Zeitgeist vs. Freigeist

Der Freigeist macht sich frei vom Zeitgeist,
was meist heißt,
dass der, der weiß, was man gescheit heißt,
dem, der aus dem Einheitskreis ausreißt,
direkt ins Bein beißt.

Der Ausdruck „Zeitgeist“ ist tatsächlich ein sehr deutsches Konzept. Es gibt sogar im Englischen keine direkte Übersetzung für dieses Wort, weshalb viele andere Sprachen diesen deutschen Begriff entlehnt haben. So wählte beispielsweise der US-amerikanische Regisseur Peter Joseph für seinen berühmten und kontroversen Film den Titel „ZEITGEIST“ (2007). Was bedeutet nun aber dieser Begriff? Natürlich könnte man einfach, dem Zeitgeist reflexartig folgend, „Google“ oder auch „Siri“ befragen, was denn darunter zu verstehen sei. Der digitale Algorithmus wird uns schon die „richtige“ Antwort darauf verraten. Geht man hingegen als „Freigeist“ an die Frage heran, bemüht man zunächst sein eigenes Sprachgefühl. Hat man in freigeistiger Aktivität eine erste Idee davon gewonnen, könnte man vielleicht auch die Personen, die gerade um einen herum sind, fragen, was sie dazu meinen. Man könnte auch seine Eltern oder seinen Deutschlehrer um Rat fragen, die hoffentlich ihrerseits nicht einfach „Google“ oder ihr iPhone zücken, denn das könntet ihr ja genauso gut selbst tun. Wenn man schließlich mehrere Ideen gesammelt, sie abgeglichen und daraus ein zufriedenstellendes Bild abgeleitet hat, ist man „der persönlichen Wahrheit“ auf freigeistigem Wege ein Stück nähergekommen.

Wenn man anschließend doch das Internet zu Rate zieht und dort etwas völlig anderes vorfindet, sollte man die eigene Idee nicht sofort verwerfen, denn sie ist ein freigeistiges Produkt. Der Zeitgeist ist jedoch davon geprägt, genau das sehr oft zu tun. Wir verwerfen gern eigene Gedankengebäude – insofern wir überhaupt in der Lage waren, eines zu entwerfen – wenn wir eine schlau daherkommende Antwort auf einer beliebigen Seite finden. Wähnt man sich allerdings als ein wahrhaftig freigeistiger Mensch, sollte man sich dennoch nicht grundsätzlich vor dem Suchergebnis im Internet verschließen. Es gibt durchaus qualifizierte Ratgeber im Internet. Ein Freigeist integriert meines Erachtens alle Informationen zu einem Thema oder einer Frage in den Gedankenprozess. Doch dazu ist eine grundlegende Fähigkeit unabdinglich: kritisches Denken.

Kritisches Denken bedeutet, jede Information oder Meinung als zunächst gleichwertig zu betrachten, zu bewerten und erst DANN mit den bereits gesammelten Infos abzugleichen. Dies kann dazu führen, dass das bisher entwickelte Bild ergänzt, relativiert oder gänzlich umgeworfen wird. Kritisch zu sein bedeutet meiner Auffassung nach also nicht, alles, was der eigenen „Wahrheit“ zuwiderläuft, abzulehnen oder zu misstrauen, sondern auch bereit zu sein, eigene Annahmen und „Wahrheiten“ jederzeit aufgeben zu können. Meiner Beobachtung nach scheint sich der Zeitgeist jedoch zu verselbständigen und zu einem Dogma der Alternativlosigkeit anzuschwellen.

„Zeitgeist“: Die Massenseele einer bestimmten Epoche

Aus meiner freigeistigen Betrachtung heraus definiere ich „Zeitgeist“ als eine Form des unausgesprochenen Gesellschaftskonsens („Geist“) eines gewissen historischen Betrachtungsraums („Zeit“). Der „Zeitgeist“ definiert den „vernünftigen“ und gesellschaftlich akzeptablen Rahmen des Denk- und Sagbaren in diesem Betrachtungsraum. Und genauso, wie sich der Zeiger der Zeit immer fortdreht, ist „Zeitgeist“ ein dynamisches Konzept. Gustave Le Bon hat in seinem Werk „Psychologie der Massen“ (1895) den Begriff „Massenseele“ geprägt. Man könnte „Zeitgeist“ auch als eine Erscheinungsform der „Massenseele“ einer bestimmten Gesellschaft eines bestimmten Zeitabschnitts bezeichnen. Wie der Wortteil „Geist“ in „Zeitgeist“ schon ausdrückt: der „Zeitgeist“ ist nicht greifbar, nicht materiell, er spiegelt sich lediglich im Handeln, Denken und damit auch in den Dingen wider, die wir kaufen, produzieren, benutzen, lieben und hassen. Neue Produkte und Lebensstile sind Manifestationen des Zeitgeistes, können also als „geronnener Geist“ aufgefasst werden. Der „Zeitgeist“ ist also der „Geist“, der in einer bestimmten „Zeit“ gefangen ist.

Zu jeder Zeit gab es jedoch immer wieder Neuerer und Pioniere, Entdeckerinnen und Revolutionäre. Stets bildeten sie eine Minderheit oder waren gar „aus der Zeit gefallene Individuen“. Stets waren sie aber auch der Antrieb zu großen gesellschaftlichen Umwälzungen oder Anlass zu großer Unterdrückung und Gewalt. Egal, ob Hexen und Magier, Erfinder und Wissenschaftler, Autorinnen und Philosophen, Anhänger eines alten Glaubens und Propheten einer neuen Religion: es gibt für jede Zeit und in jedem Bereich zahlreiche Beispiele für Menschen, die sich gegen ihre „Zeitgenossen“ aufgelehnt und dem „Zeitgeist“ ihrer Zeit mit Freigeistigkeit mutig entgegengetreten sind. Nicht selten haben sie dafür mit ihrem Leben bezahlt. Wer aus dem Einheitskreis ausreißt, muss mit einem Biss der „begeisterten“ Menschen seiner Zeit rechnen.

„Freigeister“: Verrückte und Gelehrte, Philosophen und Pioniere

Freigeister leben gefährlich. Ob es nun religiöse Neuerer, Menschen mit Traditionswissen oder revolutionäre Denkerinnen waren und sind. Manche Ideen haben mehr als 2000 Jahre gebraucht, bis sie sich von einer freigeistigen Annahme zu einer zeitgeistlichen Erkenntnis durchsetzen. Als Beispiel wäre da die Idee von den „Atomen“ zu nennen, die bereits den Philosophen Leukipp und seinen Schüler Demokrit um 500 v. Chr. umtrieb, dann aber erst im 19. Jahrhundert zu einer handfesten Theorie wurde, um eines der wichtigsten freigeistigen Gedankenübungen zu nennen (Quelle). Ebenso hatten bereits Philosophen wie Aristoteles erkannt, dass die Erde nicht einfach flach sein kann. Zwar gab es neben der später als richtig erkannten Kugelform auch andere Vorstellungen von der Gestalt der Erde, aber neben dieser grundlegenden Erkenntnis konnte beispielsweise Eratosthenes vermuten und anschließend mit einer Ungenauigkeit von 4,2% den Umfang der Erde tatsächlich berechnen, indem er an zwei geographisch bewusst gewählten Punkten eine Eisenstange aufstellen ließ, um anhand des Schattenverlaufs die für die Berechnung notwendigen Messpunkte zu erhalten (Quelle). Dennoch benötigte der europäische Zeitgeist die revolutionären Triebkräfte eines Nikolaus Kopernikus (1473-1543) oder eines Galieo Galilei (1564-1642), um die verknöcherten Ideen des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit über die Gestalt der Welt und des Sonnensystems umzustürzen.

Es macht den Anschein,
und ich weiß, es kann sein,
dass sie Freigeisterei’n im Eigenheim,
Häresien und Ketzereien zeihen.

Wie viel an Wissen und Ideen mag in einem Berg Asche aufgegangen sein, den Zeitgenossen, „begeistert“ von bestimmten Vorstellungen, mit Feuern aus Papier, Holz und freigeistigen Mitmenschen selbst immer höher auftürmten. Ob es die tragischen Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten des Dritten Reichs, der Brand der legendären Bibliothek von Alexandria, deren Leiter übrigens Eratosthenes gewesen sein soll, oder die Hexenverbrennungen der frühen Neuzeit waren: sie alle haben gemein, dass geronnene Freigeistigkeit einem zerstörerischen Zeitgeist zum Opfer fiel. Dabei ist es völlig unerheblich, ob in den Flammen auch tatsächliche Unwahrheiten oder falsche Annahmen verbrannten. Jeder Gedanke, mag er auch noch so falsch sein, birgt das Potential, eine Lehre daraus ziehen zu können – und sei es nur die Erkenntnis, dass ein eventuell gangbarer Gedankenpfad sich als geistiger Holzweg herausstellte.

„Irren ist menschlich“

Bei meiner Tätigkeit als Sprachlehrer und vor allem als Nachhilfelehrer ist es genau das, was sich als das Zentrum meiner Lehrphilosophie herauskristallisiert hat. Ich möchte den Mut und das Selbstvertrauen stärken, Freigeistigkeit zuzulassen. Dazu gehört auch, Fehler und Irrtümer zu machen, aus diesen jedoch in der Selbstreflexion zu lernen. Wenn beispielsweise einer meiner Teilnehmerinnen oder Teilnehmer bei einer Grammatikaufgabe einen Fehler macht, sollten die übrigen Teilnehmer nicht gleich die korrekte Lösung ausplaudern, noch korrigiere ich den Fehler unmittelbar. Vielmehr versuche ich, durch gezieltes Fragen die Selbstreflexion anzuregen, um den gemachten Fehler zu erkennen und wenn möglich von den Teilnehmern selbstständig verbessern zu lassen. Gelingt dies nicht, hilft es mir als Lehrperson zugleich zu erkennen, welcher Aspekt womöglich noch nicht verstanden wurde. Daraufhin kann ich diesen Aspekt herausgreifen und erläutern und somit der Teilnehmerin oder dem Teilnehmer im Nachgang das Handwerkszeug liefern, den eigenen Fehler selbst zu verbessern.

Ebenso halte ich es mit Nachhilfeschülern. Bevor sie einfach mich oder das Handy nach einer Antwort befragen, sollten sie zunächst mit der Aufgabe und möglichen Lösungen „spielen“, die Perspektive wechseln und den „Sinn“ dahinter begreifen. Erst wenn der „Sinn“ einer Aufgabe deutlich wird, entsteht die innere Motivation bei den Schülerinnen und Schülern, die Aufgabe lösen zu wollen. Der „Zeitgeist“, den ich allerdings bei den Schülerinnen und Schülern beobachten kann, ist die völlige Selbstentmündigung durch Smartphones und „Alexas“. Jüngst bekam ich eine „Krisenmail“ in die Hand gedrückt, in der der Rektor einer Schule die Eltern über die Feststellung informierte, die Schülerinnen und Schülern würden nicht mehr richtig lesen können. Die „Lösung“ der Schulleitung: Ein Stapel Papier mit unterschiedlichen Text der unterschiedlichen Fächer. Dazu: Ein Blatt mit „Lesestrategien“, auf dem es sinngemäß heißt: „Lest genauer. Lest mehrmals. Macht euch Notizen.“ Das ist für mich ein schwarz auf weißes historisches Beweisstück unseres Zeitgeistes. Die Lehrerschaft und der Rektor sind offensichtlich völlig unfähig, den „Zeitgeist“ als Ursache für die durchaus problematische Entwicklung zu identifizieren, weil sie selbst völlig davon eingenommen sind.

Der Zeitgeist ist kein Geschenk,
wenn man bedenkt,
wie er den Freigeist mit Ketten lenkt
und Ideen in Ecken drängt!

Mehr Freigeistigkeit wagen!

Wenn also der vorherrschende Zeitgeist es vorsieht, immer weniger Freigeistigkeit entstehen zu lassen, indem das Denken mehr und mehr in die kalten Hände von Algorithmen gelegt wird, übernehmen die Maschinen über kurz oder lang tatsächlich das „Denken“ für uns. Wenn wir also im Internet nach der Bedeutung von „Zeitgeist“ googlen, befruchtet sich die Idee davon, was „Zeitgeist“ und damit was demgegenüber „Freigeist“ ist, stets selbst und wir entwickeln ein selbst-referentielles Denken, was ich nicht mehr als Denken im eigentlichen, im freigeistigen Sinne bezeichnen möchte. Wir manövrieren uns selbst in die eigene Manövrierunfähigkeit, während wir zwar noch in der Lage sind, dies stoisch und belämmert wie den Untergang der Titanic zu bedauern, zugleich aber längst völlig ohnmächtig erscheinen, daran noch etwas ändern zu können.

Doch ist das wahr? Nein! Ich bin der festen Überzeugung, dass Freigeistigkeit niemals wirklich ausstirbt. Die Welt funktioniert aus meiner Sicht stets nach dem grundlegenden Prinzip des Ausgleichs. Entwickelt sich das eine Extrem zu stark, wird auf der Gegenseite das andere Extrem ebenfalls erstarken. Und erstarken die beiden Extreme zu sehr, wird sich im Ausgleich dazu auch die gesunde Mitte wieder neu errichten. Ich sehe mich selbst als ein Verfechter der goldenen Mitte, der danach strebt, nicht nur die beiden „Extreme“ zu vereinen, sondern das Bild der „Waage“ oder des „Pendels“, gänzlich hinter sich zu bringen. Was danach kommt? Leere. Doch diese Leere wird nicht an einen Zeitgeist gebunden sondern völlig freigeistlich sein. Denn ein Freigeist kann selbst die Leere zu einer Lehre transformieren.


von Marco Lo Voi

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Ein Gedanke zu “Zeitgeist vs. Freigeist

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