Krieg der Worte Teil 3: „Antisemitismus“

Ein heikles Thema

Ich möchte mich nun endlich zu dem gerade wieder medial breit getretenen Thema „Antisemitismus“ äußern. Dieser Begriff wird in letzter Zeit meines Erachtens noch unreflektierter benutzt, als es bei dem Begriff „Verschwörungstheoretiker“ der Fall war.

Es liegt auf der Hand, dass gerade in Deutschland die Debatte um den Begriff „Antisemitismus“ emotional stark aufgeladen ist. Und das ist auch nachvollziehbar. Dennoch sollte man nicht die rational-logische Sicht auf die Realität verlieren.

Trotz all dem potentiellen Anstoß, den vielleicht der oder die ein oder andere an meinen Worten finden wird, möchte ich zu der verbalen Treibjagd äußern, die gerade Deutschlands derzeit erfolgreichstem Rapper und sein Kumpane erdulden müssen.

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Sympathie

Ich persönlich bin absolut kein Fan von Kollegah oder von Farid Bang, auch wenn ich sehr gerne deutschen Rap höre. Die Azzlacks, Prollrapper und Autotune-gesangstalente sind überhaupt nicht mein Fall – aber dabei handelt es sich nur um meinen ganz persönlichen Musikgeschmack und dieser hat rein gar nichts mit den Personen zu tun, die hinter den Künstlerfiguren stehen.

Hier beginnt nämlich die erste gefährliche Vermischung: es gibt Menschen, die automatische eine Antipathie gegen Menschen entwickeln , weil sie beispielsweise ihre Musik nicht mögen.

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Auf das Beispiel Kollegah und Farid Bang bezogen: ich mag ihre Texte nicht, finde sie plump und geschmacklos, aber meine Haltung gegenüber ihrer Person ist vollkommen neutral, weil ich nicht weiß, wer sie hinter der Maske ihrer Künstleridentität sind. Und diese Trennung muss gemacht werden, um sich nicht in Vorverurteilungen zu verlieren.

Bei Kollegah haben sich die Medien einen wirklich gefährlichen Gegner ausgesucht, weil er mit seiner Musik ein Millionenpublikum erreicht, das ihm den Rücken stärkt. Er hat natürlich auch viele, die seine Musik aktiv kritisieren, aber seine Community ist stark. Daraus ergibt sich auch eine hohe Reichweite –  wenn er Etwas twittert, Etwas postet oder Etwas released, dann hat das einen Effekt und er ist sich dessen vollkommen bewusst.

Was wird ihnen vorgeworfen? Antisemitismus.

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Antisemitismus: eine Definition

Nehmen wir das Wort mal Schritt für Schritt unter die Lupe: Was ist überhaupt ein Semit? Der Duden gibt folgende Definition:

Angehöriger einer sprachlich und anthropologisch verwandten Gruppe von Völkern besonders in Vorderasien und Nordafrika

Nur ein kurzer Blick über die Ergebnisse der Googlesuche zeigt mir, dass man ohne Umschweife vom Begriff „Semit“ zum Begriff „Antisemitus“ gelangt. Diese beiden Begriffe scheinen sich beinahe gegenseitig zu bedingen. Die älteste Quelle für den Begriff „Semit“ soll das Alte Testament sein. Das Wort stamme vom biblischen Sem.

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Eine greifbare Definition, was denn ein „Semit“ genaue sei, ist wirklich schwer zu fassen. Aus diesem Grund richte ich meine Auslegungen nach der eher allgemeinen Definition des Dudens.

Ein Semit ist also ein Mensch, der (eher) dem arabischen Raum entstammt, also dort, wo der Islam vorherrschend ist, während Christen und Juden Minderheiten bilden. Ein „Antisemit“ jedoch ist dem Duden nach ein „Gegner des Judentums“.

Narben der Geschichte

Nun hat leider Deutschland eine tragische Rolle in der Geschichte des Antisemitismus gespielt, die aber noch viel weiter zurückreicht. Ihren fatalen Höhepunkt bildete dabei der Holocaust des 2. Weltkriegs. Dies hinterließ eine tiefe Narbe in das Geschichtsbewusstseins Zentraleuropas. Unser Bildungssystem ist zugleich so programmiert, dass jede heranwachsende Generation der Mittelstufe jährlich mit der Erbschuld der Deutschen konfrontiert wird.

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Es ist wichtig, den Schülern die Fatalität von Kriegen näher zubringen. Es ist wichtig, den Schülern die Kriegsverbrechen Hitlers näher zubringen. Allerdings halte ich es für verfehlt, daraus eine Doktrin zu machen. Jeder Krieg ist schlecht. Jedes Kriegsverbrechen ist schlecht. Wieso hören wir in der Schule nichts von den Kriegsverbrechen der Russen in Tschetschenien oder den anhaltenden Todesfällen durch das Entlaubungsgift Agent Orange, das das US-Militär in Vietnam einsetzte?

Aus meiner Sicht sollte das Ergebnis eines Geschichtsunterrichts mit dem Thema „Krieg“ nicht eine bedingungslose Hörigkeit gegenüber den „Rettern“ USA und eine bedingungslose Solidarität gegenüber den Nachfahren der Opfer des Holocausts in Israel sein, sondern eine Sensibilisierung gegen kriegstreiberische Handlungen jedweder Art –  diese laufen gerade wieder auf Hochtouren, während sich hierzulande die täglichen Schlagzeilen um ein, zwei Textzeilen drehen.

Soldat

Schutzschild „Antisemitismus“

Was oben bereits angeklungen ist, werde ich nun näher erläutern. Im Jahre 1948 haben die Alliierten mit den USA als Führungskraft die Menschen, die in dem Gebiet des heutigen Israels lebten mit Waffengewalt vertrieben, um dort den Überlebenden des Holocausts und allen anderen Juden auf der Welt, einen Staat zu errichten in welchem sie vor Verfolgung sicher sind. Warum gerade dort? Der Staat Israel beruft sich dabei auf das gottgegebene Recht, das in der Tora, dem ersten Teil des Alten Testaments, festgehalten ist.

Das Brisante dabei? Jerusalem, das vor kurzem von den USA als Hauptstadt Israels anerkannt wurde, gilt für jede der drei abrahamitischen Religionen als heilige Stadt und ist seit tausenden von Jahren ein Wallfahrtsort für Gläubige aller Welt und war Schauplatz zahlreicher blutiger Schlachten, die vermeintlich im Namen Gottes geführt wurden.

Baum mit Stadt in der Krone

Am 14. Mai 1948 wurde dann der Staat Israel ausgerufen, der als Theokratie konzipiert ist. Das Ergebnis ist eine militärisch aufgerüstete Atommacht, die sich mit illegalen Siedlungen immer weiter auf den restlichen Gebieten Palästinas ausbreitet. Den Gipfel bildet dabei das durch eine mit Wehranlagen befestigte Mauer,  mit dem Meer auf der anderen Seite als natürliche Grenze von der Außenwelt abgeschlossenes Gebiet, das heute als Gazastreifen bekannt ist.

Und nun kommt der entscheidende Punkt meiner Ausführungen:

Die Staatsreligion Israels ist das Judentum. Mehr noch: alleinig der Teil der Bevölkerung, der sich zum Judentum bekennt, gilt dort als vollwertiger Bürger – daher kann man meines Erachtens nicht von einer Demokratie sprechen, sondern muss Israel als Theokratie verstehen, in der vollwertig demokratische Rechte nur Juden zugesprochen werden.

Menschen - Sillhouetten

Diese enge Verbindung zwischen Religion und Staat, macht es für viele Menschen auf der Welt schwierig, den Unterschied zwischen Menschen, die Juden sind und dem Staat Israel als politisches Subjekt zu machen. Um es zu verdeutlichen: was die politische Führung Israels mit dem werten Netanjahu an der Spitze so treibt, !hat rein gar nichts! mit 1. den Menschen, die in Israel geboren wurden und dort vielleicht mehr aus Zufall leben und 2. nichts mit irgendeinem anderen Juden auf der ganzen Welt zu tun.

Meines Erachtens wird in der ganzen Debatte dieser zentrale Gedanke gerne einfach unter den Teppich gekehrt. Ich bin ja auch nicht anti-deutsch, wenn ich Merkels Politik kritisiere. Ich bin auch nicht anti-amerikanisch, weil ich die Kriegseinsätze des US-Militärs verurteile. Ich bin auch nicht anti-russisch, weil ich Putins Prollgehabe nicht gut finde.

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Wer diesen Punkt nicht nachvollziehen kann, der ist aus meiner Sicht nicht in der Lage, eine sachliche Diskussion zum gesamten Themengebiet „Israel“ und „Antisemitismus“ zu führen.

Wer also dem Staat Israel einen Freifahrtschein in Form von „bedingungsloser Solidarität“, wie es die deutsche Politik gerne ausdrückt, gibt, weil das Judentum eine blutige und tragische Geschichte hat, der begeht aus meiner Sicht einen groben Fehler.

Wer Israel den Rücken stärkt, obwohl sie in den letzten Tag mal wieder mit scharfer Munition auf palästinensische Demonstranten geschossen und dabei 52 Menschen, darunter Kinder und Frauen getötet und hunderte verletzt haben, der ist vielleicht nicht antisemitisch, aber anti-pälestinensisch – was sich aber nicht so schlimm anhört, weil die Pälestinenser ja (Achtung: Ironie und blanker Sarkasmus!) leider nicht von Hitler millionenfach getötet wurden (Ironie und Sarkasmus: aus).

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Im medialen Kreuzfeuer

Kommen wir zurück zu unseren Problemrappern. Wer glaubt, dass Kollegah und Farid Bang einzig wegen der immer wieder zitierten Line „mein Körper definierter als ein Ausschwitzinsasse“, was ich im übrigen einen stark missglückten Vergleich finde, so medienwirksam bekämpft werden, der kennt leider nicht die ganze Wahrheit.

Man kann diese Zeile wirklich kritisieren und ihre moralische Verwerflichkeit lang und breit diskutieren, aber daraus einen Antisemitismus-Vorwurf zu machen, halte ich nicht nur für voreilig, unreflektiert und kurzsichtig, sondern auch schlichtweg für haltlos.

Allerdings – und das hat man bei der Übertragung des Echos einfach herausgeschnitten – hat sich Farid Bang öffentlich bei der Preisübergabe entschuldigt und sich bereit erklärt, mit jedem ein klärendes Gespräch zu führen, der Anstoß an seinen Texten genommen hat.

Warum jedoch gerade Kollegah so stark in den Fokus genommen wird, wo doch die oben genannte Zeile von Farid Bang stammt, liegt daran, dass er zum einen erfolgreicher ist und zum anderen, weil er sich nicht nur kritisch zu den Mainstreammedien äußert, sondern auch die Politik des Staates Israel verurteilt. Zu diesem Thema wollte er eine Fahrt nach Gaza machen. Die Einreise wurde ihm aber verwehrt und so ist er nach Ramalla gefahren, um die dort lebenden Palästinenser zu besuchen und ein Hilfsprojekt zu starten. Das Ganze hat er in einer Dokumentation festgehalten:

Wer sich ein bisschen reflektiert mit dem Thema Israel und dem Umgang der Medien mit der Politik dieses Gebildes auseinandergesetzt hat, der weiß, dass Kritik an Israel einer Nulltoleranz unterliegt. Kollegah hat dieses heiße Eisen wohlwissentlich angepackt und mit der Echo-Aktion haben sie es schließlich geschafft, ihnen den Stempel „Antisemit“ aufzudrücken. Hier nochmal aus seinem eigenen Mund:

Damit nicht genug: neben der Israelkritik äußert sich der Rapper zudem kritisch zum Geld- und Machtsystem der Welt. Er kritisiert die politischen Parteien und das System des Kapitalismus. Zu hören hier:

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Das Ende des Lieds?

Das Ergebnis dieser medialen Schlacht bleibt ungewiss. Ob die indoktriniert-unreflektiert-linke Haltung der politisch interessierten Mehrheit obsiegt oder die Vernunft einkehrt und wir anfangen die Dinge zu sehen, wie sie nun einmal sind, bleibt abzuwarten. Aus meiner Sicht hat der Versuch, den Rapper Kollegah zu diffamieren genau das Gegenteil bewirkt: ich für meinen Teil sehe ihn jetzt in einem positiveren Licht als zuvor.

Er ist einer der wenigen wirklich erfolgreichen Persönlichkeiten, die sich an die Öffentlichkeit stellen und fundierte Kritik zu Themen äußern, die so fundamental sind, dass die Mainstreammedien sofort aus allen Rohren schießen, um den Ruf desjenigen zu vernichten, der den Mund aufmacht.

Damit gesellt sich Kollegah in eine Reihe mit Xavier Naidoo, Dr. Daniele Ganser und Ken Jebsen, deren Ruf ebenfalls mit aller medialen Gewalt zu vernichten versucht wurde. Diese Menschen haben für mich Mut bewiesen, der ihrerseits Opfer fordert, aber eines Tages auch Früchte tragen wird.


Von Marco Lo Voi

3 Antworten auf “Krieg der Worte Teil 3: „Antisemitismus“”

  1. Lieber Herr Lo Voi, mir scheint als sei Ihnen die Geschichte und die politische Realität Israels nicht bekannt. In Ihrem Text unter dem Abschnitt „Schutzschild ‚Antisemitismus‘ “ tauchen vielerlei Falschdarstellungen auf.
    1. Nicht „die Alliierten mit den USA als Führungskraft“ haben die Palästinenser vertrieben, sonder die jüdische Kampfeinheiten im Verlauf des gegen sie begonnenen Krieges seitens der Arabischen Liga. Im Zuge dieses Krieges mussten auch viele Juden ihre arabischen Heimatstaaten verlassen und nach Israel fliehen.
    2. Der Israelische Staat ist keine Theokratie sondern eine parlamentarische Demokratie. Es sitzen auch nicht jüdische und sogar eine arabische Partei (Vereinte Liste; 12 Sitze) im Parlament. Sie behaupten „alleinig der Teil der Bevölkerung, der sich zum Judentum bekennt, gilt dort als vollwertiger Bürger“, das ist falsch. Die Staatsbürgerschaft haben nicht nur Juden sonder auch Araber, Drusen und nicht-arabische Christen. Zudem herrscht Religionsfreiheit. Juden, Christen und Moslems können alle ihre heiligen Stätten in Jerusalem besuchen.

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Norbert,
      Sie scheinen sehr gut informiert zu sein. Es ist wahr, dass meine historischen Ausführungen hier natürlich in Teilen plakativ und vereinfacht sind, was sie im diesem beschränkten Rahmen logischerweise auch sein müssen, da es sich nicht um einen politisch-geschichtlichen Beitrag, sondern um einen gesellschaftspolitischen Beitrag handelt und ich somit in diesem Bereich auf Details verzichte, die jeder an anderer Stelle ausführlich nachlesen kann.

      Allerdings gebe ich Ihnen zu bedenken, dass vordergründig vieles, und damit meine ich nicht nur Israel, sondern beispielsweise auch die USA, Deutschland und andere Staaten, sich bestimmte Attribute zusprechen, die sie aber aus meiner Sicht nicht verdienen – auf meinen Beitrag bezogen, die Behauptung eine Demokratie zu sein. Es kann so einiges in einer Verfassung stehen; solange es nicht der sozial gelebten Realität entspricht, nützt es wenig, sich als Etwas auszugeben. Es ist wohl selbstverständlich, dass Israel sich selbst nie als Theokratie bezeichnen würde, genauso wenig, wie sich die USA als Oligarchie, die sie einer Studie der Princeton University nach (https://www.cambridge.org/core/journals/perspectives-on-politics/article/testing-theories-of-american-politics-elites-interest-groups-and-average-citizens/62327F513959D0A304D4893B382B992B) auch sind, bezeichnen würden. Genauso wenig würden sich die Großbanken als ein einziges Finanzkartell bezeichnen, wie es die ETH Zürich unlängst in einer Studie nachweisen konnte.

      Zum anderen gilt es stets zu bedenken, dass Israel, das hochmilitarisiert und im Besitz von Atomwaffen sind, die sie sich im übrigen illegal beschafft haben, den von ihnen beschrieben Krieg für sich entschieden. Und wie jedem Historiker bekannt ist, wird die Geschichte von den Gewinnern geschrieben. Dass hierbei Israel stets recht gut wegkommt ist daraus hervorgehend ebenfalls wenig überraschend.

      Aber lassen wir die Haarspalterei. Es geht mir um Frieden hier und überall auf der Welt. Ich lehne Krieg und Gewalt in jeder Form, gegen jeden Menschen, jedweder Nationalität, Religion und Herkunft grundsätzlich ab.

      Wenn Sie ebenfalls dieser Meinung sind, dann haben wir ja das gleiche Ziel. 🙂

      Viele Grüße,
      Marco

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      1. Kurz um, ihre historischen Darstellungen sind plakativ und falsch. Es steht so einiges in Verfassungen und so einiges entspricht auch der Lebensrealität. Es ist wohl selbstverständlich, dass Sie sich selbst nie als unreflektiert, genauso wenig, wie sich die Goofy sich als dämlich bezeichnen würde. Und manchmal schaffen es auch die Verlierer die Geschichte zu schreiben wenn man so sieht wie sich der Mythos der Nakbah vortschreibt.

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