucht Projektionen aus Erfahrungen. Dies gilt für sich selbst, für Mitmenschen aber auch für Ereignisse.

        Lies unbedingt „Die unendliche Geschichte“! Deine philosophischen Studien kannst du dabei wunderbar spielerisch anwenden!

        Beste Grüße,
        Marco

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