Gedanken zu: Überzeugungen, Glauben und Hoffnung

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Überzeugungen

Im Beitrag „Gedanken zu: Frust, Sorgen und Angst“war die Tonart sehr düster. Zugleich hat er eine große Reichweite und viele Reaktionen erzielt. Ich weiß nicht, ob mich das freuen oder bestürzen soll. Es sind wohl doch immer die negativen, skandalösen und polemischen Dinge, die die Menschen lesen, teilen und fühlen. Eigentlich finde ich das schade, zugleich ist es aber ein Indiz für das vorherrschende Stimmungsbild und das sieht eher bedrückt und besorgt aus.

Ich glaube, dies liegt an den fehlenden inneren Überzeugungen der einzelnen Menschen der Gesellschaft. Wenn das Individuum keine ausdifferenzierten inneren Überzeugungen zu zentralen Fragen hat, die Leben, Tod, Krankheit, Gesundheit, Glauben, Wissenschaft und Gesellschaft betreffen, dann können sich Haltungen, Meinungen und Stimmungen von heute auf morgen komplett ins Gegenteil verkehren, wobei dem Individuum dieser Wandel gar nicht wirklich bewusst ist.

Woher kommt aber der Wandel? Wenn Überzeugungen nicht im Inneren jeder und jedes Einzelnen verankert sind, dann kann der Wandel nur von außen an uns herangetragen werden. Und wie geschieht das? Über Leben und Tod will man sich keine Gedanken machen, weil das eine kompliziert und das andere unangenehm ist. In diesem Jahr ist aber plötzlich die Angst vor dem Tod durch ein „lebensgefährliches Virus“ allgegenwärtig. Der Tod, der ein unangenehmes Randthema ist, wird uns plötzlich in Form von Statistiken Tag für Tag vor Augen geführt.  Von wem werden diese Statistiken an uns herangetragen? Von den Medien, den Politikern, dem Robert-Koch-Institut und dem Gesundheitsamt.

Ein weiteres Thema, das eher unangenehm ist, ist Krankheit. Nun, da die Todeszahlen sich in Grenzen halten, betet man uns auf denselben Kanälen „Infektionszahlen“ vor, die für uns dank einer rhetorischen Verklammerung gleichbedeutend mit „Krankheitsfällen“ sind. Und wer tatsächlich krank ist, ist eine Gefahr für Leib und Leben seiner Mitmenschen und muss unter häusliche Quarantäne gestellt werden. Dabei hat man sich in den vergangenen Grippesaisons ohne Scheu jeden Winter in die gerammelt vollen Bahnen gestellt und im Grunde fest damit gerechnet, jedes Jahr einmal erkältet zu sein.

Das Thema Gesundheit wurde in einer Gesellschaft, in der für Alkohol, Kindersüßigkeiten, Soft-Drinks, Fast-Food und Billig-Fleisch Werbung gemacht wird, eigentlich auch nie wirklich ehrlich diskutiert. Stattdessen werden Pharmariesen unterstützt, um Mittel und Stoffe zu entwickeln, die die negativen Auswirkungen einer 40-Stunden-Arbeitswoche mit Cola und Kantinenessen so lange abmildern, bis wir vollends arbeitsunfähig sind.

Nach wie vor ist vegetarische und vegane Ernährung ein Sonderfall, der jeden Sommer bei den zahllosen Grillpartys – ich nenne sie auch gerne „Fleischorgien“ – auf Unverständnis und/oder Belustigung stößt. Sind die Fleischesser dann mal in der Unterzahl, beteuern sie stets, häufig ohne konkret gefragt zu werden, dass sie eigentlich gar nicht so viel Fleisch essen würden. Und wenn, dann würde sie ja nur „das Gute“ kaufen. Ich bin sicher, dass das geschlachtete Kalb sich richtig gefreut hat, als es dann getötet wurde, weil es immerhin weiß oder dann eben wusste, wie die Sonne und eine Wiese aussieht.

Das Thema Glauben ist bei vielen begrifflich mit veralteten Traditionen, der Kirche oder esoterischen Praktiken verknüpft, weshalb für den „vernünftigen“ Bürger allein die „Wissenschaft“ Verkünderin der Wahrheit sein kann. Die Leute „glauben“ nicht mehr, die Leute „wissen“ heute nur noch. Mit „Wissenschaft“ – für mich die neue, anerkannte Religionsform – ist aber auch nur eine bestimmte Clique gemeint, die in etablierten Medien, Fernsehformaten, an den Universitäten und Hochschulen thematisiert werden.

Die Wenigsten wissen jedoch, wie wissenschaftliches Arbeiten, ein wissenschaftlicher Diskurs, Statistiken und Umfragen eigentlich zu bewerten sind, weil sie nicht die Möglichkeiten haben, einen Blick hinter die Kulissen des „Elfenbeinturms der geistigen Elite“ zu werfen. Darum sind sie darauf angewiesen, von ausgewählten Vertreterinnen und Vertretern dann reduziertes und aufbereitetes Wissen zu erhalten – ein weiterer von außen kommender Einfluss zu einem zentralen Thema, das unsere Gesellschaft und die Weltgemeinschaft entscheidend beeinflusst.

Es sind also gerade die zentralsten Fragen jetzt und zu allen Zeiten, zu denen viele Menschen keine eigene Meinung haben und auch nicht haben können, weil ihnen das Denken abgenommen wird und ihnen das Handwerkszeug dazu auch nicht an die Hand gegeben wird. Diese Themen sind ja einfach zu „komplex“. Darum sollte man sich am besten gar keine Gedanken darüber machen und sie den „Experten“ überlassen.

Zudem werden ihnen zunehmend die Möglichkeiten genommen, sich selbst ein eigenes Überzeugungsfundament zu schaffen. Dies beginnt mit einer rein zweckmäßigen Schulbildung, wird fortgeführt vom gelenkten öffentlichen Diskurs, erlebt derzeit seine Hochkonjunktur mit der systematischen Zensur unbequemer Youtube-Videos und wird schließlich mit den absoluten und sehr wandelbaren Aussagen nicht demokratisch gewählter Experten besiegelt.

Engel

Wenn ich das jetzt so sage, klingt das so, als wäre ich hingegen dazu im Stande. Und tatsächlich habe ich bestimmte innere Überzeugungen, die sich natürlich ebenfalls durch Einflüsse von außen gebildet haben, aber nicht von einzelnen zentralen Instanzen wie Nachrichtensprechern, Youtubern, Politikern und Wissenschaftlern abhängen. Diese Überzeugungen sind darum seit einigen Jahren in ihrem Kern konstant, was nicht heißen soll, dass ich deswegen nicht in der Lage wäre, alte Ansichten zu revidieren, falls sie sich als Trugschluss herausstellen sollten.

Eine zentrale innere Überzeugung, die sich durch mein Studium des Buddhismus und des Hinduismus gebildet hat, ist, dass es für mich kein „Gut“ und „Böse“ gibt. Ich glaub nicht daran, dass eine leidbringende Handlung eines einzelnen Individuums aus einer „bösen Natur“ entspringt. Darum entwickle ich keinen Hass und keine Gewalt gegenüber Menschen, die aus meiner Sicht falsche Dinge tun. Dies ist mein Weg, die Gewaltspirale zu durchbrechen. „Gewalt“ existiert für mich nicht nur in Form von Körperverletzung anderer Menschen, sondern auch in der Sprache, der Psychologie und in gesellschaftlicher Ausgrenzung.

Darum glaube ich auch nicht, dass Politiker, Virologen, Medienmacher, superreiche Konzerninhaber und Multimilliardäre derzeit aus purer Bosheit handeln. Ich bin davon überzeugt, dass sie bestimmten Formen der Verblendung unterliegen, denen wir alle zu einem gewissen Grad zum Opfer fallen: Habgier, Machtbestreben, Finanzinteressen, Unwissen und Ego-Denken.

Wenn ein Kind einem anderen sein Spielzeug wegnimmt, weil es selbst damit spielen will, dann realisiert es in diesem Moment nicht, wie zugleich ein anderes Individuum einen Verlust erlitten hat und damit Leid erlebt. Es schätzt das eigene Wohlergehen von höherer Priorität ein, denn es möchte jetzt halt noch viel lieber damit spielen als das andere Kind, das andere Kind weiß es eben nur nicht.

So ähnlich verhält es sich mit dem neoliberalen Wirtschaftssystem: Nur dort ist diese blinde Voraussetzung, dieser Trugschluss, zum treibenden, inneren Prinzip gemacht worden: Nimm es dir, sonst nimmt es sich jemand anders. Behalte es, denn du weißt doch besser als die anderen, was man damit anfangen soll. Du musst der oder die Schnellste sein, sonst fällst du zurück und wirst von den anderen gefressen. Das sind die Überzeugungen, die unserer Gesellschaft derzeit in geschickter Verschleierung als „Marktmechanismen“, „Wettbewerbsdruck“, „natürliche Ordnung“ und „Innovationspotential“ verkauft werden.

Baum mit Stadt in der Krone

Wenn ich mit anderen Menschen über diese trüben Themen spreche, dann kommt oft die Frage auf, wie ich mich mit all diesen Dingen nur auseinandersetzen könne. Das liegt unter anderem an der oben formulierten, zentralen Überzeugung. Weiterhin bin ich davon überzeugt, dass wir als Menschheit das Potential haben, uns noch zu viel Besserem zu entwickeln. Ich bin davon überzeugt: der neutrale Zustand, das heißt die Abwesenheit von leidbringenden Gedanken, Handlungen und Worten, ist Glück.

Und Glück, das frei ist von äußeren Bedingungen, ist wirkliche Zufriedenheit. „Das schnelle Glück“ ist zu einer modernen Droge geworden, die wir uns tagtäglich mit Süßkram, Sport, Medienkonsum, Spielen und Drogen holen. Wenn wir es jedoch schaffen, auch ohne diese Einflüsse Glück zu entwickeln, dann haben wir die Zufriedenheit erreicht.

Spielende Familie

Glauben

Was ist nun der Unterschied zwischen „Überzeugungen“ und „Glauben“? Aus meiner Sicht wird ein „Glaube“ dann zur Überzeugung, wenn man in der Lage ist, diesen Glauben mit rationalen Argumenten in einer Diskussion zu untermauern. „Überzeugungen“ haben meiner Definition nach also die unausgesprochene Voraussetzung, belegbar/beweisbar zu sein.

Im Umkehrschluss bedeutet das, Glauben müssen nicht zwangsläufig bewiesen werden. Darum bezeichne ich auch die Wissenschaft im populären Sinne als Glauben, weil nicht jede und jeder im Einzelnen argumentativ darlegen kann, warum er oder sie diese oder jene „wissenschaftliche Aussage“ vertritt. Und wenn wir etwas nicht so recht verstehen und es doch als „Fakt“ ansehen, dann handelt es sich um einen Glauben.

Ich persönlich sehe den Unterschied zwischen „Glauben“ und „Überzeugungen“ nicht im Sinne einer Hierarchie. Für mich sind „Überzeugungen“ nicht besser oder schlechter als „Glauben“. Es sind lediglich zwei unterschiedliche Form-Konzepte von „Ideen“. Ein „Glaube“ ist ein individuelles und unveräußerliches Recht und kann viele positive aber natürlich auch negative Auswirkungen auf den Menschen haben. Wenn die „Glaubens-Idee“ aber in eine Diskussion getragen wird, unterliegt sie dialektischen Grundsätzen. Hält die Glaubensidee der dialektischen Prüfung, also der logisch-argumentativen Auseinandersetzung stand, kann sie zur Überzeugung heranreifen.

Ich beispielsweise glaube an die Reinkarnation, an den zyklischen Verlauf allen Lebens, weil damit meine Überzeugung vom Prinzip „Karma“ zu einem logischen und argumentativ haltbaren Konzept wird. Ohne den Aspekt „Reinkarnation“ ist für mich der Begriff „Karma“ unbrauchbar. Wer mehr über den Begriff Karma lesen möchte, dem empfehle ich diesen Beitrag. Wer nun einwendet, dass die Annahme von „Reinkarnation“ aber Schwachsinn ist, der lässt außer Acht, wie Wissenschaft beziehungsweise die Konstruktion einer Theorie funktioniert.

Es werden so gut wie in jeder Theorie bestimmte Prämissen, also Annahmen getroffen, die als gegeben angenommen werden. Auf diesen vorausgesetzten, teilweise bereits bewiesenen, aber durchaus auch noch unbewiesenen Annahmen wird dann ein theoretisches Konzept aufgebaut. Die Evolutionstheorie baut beispielsweise auf der Annahme des „Urknalls“ auf.

Wenn also Wissenschaftler bzw. lizenzierte Experten auftreten und dem Laienpublikum die Ergebnisse ihrer Studien vorbeten, dann muss der Laie glauben, dass der oder die Wissenschaftstreibende den strengen wissenschaftlichen Prinzipien gemäß geforscht hat. Welche diese sind, wissen die Laien im Einzelnen wahrscheinlich nicht, weshalb sie der Deutungshoheit der Experten ausgeliefert sind. Ich habe dies „das Dilemma der Laien“ genannt.

Eule

Spätestens wenn dann ein zweiter oder eine dritte Expertin auftritt, die ein genau gegenteiliges Ergebnis berichtet, hängt es alleinig vom Glauben des Laien ab, welches Ergebnis er nun als „die Wahrheit“ ansieht, denn er hat keinerlei Möglichkeit den jeweiligen Weg zu diesem Ergebnis nachzuvollziehen.

Darum wird in der öffentlichen Debatte zu „Corona“ auch häufig nicht auf sachlicher Ebene sondern auf persönlicher Ebene berichtet. Der oder die verbreitet „krude Theorien“, „leugne“ oder „relativiere XY“, um dem Laien unerwünschte Ergebnisse, die nicht in die „Corona-Erzählung“ passen, nicht auf inhaltlicher sondern auf emotionaler Ebene als unglaubwürdig darzustellen.

Es gilt eben nach wie vor die Annahme, dass Menschen, die im Fernsehen und in den großen Blättern vorkommen, grundsätzlich ein höheres Prestige besitzen und damit eine größere Autorität und eine natürliche Deutungshoheit. Auch hierzu äußert sich Gustav Le Bon sehr unverblümt:

„Was besonders dazu beiträgt, den durch Behauptung, Wiederholung und Ansteckung verbreiteten Ideen eine sehr große Macht zu verleihen, ist dies, dass sie zuletzt jene geheimnisvolle Gewalt erlangen, die das Prestige heißt.
Alles, was in der Welt geherrscht hat, Ideen oder Menschen, hat sich hauptsächlich durch diese unwiderstehliche Kraft, die das Wort „Prestige“ bezeichnet, durchgesetzt. […]
Das Prestige ist in Wahrheit eine Art Herrschaft, die ein Individuum, ein Werk oder eine Idee über uns gibt. Sie lähmt all unsere Fähigkeit zur Kritik und erfüllt unsere Seele mit Staunen und Achtung. Wie jedes Gefühl ist auch das hier auftretende unbeschreibbar, es dürfte aber derselben Art sein wie die Faszination bei einem Hypnotisierten.“
(Le Bon: Psychologie der Massen, 1895, S. 121-122)

Das Prestige einer Person kann zum einen durch den Rahmen gefördert werden, in dem die Person erscheint (wir alle kennen das Gefühl, das Menschen auf Bühnen und im Fernsehen immer größer und selbstsicherer wirken und wenn sie dann vor uns stehen, löst sich dies Täuschung gerne auf). Zum anderen kann die gesellschaftliche Position ihnen natürliches Prestige verleihen (Mütter, Lehrer, ältere Menschen, „Gebildete“) oder weil sie ein gewisses Amt bekleiden (Beamte, Politiker). Manchmal reicht auch nur eine irgendwie geartete Uniform, um Prestige bei anderen Menschen zu ernten (Fußballer, Polizisten, Pilotinnen, Bankberaterinnen). Dazu hat ein junger Herr ein interessantes Sozialexperiment durchgeführt, welches zeigt, wie hörig einzelne Menschen sind, wenn sie das Gefühl haben, einer irgendwie gearteten Autorität gegenüber zu stehen.

Dabei stellen wir uns in der Regel nicht vor, wie die Autoritäts-Person sich die Zähne putzt, auf’s Klo geht oder ihnen das Butterbrot auf die bestrichene Seite fällt, wenn sie schlaftrunken vor der Kaffeemaschine steht. Wir sehen in diesem Menschen nur noch einen Funktionsträger ähnlich wie bei der Putzfrau im Büro oder dem Kassierer an der Tankstelle, nur dass diese meist eher geringeres Ansehen genießen, weil ihrer Tätigkeit kein gesellschaftliches Prestige zugeschrieben wird. Dabei bleibt es aus meiner Sicht fraglich, ob die Putzfrau, die täglich deinen Arbeitsplatz säubert, nicht eine größere Rolle in deinem Leben spielt, als irgendein Parteipolitiker im Landtag.

Hoffnung

Wenn ich mir die Entwicklungen in diesem Jahr ansehe, die Diskursdynamik, die Diffamierungen, die Freiheitsbeschränkungen, das völlige Ignorieren bereits ermittelter Erkenntnisse, die Berichterstattung und die Verwirrung der Menschen, dann mag es fast makaber klingen, von Hoffnung sprechen zu wollen.

Mir geht es momentan noch ziemlich gut. Ich habe noch keine wirtschaftlichen Probleme und stehe kurz vor meinem Hochschulabschluss. Es besteht also kaum Anlass zur Klage. Allerdings sehe ich die globale Gesellschaft auf einen universalen Crash zurasen, der jede und jeden betreffen wird, egal wo er oder sie sich derzeit befindet. Wir erleben derzeit das Brodeln vor dem Ausbruch des Vulkans, die Vorbeben des großen Knalls, das Anrollen der dunklen Wolken am Horizont.

Viele mögen sich jetzt vielleicht wundern und sich fragen, was ich damit meine. Aber dies liegt vermutlich an der menschlichen Eigenschaft, die Augen vor Gefahren, die noch nicht akut bestehen, zu verschließen. Zudem sind wir derart eingespannt und abgelenkt, sodass weitschweifende Gedankengänge in diese Richtung zu viel Zeitaufwand für eine unschöne Tätigkeit bedeuten würde.

Andere sehen diese Dinge sehr deutlich oder erleben bereits finanzielle Engpässe, drohende Insolvenzen und ein Austrocknen ihrer Branche (Veranstaltungstechniker, Künstler, Musiker, etc.) Auf Grund der Kurzarbeitergesetze und staatlichen Darlehen schwelen diese Brände aber noch im Untergrund und werden von der breiten Gesellschaft darum nicht wahrgenommen.

Menschen - Sillhouetten

Wie kann man in solchen Zeiten noch Hoffnung haben? Genau hier kommt der Glaube ins Spiel. Zu allen Zeiten und in allen Kulturen waren es die Glaubensvorstellungen, die die Menschen für sich entwarfen, um augenscheinlich ungerechte und schreckliche Entwicklungen, sowie Erlebnisse außerhalb ihres Erfahzungshorizonts zu begründen. Ob es nun der Glaube an eine höhere Macht, an die vorherrschende politische Führungsriege, an den Kapitalismus oder an kosmische Gesetze ist: der Mensch braucht den Glauben, um aus ihm Hoffnung zu schöpfen.

Deswegen sind Glaube und Hoffnung so eng verzahnt. Verlieren wir den Glauben an etwas, dann bricht damit häufig ein Weltbild zusammen und die darin enthaltene Hoffnung entfliegt wie ein Vogel aus einem zerbrochenen Glaskäfig.

Ballerina

Knüpfen wir unseren Glauben an materielle und vergängliche Dinge wie Geld, politische Systeme, einzelne Personen oder relativen Dingen wie der Wissenschaft der Gerechtigkeit, dann ist eine Desillusionierung von diesem Glauben wahrscheinlich. Denn Geld hat keinen eigenen Wert, politische Systeme können zerfallen, Personen können sterben, die Wissenschaft hat keine zentrale Institution, die die eine Wahrheit kennt und Gerechtigkeit ist immer abhängig von der eingenommenen Perspektive.

Darum pflegen Menschen auch häufiger Glaubensformen, die sich an überirdische, unsterbliche und unendliche Dinge knüpfen: Gott, die Seele, das Universum, der Geist , Naturkräfte etc. Für starre Materialisten sind dies erfundene Konzepte, die nicht „real“ sind. Dabei vergessen sie jedoch, dass viele Dinge der materiellen Welt ihren Wert allein durch menschengemachte, also „erfundene“ Konzepte erhalten.

So macht eine Krone einen Menschen nicht automatisch zu einem Herrscher, dennoch verbinden wir die Krone mit dem Adel, und der oder diejenige, die die Krone trägt, übt die Herrschaft aus. Ein Scheck oder ein Vertrag ist lediglich ein Stück Papier mit bestimmten Formulierungen. Dennoch erhält man für manche dieser beschriebenen Papiere das Anrecht auf ein Haus oder auf eine bestimmte Menge Geld. Dieser Anspruch ergibt sich jedoch alleinig aus dem erfundenen Konzept „Vertrag“ oder „Scheck“, das von einem bestimmten Personenkreis geteilt und akzeptiert wird. Versuchen wir hingegen mit einem Vertrag für das Anrecht auf ein Amazonasgebiet die dort einheimische Bevölkerung dazu zu bringen, sich aus dem Staub zu machen, sehen wir recht schnell, wie viel Macht ein solches Stück Papier eigentlich hat. Ein Bulldozer oder bewaffnete Kräfte sind da die eigentlichen Machtinstrumente.

Der durchschnittliche Bürger des Westens glaubt also ein eine Unzahl von Dingen, die für uns selbstverständlich sind, wenngleich viele behaupten würden, keinesfalls irgendwie „gläubig“ zu sein. Wir müssen sogar an viele Dinge glauben, sonst würden beispielsweise Unternehmen, Staatsgebilde, Parteisysteme, die Wirtschaft und Mannschaftssportarten überhaupt nicht funktionieren und sich sofort in Luft auflösen. Wir glauben aber an die Existenz von Aktien, Demokratie, Landesgrenzen, Geld und Spielregeln. Und darum werden sie Realität.

Aus diesem Grund ist es genauso legitim und logisch, an die Existenz des Himmels, der Seele, der Reinkarnation und Karma zu glauben. Der Unterschied liegt allein in der Anzahl der Menschen, die sich regional zu dem einen oder dem anderen Glauben bekennen. An Geld glaubt so gut wie die ganze Welt. Auch die Existenz von Landesgrenzen ist ein global verbreiteter Glaube. Der Glaube an die Reinkarnation, an die Seele oder an den Himmel hingegen sind eher regional begrenzt. Harari, der Autor des Buches „Ein kurze Geschichte der Menschheit“, bezeichnet darum alle menschlichen Ideen, die nicht unmittelbar aus der evolutiven Kraft der Natur hervorgehen, als „Mythen“.

Jeder Glaube eint jedoch eine Sache: er gibt uns Hoffnung. Mit dem Geld auf unserem Konto oder in unserer Tasche hoffen wir, ein Brot beim Becker zu bekommen. Wir hoffen, dass wir auch morgen noch zur Arbeit gehen können, weil wir an das Unternehmen glauben, bei dem wir angestellt sind. Wir hoffen, dass das Haus oder das Zimmer, in welchem wir leben, uns auch morgen noch zur Verfügung steht, weil wir an unserer Miet- oder Eigentumsvertrag glauben. Ebenso hoffen wir unser Seelenheil, wenn wir an den Himmel glauben und hoffen, dass wir in eine bessere Daseinsform geboren werden, weil wir an die Reinkarnation glauben.

Worauf möchte ich hinaus? Jemand anderes für seinen Glauben, egal in welche Richtung dieser gehen mag, zu verspotten oder gar zu verurteilen und zu hassen, ist ein Akt der Selbsttäuschung. Wir täuschen uns selbst, weil wir selbst an sehr viele Dinge glauben. Selbst die materialistischsten Atheisten sind oft von unglaublich vielen Glaubenskonzepten sehr abhängig, während beispielsweise das Ziel eines praktizierender Buddhisten ist, sich von allen Glaubenskonzepten loszusagen.

Auch asketisch lebende Mönche des christlichen Glaubens versuchen, sich von ihren irdischen Glaubenskonzepten loszulösen, um der göttlichen Kraft näher zu kommen. Es sind aus meiner Sicht also eher die „gläubigen“ Menschen, deren Glauben sehr einfach und in der ist – aus dieser Sicht sind es eigentlich die religiösen Menschen, die in der Summe am wenigsten gläubig sind.

Nun muss nicht jeder Mönch oder Nonne werden. Aber eine tolerante Haltung gegenüber jeglichem Glaubenskonzept ist ein Beweis für die Einsicht und Klarsicht auf die eigene Erlebens- und Handelswelt.

Kommt in den Frieden und die Akzeptanz, dann endet der innere Kampf. Und endet der innere Kampf, so endet irgendwann auch der Kampf im außen!


von Marco Lo Voi

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