Tag 3 der „Ausgangssperre“ – Hoffnungen

Verwirrung, Angst, Ohnmacht

Zuerst wollte ich einen Beitrag schreiben, in welchem ich sowohl Ängste als auch Hoffnungen zum Ausdruck bringe. Ich habe mich jedoch entschieden, zunächst nur meine Hoffnungen auszuformulieren. Warum? Weil Verwirrung, Angst und Ohnmacht ohnehin durch den 24-Stunden-Corona-Livestream auf allen Kanälen erzeugt und gefördert wird.
Darum soll dieser Beitrag von ein paar positiven Gedanken belebt werden.

Kollektives Erwachen

Wie eine Erdbeben, welches in mehreren Phasen über die Erdkugel rollt, erschüttert diese Krise jeden Tag erneut unsere Lebenswelt. Wir wachen morgens auf und immer noch ist diese Corona da. Es ist kein Traum: Corona hat uns aus unserem Wohlstandsschlaf aufgeweckt.

Bisher haben wir im europäischen Westen wie die Maden im Speck gelebt. „Nörgeln auf hohem Niveau“ ist eine allseits beliebter Sportart gewesen, den jede und jeder von uns gerne gelegentlich betrieben hat –  gib es ruhig zu, das ist menschlich.

In mehreren rasch aufeinander folgenden Wellen stand der Virus plötzlich vor unserer Haustür. Dort ist er allerdings nicht stehen geblieben, sondern er ist mit der Tür ins Haus gefallen, hat sich einen Eimer mit eiskaltem Wasser geschnappt und ihn ganz unverblümt über dein noch schlummerndes Ich entleert – Guten Morgen.

Wir sind gerade Teil eines neuen Kapitels der Menschheit. Der Titel: Die Corona-Krise. Was jedoch auf den bisher noch leeren Seiten dieses zukünftigen Kapitels stehen wird, das haben wir selbst Hand.

„Es kommt auf jede und jeden an!“

Während die bisherige Grundstimmung einer trägen Masse bisher von der Idee jedes Individuums geprägt war, dass eine Einzelne nichts Großes bewirken kann, geht plötzlich ein Aufschrei durch alle sozialen Medien! „Es braucht jeden!“, „Jeder muss mitmachen!“, „zeige Solidarität und bleib daheim!“, etc.

Plötzlich findet eine soziale Mobilmachung statt, von der eine „Fridays for Future“-Bewegung nur träumen kann. Plötzlich entdeckt das Individuum den eigenen Einfluss am großen Ganzen.

Vielleicht, ganz vielleicht kann diese Krise die Idee und das Vertrauen in uns fördern, dass eine einzelne Person durchaus einen Einfluss hat, er oder sie muss nur mit Vehemenz, Mut und Überzeugung dafür streiten! Ja, jede und jeder hat das Zeug, seine Mitmenschen zu begeistern und zu ermuntern, für eine bessere und lebenswertere Welt zu handeln!

Solidarität

Dieses Wort erlebt in den letzten Tagen einen ähnlich inflationären Gebrauch wie die Worte „Pandemie“ oder „Klopapier“. Was bedeutet es genau? Und mit wem sollen wir den solidarisch handeln? Ist man schon ein besserer Mensch, wenn man statt 4 Packungen Klopapier nur 3 mitnimmt?

Wie vieles, was die Politik zu allen Zeiten und in allen Situationen so von sich gibt, ist das Wort „Solidarität“ so allgemein und schwammig, dass sich jeder bequem die für ihn oder sie passende Interpretation herausziehen kann – unter diesem Gesichtspunkt funktionieren Reden von Politikern ungefähr so wie Horoskope.

Ich möchte eine utopische Interpretation dieses Begriffs hier vorschlagen: Bedingungslose Solidarität. Bedingungslose Solidarität ist das, was in der nächsten Zeit von uns allen gefordert wird. Dies Einforderung erfolgt aber nicht durch eine Autorität, sondern muss intrinsisch aus einer menschlichen Moral heraus entstehen.

Menschen - Sillhouetten

Ein Aufkeimen dieser Solidarität ist mir schon hier und da aufgefallen. Eine wachsendes Bewusstsein für die Mitmenschen um sich, entstehende Nachbarschaftshilfen, Unterstützungsprojekte für Lebensmittelhöfe, die durch die Wirtschaftslage in Bedrängnis geraten, etc.

Und jetzt folgt eine provokante Frage: Wenn ihr diese Hilfen anbietet, fragt ihr die hilfsbedürftigen Person zuerst woher sie stammt, welche Musik sie hört, welche Partei sie wählt, ob sie überhaupt wählen geht und wie sie zum Thema Homosexualität steht? Ich denke und hoffe nicht.

Eine hilfsbedürftige Person sollte, und da stimmen mir hoffentlich die meisten zu, bedingungslos Hilfe erhalten.
Situation: eine älterer Herr, der in eurer Nachbarschaft wohnt und einen AFD-Aufkleber auf seinem Auto hat, schleppt eine viel zu schwere Tüte die Straße entlang. Weit und breit nur du und dieser alte, gebrechliche Mann, der noch ein paar hundert Meter zu bewältigen hat. Seid ihr bedingungslos solidarisch?

Eine weitere Situation: Ihr ergattert gerade noch die zwei letzten Packungen Nudeln im Regal und nach euch steht ein Dunkelhäutiger verdutzt vor dem leeren Regal mit leerem Einkaufskorb. Seid ihr bedingungslos solidarisch?

Die Neuordnung der Welt

Was uns in den nächsten Wochen und Monaten erwartet, kann niemand mit Bestimmtheit sagen. Allein dieser Umstand ist schon eine historische Besonderheit. Es werden derzeit viele dystopische Szenarien gezeichnet, die alle ein völliges Kollabieren unserer Weltwirtschaft beinhaltet.

Nicht gerade ein positiver Gedanke. Wie können wir diesen dennoch positiv für uns nutzen?

Die Natur erlebt derzeit eine kleine Reha-Kur vom menschlichen Treiben. Der globale „Shut-Down“ gibt der Natur eine Pause, die sie dringend benötigt. Während also die produzierende Industrie zum Stillstand kommt, der und die Einzelne zunächst nichts weiteres erleidet, als unfreiwillig mehr Freizeit zu haben, wird aller Orts der defizitäre Status unseres Gesundheitssystems offensichtlich

Berufsgruppen, die in der Wahrnehmung der meisten eine Randexistenz führen, stehen plötzlich im Zentrum der Aufmerksamkeit: Pflegepersonal, Krankenpfleger, Sanitäter, Verkäuferinnen und Verkäufer, Personal im Lebensmittelhandel, Postboten und Lieferantinnen.

Die gesamte Last des sozialen Lebens stützt sich nun auf diese Berufsgruppen. Aber was hat sich denn geändert? Diese fleißigen Menschen haben immer schon hart und viel gearbeitet, dafür aber mit Abstand am wenigsten verdient – weder Anerkennung noch Geld.

Wie dreist kann eine Politik sein, nun durch diese radikalen Maßnahmen noch viel mehr von diesen Menschen zu fordern? Was nützt diesen Menschen ein Applaus auf dem Balkon, wenn sie seit 20 Jahren für einen Hungerlohn Kranke und Alte pflegen. Sie tun nun nichts anderes, als sie immer schon getan haben.

Auf der anderen Seite sind es die Megakonzerne und Unternehmen, die durch den Stillstand ihrer Produktionen die gesamte Weltwirtschaft in ihrer ohnehin instabilen Lage in eine steile Talfahrt reißen. Manager, Broker, Bankiers, Großindustrielle und Konzerneigner, die seit Jahrzehnten in einem obszönen Reichtum leben, werden nun staatlich bezuschusst, um das Hamsterrad Kapitalismus weiter in Bewegung zu halten, denn ein Stillstand ist in diesem System nicht vorgesehen.

Im Zuge der drohenden Neuordnung dieser Welt könnte dieses absolut verdrehte Verhältnis wieder gerade gerückt werden. Die Armee der BWLer und VWLer könnten ihrer sozialen Stellung von den Konstrukteuren einer gewinnorientierten Gesellschaft zu Dienern des allgemeinen Wohlstands „degradiert“ werden, während die Pfleger, Lehrer und Heilerzieher das Ansehen erlangen, welches ihnen auf Grund ihrer sozialen Leistung zusteht.

Unser Platz in der Natur

Während die Welt der Menschen Kopf steht, geht die Sonne unermüdlich auf und unter, der Wind weht, die Vögel fliegen und Bäume, Wiesen und Insekten nehmen ihren Betrieb nach der Winterpause langsam aber sicher wieder auf. Die Natur kümmert sich wenig um das Corona-Virus, ja es begrüßt ihn sogar.

Das Virus könnte eine harte Lektion von Mutter Natur sein, um uns für die Vernachlässigung der Pflege unserer Umwelt, ja für ihre aktive Zerstörung zu strafen. Marodierende Heuschreckenschwärme verwüsten ganze Landstriche, Wälder sterben, Wüsten dehnen sich aus und der milde Winter könnte eine wahre Invasion an Zecken, Mücken und Stechfliegen im kommenden Sommer zur Folge haben.

Zwei Personen neben einem Baum - Schwarz-Weiss

Das Virus könnte das Musterstück einer langen Kette aus menschheitsbedrohenden Tendenzen darstellen, um uns von unserem hohen Ross, unserer angeblichen Position an der Spitze der Nahrungskette an unseren Platz zu verweisen – Der Mensch: ein bloßer Wimpernschlag in der langen Weltgeschichte.

Doch solange die Menschheit existiert, hat sie die Chance, ihren Platz innerhalb des Systems der Natur zu erkennen. Während wir fortlaufend versucht haben, der Natur unser vernünftiges System aufzuzwängen, hat die Natur uns immer wieder bewiesen, wie machtlos wir im Grunde sind. Wenn sie mit der Schulter zuckt, liegen unserer Häuser in Trümmern. Wenn sie niest, dann fliegen uns die Ziegel vom Dach. Wenn sie wütend wird, begräbt sie ganze Zivilisationen unter Asche.

Es wird Zeit, unsere Verbindung zur Natur wieder aufzunehmen und uns als ein Teil eines Organismus zu erkennen. Dies könnte eine historische Chance sein.

Werden wir sie nutzen?


Von Marco Lo Voi

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