
Im Hier und Jetzt
In eine früheren Beitrag habe ich bereits einige Worte über den von mir als „wahren“ gegenwärtigen Moment bezeichneten Ort vereint. Im allgemeinen Sprachgebrauch nennen wir diesen Ort auch schlicht „Hier und Jetzt“. Dort ist der Ort, an welchem der Mensch auf sein ureigenes Sein trifft. Dieses ureigene Sein entspricht dem „wahren Selbst“, das frei von Erwartungen (Zukunft) und Erfahrungen (Vergangenheit) ist – wir verweilen einzig und allein im Hier und Jetzt und ent-decken darin den Kern unseres Daseins.
Die Wege dorthin sind vielfältig und teilweise tausende von Jahren alt. Methoden, Techniken und Anleitungen dazu gibt es inzwischen sowohl für Einsteiger als auch für Fortgeschrittene in großer Anzahl. Darum möchte ich hier nicht noch eine weitere Anleitungen herunterbeten. In diesem Beitrag möchte ich einen Aspekt fokussieren, der in allen Meditationspraktiken eine zentrale Rolle spielt – den Atem.

Die altindischen Wurzeln
Interessanterweise lässt sich der deutsche Begriff „Atem“ auf das Wort आत्मन्, (ātman) aus dem Sanskrit, der altindischen Sprache, zurückführen. Nach der Stammbaumtheorie zur Entwicklung der Sprachen stammen sowohl die germanischen als auch vorderasiatischen Sprachen von derselben Ursprache „Indogermanisch“ ab, was sich scheinbar an diesem Beispiel erneut nachweisen lässt. Das Wort ātman bedeutet so viel wie „Hauch“, „Seele“ oder „Selbst“. Im Althochdeutschen findet sich die Form ātum, das sowohl mit „Atem“ als auch mit „Geist“ übersetzt werden kann (Quellen: Wikipedia, DWDS). Damit ist also der Begriff „Atem“ und die Meditationslehren ein Import aus dem alten Indien.
Das Konzept ātman ist neben dem Konzept ब्रह्मन् (brahman) einer der zentralen Begriffe der indischen Philosophie. Ihren Ursprung haben diese Begriffe im Veda, manchmal auch „vedische Schriften“, oder „die Veden“ genannt. Der Veda ist eine Texte-Sammlung, um deren Datierung gestritten wird. Man nimmt jedoch an, dass der wesentliche Teil rund 500 v. Chr. abgefasst wurde. Die Sammlung besteht aus vier Teilen, die eine ganzheitliche Kosmologie bilden. Je nach Deutung dieser Schriften werden die exakten Definitionen von Brahman und Atman in der indischen Philosophie von verschiedenen Strömungen unterschiedlich formuliert.
Allerdings decken sich die Definitionen darin, dass „Brahman“ die form-, zeit- und bedingungslos Urkraft, der Urgrund von allem, was je existierte, existiert und je existieren wird, darstellt. Das Verhältnis zwischen Brahman und Atman ist nicht leicht zu begreifen, weshalb sich die vedischen Traditionen in diesem grundsätzlichen Punkt bereits in ihren Auslegungen zu diesem zentralen Begriffspaar scheiden. Sie teilen aber mehr oder minder die Ansicht, dass „Atman“ eine Emanation von Brahman ist, aus ihm also hervorgeht, und nur bedingt von Brahman zu trennen ist. „Atman“ wiederum bildet den belebenden Kern in einem Individuum. Atman ist also ein individuelles Spiegelbild oder ein Fragment von Brahman. Wenn Brahman also die Sonne wäre, und alle beseelten Wesen wären unzählige Regentropfen, entspräche Atman der Sonnenreflexion in jedem der einzelnen Tropfen.
Übertragen auf die mosaischen Religionen könnte man Brahman mit dem „göttlichen Prinzip“ in formloser Form und Atman mit der „Seele“ des Individuums vergleichen(Literaturquelle 1), wenngleich das westliche Verständnis von „Seele“ die Seele als ein dem Individuum einzig und allein zugehöriges meint, wohingegen der Atman in allen Individuum eine Art wesensgleicher Klon des Urprinzip Brahmans darstellt. Der Atman ist im vedischen Verständnis also unser innerster, unveränderbarer, unvergänglicher und unzerstörbarer Wesenskern, worin alle lebendigen Wesen wesensgleich sind. So lange wir also atmen, weilt Atman in uns. Mit unserem letzten Atemzug hauchen wir Atman aus, der Atman verlässt unseren Körper und geht wieder in den Kreislauf aus Sterben, Tod und Wiedergeburt ein, bis er erneut Gestalt annimmt.

Atmung und Meditation
Der Atem ist laut vedischem Verständnis also ein klares Zeichen für die Präsenz von Atman. Kehren wir unsere Wahrnehmung von der äußeren Welt ab und richten sie auf unsere innere Welt, ist der Atem das „Tor“ zu Atman. Konzentrieren wir uns auf unseren Atem, dann können wir durch ihn jeden Winkel unseres Körpers erreichen, der von dieser formlosen und unzerstörbaren Kraft bewohnt wird, die man mit Atman bezeichnen kann.
Jeder kennt das: lassen wir uns von trüben Gedanken niederdrücken, sind wir traurig und fühlen uns einsam, dann seufzen wir, atmen schwer und unrhythmisch, die Verbindung zu Atman ist vernebelt, verdunkelt, verschleiert. Sind wir gestresst, hektisch, gedanklich immer schon bei der nächsten Verpflichtung oder leben in Angst, dann atmen wir flach, schnell, in der Brust – die Verbindung zu Atman ist flatterhaft, verschattet, teilweise vermauert.
Und so, wollen wir uns zur Ruhe begeben, um Meditation zu praktizieren, erscheint die Fokussierung auf den Atem als ein erster Schritt sehr naheliegend. Regulieren wir unseren Atem, regulieren wir automatisch unsere Gedanken. Wenn Gedanken die Atmung beeinflussen, so können wir durch einen veränderten Atemfluss auch eine Änderung der Gedankenwelt herbeiführen. Wie bereits erwähnt, atmen wir unwillkürlich in die Brust, wenn wir gedanklichen und oder körperlich unter Stress stehen. Darum ist meiner Ansicht die Kultivierung der Bauchatmung in Ruhephasen der erste Schritt zur inneren Ruhe.
Man spricht von Bauch- und Brust- bzw. Zwerchfellatmung, obwohl natürlich in beiden Fällen Luft in die Lunge gesogen wird. Allerdings nutzen wir im Falle der Brustatmung zusätzlich Muskeln des Brustbereichs, erzeugen Unterdruck, Spannung und nutzen nicht das gesamte Lungenvolumen. Bei der Zwerchfellatmung entspannen wir den Brustbereich und spannen das Zwerchfell nach unten auf, dehnen die Bauchdecke, füllen somit das gesamte Lungenvolumen. Wir können natürlich beide Formen der Atmung kombinieren und sowohl in den Bauch und anschließen durch den Einsatz der Brustmuskulatur den Brustkorb aufdehnen, um die Lunge in alle Dimensionen maximal zu füllen.
Egal, wie wir atmen, am Ende gelangt die Luft in die Lunge. Dennoch können wir alleinig mit dem Atem sehr erstaunliche Effekte erzielen. Natürlich ist die Lunge der Ort des Gasaustausches, aber der Sauerstoff, der durch die Atemluft aufgenommen wird, gelangt auch in alle anderen Areale des Körpers, von den Muskeln bis ins Gehirn. Darum heißt es auch, wenn ihr beispielsweise Yoga macht, oder auch bei jeder anderen Sportart in Dehnungsphasen oder eben bei bestimmten Meditationspraktiken, dass ihr in bestimmte Bereiche „hineinatmen“ sollt. Was ist damit gemeint, wenn wir doch einzig mit der Lunge atmen?
Meiner Ansicht nach ist damit die „Bewusstseinslenkung“, die „Achtsamkeit“, „Aufmerksamkeit“ bzw. die Konzentration gemeint. Wir lenken nicht die „Atemluft“ in bestimmte Bereich des Körpers, sondern bündeln unsere „Aufmerksamkeit“ in bestimmte Bereiche des Körpers. Wir koordinieren eine körperliche Aktivität, wie Atmung, ggfs. Dehnung oder Bewegung mit der geistigen Aktivität „Lenkung der Aufmerksamkeit“, um einen gerichteten Energiefluss herzustellen. Wie funktioniert das?
Wenn der vedische Begriff „ātman“ „Hauch“ und „Seele“ bedeutet, heißt das, wir verleiben uns Anteile von Brahman durch die Atmung ein und transformieren Brahman durch unseren Körper in „Atman“. Wenn wir nicht atmen, haben wir keine Lebenskraft. Auf einer feinstofflichen Ebene kann die Atemluft als göttliche Kraftquelle gesehen werden, die wir durch die Atmung anzapfen. „Atmen“ ist aus dieser Sicher also mehr als nur die Aufnahme von Sauerstoff. Bei der Atmung füllt sich nicht nur die Lunge; wenn wir aktiv atmen, dann geraten auch Energieflüsse in Gang, die wir mittels unseres Geistes steuern können. Atmen wir also „in unseren Oberschenkel“ während einer Dehnungsübung, so konzentrieren wir Energiepotentiale in bestimmten Körperregionen, die wir mittels der Atmung anreichern und anregen.
Dies bedeutet, wir können durch das Wechselspiel von reiner Atmung und Bewusstseinslenkung verschiedenste psycho-somatische Effekte erzielen, die von einfacher Klarheit bis hin zu psychedelischen oder gar mystischen Erfahrungen reichen kann. Ich selbst habe Momente erlebt, in denen sich meine feinstofflicher von meinem grobstofflichen Körper gelöst hat, oder ich psychedelische Beeinflussung der optischen und sensorischen Wahrnehmung erfuhr. Diese Erfahrungen waren bisher ausnahmelos positiv und bereichernd.

breathwork – Der Zugang zu unserem Körper
Erst kürzlich habe ich das „breathwork“ für mich entdeckt. Zuvor hatte ich bereits einige Erfahrung mit der „Wim-Hof-Methode“, die ich in anderen Beiträgen bereits erwähnt und erläutert habe. Da der Somme sich dem Ende zuneigt, empfehle ich diesen Beitrag vor dem anstehenden Winter. Mir war nicht bewusst, dass diese Form des aktiven Atmens als „Breath Work“, zu Deutsch „Atem-Arbeit“, bezeichnet wird. Die Wim-Hof-Atmung hat dabei den Fokus auf die Anreicherung des Sauerstoffs im Blut, während die CO2-Toleranz erhöht und das Immunsystem angeregt wird. Hier erfährst du mehr über weitere erstaunliche gesundheitliche Verbesserung:
Das ist der Blick auf die physiologische Ebene. Beim breathwork geht es für mich persönlich jedoch um viel mehr. Während das reine Atmen an sich nicht von der Hand zu weisende extreme gesundheitliche Vorteile bringt, führt uns die Bewusstseinslenkung während dieser „einfachen“ Körperübung in tiefe Bereiche unserer Psyche und unseres Geistes. Wir können ganz ohne kulturell aufgeladene Rituale und Methoden einzig mit der Atemkontrolle gezielt Geisteszustände herbeiführen, wie sie in verschiedensten Meditationspraktiken des Buddhismus, Hinduismus oder auch des Taoismus gelehrt werden. Dabei spielen neben Rhythmus, Frequenz und Atemtiefe die geistigen Prozesse eine große Rolle.
Wir können natürlich die Wim-Hof-Atmung als eine rein motorische Übung ansehen, das ist völlig legitim. Allerdings entfaltet sich in der Stille des angehaltenen Atems bei leerer Lunge unser wahres Selbst. Wenn wir unseren Geist dafür öffnen, kann aus dem motorischen Bewegungsablauf eine reine und einfache Meditationspraxis entstehen. Wir überwinden unsere rege Gedankenwelt und können durch die Stille in die große Tiefe des Körpers bzw. des Unterbewusstseins eintauchen und dort ganz ohne komplizierte Gedanken und Erklärungen tiefenpsychologisch bestimmte Themen bearbeiten.
Ein Freund hat mich im Zuge dessen auf einen Youtube-Kanal aufmerksam gemacht, der wirklich sehr schöne Videos zu diesem Thema macht. Seit ein paar Monaten habe ich diese geführten Atem-Übungen in meinen Meditationsalltag integriert und bin von der Wirkung überwältigt. Darum möchte ich euch an dieser Stelle diesen Kanal empfehlen. Seine Videos sind allerdings auf Englisch. Ich empfehle, sich das erste Erklärvideo mit den automatischen Untertiteln anzusehen und genau nachzuvollziehen. Dann versteht ihr all die anderen Videos problemlos:
Ich kann es nur wirklich wärmstes empfehlen, sich diese Form der Kontaktaufnahme zu unserem Körper einmal anzusehen. Es gibt wohl kaum eine einfachere und sicherere Methode, Körper und Geist wieder einander anzunähern und vielleicht sogar miteinander in Einklang zu bringen!
Literaturquelle 1: Heinrich Schmitt (1961): Philosophisches Wörterbuch, 16. Auflage, Verlag: Alfred Kröner: Stuttgart, S. 290-293.
von Marco Lo Voi
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Es gibt zwei Arten von Pranayama: Hathayoga- pranayama und Rajayoga-pranayama.
Die erste Art ist rein mechanisch und benutzt bestimmte Techniken, um das Prana zu beherrschen, es unter Kontrolle zu bringen.
Das zweite hingegen läßt das Prana auf ganz natürlicher Weise unter Kontrolle zu bringen: in Meditation, bis der Atem komplett von sich aus – wie davor all die Gedanken ,Gefühle und Körperbewegungen- aufhört.
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