
Tiefe Gedanken
Wenn ich darüber nachdenke, was mich im Stillen, in einem kleinen Hinterzimmer meiner Denkstube, wo eine kleine Abteilung meiner Gedankenzellen fernab der täglichen Verbindlichkeiten unentwegt wirkt, vor allem beschäftigt, ist es die Frage nach Krieg und Frieden. Selbstverständlich haben die Gefühle Sorge und Angst dabei einen gewissen Anteil, jedoch ist mein Bild von Leben und Tod bereits derart ausgeformt, sodass ich eigentlich keine Angst vor dem Tod habe, das Leben aber dennoch liebe und gerne meinen Lebensabend im trauten Kreise verleben würde. Die Frage nach Krieg und Frieden ist also keine subtile, permanente Todesangst, sondern vielmehr ein Entfremdungsgefühl zwischen dem Großteil der Gesellschaft und mir als Individuum, das schon seit langem ein Anteil in meinem Leben hat, aber immer wieder neu an verschiedenen Thematiken, in verschiedenen Lebensphasen aufkeimt. Es ist ein Entfremdungsgefühl, das ich eine fundamental andere Perspektive auf gewissen Themen habe, als die meisten in meinem gesellschaftlichen Umfeld.
Dabei ist das Thema von Krieg und Frieden ist neben solchen Themen wie Liebe, Familie und Selbsterkenntnis eines der zentralen Metathemen der Menschheit, weshalb ein weiter Kreis an Informationsfeldern und Erlebnisbereichen davon berührt wird. Wenngleich ich mich nicht mehr mit allzu vielen Fakten aus all diesen Bereichen füttere und oft geringes Interesse an Detailwissen zu diesen und anderen Themen haben, interessiert mich dennoch, was in der Welt der Geopolitik und zwischen den Großmächten passiert. Ich will auf dem Laufenden bleiben, was in den großen Konflikten der Welt vor sich geht, insoweit man überhaupt einen Einblick davon bekommen kann. Derzeit geschehen weltweit so viele Dinge, dass ich durchaus verstehen kann, wenn die meisten Menschen dabei in einen Überforderungsmodus geraten und sich deshalb in kleinere Themenfelder oder Ablenkungsgedanken flüchten. Dabei ist dieses Verhalten für mich von fast noch größerem Interesse als die Geschehnisse selbst.

Was gerade in der Welt passiert
Je nachdem, worauf man seinen Fokus setzt, ergibt sich an unterschiedliches Bild der Weltlage. Jedes Medium wählt hierbei bewusst seinen Fokus und allein aufgrund der Menge an möglicher Information ist unmöglich, ein wirklich objektives Bild der Weltlage zu zeichnen. Zugleich muss man immer beachten, von wem welche Informationen kommen. Wenn man deutsche Staatsmedien konsumiert, dann wird dabei die deutsche Regierungsperspektive vermittelt, auch wenn sie weiterhin behaupten, sie würden die Themen objektiv beleuchten. Wenn man chinesische, russische oder amerikanische Medien konsumiert, werden die Themen eben aus deren Sicht beleuchtet, woraus sich dann ein völlig anderes Bild der gleichen Situation ergibt. Vor allem im Kriegsfall, in dem die EU meiner Ansicht nach schon mittendrin ist, auch wenn hierzulande noch keine Bomben fallen, ist die Darstellung der gegnerischen Kriegspartei selbstverständlich abwertend, während die eigene Position als notwendig und moralisch integer, ja sogar geboten, verargumentiert wird.
Was sich aus meiner Sicht derzeit im globalen Kontext entfaltet, ist eine rasante Umstrukturierung der weltweiten Gesamtarchitektur. Konkret geht es dabei um den schrittweisen Rückzug des US-Imperiums aus Europa, da ihre Ziele hier vorerst erreicht sind. Das vorrangige Ziel dabei war, Europa als globalen Konkurrenten zu schwächen und gleichzeitig den eurasischen Kontinent zu spalten, indem die ehemalige UdSSR zersprengt wurde und die führenden europäischen Nationen, wie England, Frankreich und Deutschland gegen Russland aufgehetzt und in den Krieg getrieben werden. Das EU-NATO-Konstrukt war dabei die wirtschaftlich-militärische Eingangstür der USA, um eben diese Ziele zu erreichen. Nun, da der Krieg EU gegen Russland quasi da ist, ziehen sich die USA schrittweise raus, um sich vor der heißen Phase aus der Affäre zu ziehen. „Fuck the EU“, wie Victoria Nuland sagen würde (Quelle).
Für die USA ist Russland der kleinere Gegenspieler, um den sich die Europäer jetzt selber kümmern müssen, während man sich dem eigentlich Konkurrenten zuwendet: China. Ein erster Zug war die völkerrechtswidrige Intervention und Entführung des venezolanischen Staatsoberhaupts, um Venezuela als wichtiger Öllieferant für China zu destabilisieren und dort eventuelle „einen US-amerikanischen Fuß in die Tür zu bekommen“. Der zweite Stich war der sich als militärische Katastrophe abzeichnende unprovozierte völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen den Iran. Die Erzwingung der Schließung der Straße von Hormus sollte Asien und vor allem China in einen Versorgungsengpass führen, um über den Hebel „Krieg gegen die bösen Mullahs“ den Chinesen einen weiteren Schlag zu versetzen. Damit wirft sich die USA nach dem Stellvertreterkrieg gegen Russland in der Ukraine gleich in die nächste Auseinandersetzung mit den BRICS (Verbund aus Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika und weiterer Länder wie Iran). Die USA befinden sich also in der bekannten „Flucht nach vorne“, um ihre Einflusssphäre, die in typisch amerikanischer Megalomanie immer die ganze Welt war, nun auf Amerika herunterzudampfen („Donroe Doctrine“), während ein Aufstreben des globalen Südens gebremst werden soll. Diese Umstrukturierung und Neuorientierung des US-Imperiums wird mit hohem Blutzoll bezahlt.

Krieg vor der Haustüre
Während in Afrika allein fernab unserer Wahrnehmung in 15 Ländern Krieg herrscht, in denen oft islamistische Kräfte gegen die Regierung kämpfen, beschäftigt uns hier in Europa vor allem der Ukraine-Krieg, der Krieg Israels gegen die Palästinenser und der Irankrieg (Quelle). In all diesen großen Kriegen spielt die USA eine entscheidende Rolle. Da die USA die Führungskraft der NATO ist, sind damit leider auch alle anderen NATO-Länder mehr oder minder direkt an diesen Kriegen beteiligt. Dabei tut sich zu meiner immer größeren Bestürzung Deutschland, neben England, besonders hervor. Während die ökonomische Abwärtsspirale kein Ende kennt, die Spannung im Inland durch steigende Spritpreise, Migrationsdruck und damit einhergehende innenpolitischer Unzufriedenheit wächst, blasen die Verantwortlichen immer stärker ins Kriegshorn.
Unter anderem sind es sehr direkte Aussagen von Annalena Baerbock, die Russland als „unser größter Feind“ bezeichnete und erschreckend offen schon 2023 gestand: „Denn wir kämpfen einen Krieg gegen Russland und nicht gegeneinander.“ (Quelle) Außerdem spricht Boris Pistorius immer wieder davon, dass Deutschland „kriegstüchtig“ werden müsse. Wichtige Schritte dabei ist die fortschreitende Diskussion um Wiedereinsetzung der Wehrpflicht und damit einhergehend eine Ausreisebeschränkung für deutsche Männer zwischen 17 und 45. Außerdem soll das Reservistenalter auf 70 erhöht werden. Während die Infrastruktur wie Bus und Bahn in vielen Teilen des Landes in eine immer desolateren Zustand geraten, sind die Planungen, Deutschland als militärische Drehscheibe im NATO-Kontext aufzubauen, in vollem Gange. Derzeit laufen in und um Deutschland 6 NATO-Manöver und in weiteren 4 Manövern, die seit dem vergangenen Jahr laufen, ist Deutschland ebenfalls beteiligt. In all diesen Übungen ist Deutschland Dreh- und Angelpunkt der Truppenverlegungen und ein logistisches Zentrum. Selbstverständlich dient all das nur zur Übung für den Fall, dass Russland Europa angreift, wobei das geschichtlich ja bekanntermaßen immer anders herum der Fall war.
Nun kann man einwerfen, dass es ja durchaus legitim sei, sich vor einem Angriff zu rüsten. Das stimmt. Jedoch gehen die Vorbereitungen einher mit sehr direkter Unterstützung einer Kriegspartei, die bereits in einem heißen Konflikt mit der Atommacht Russland steht. Wenn Krieg heißt, dass ein Deutscher einen Russen erschießt, dann sind wir noch nicht im Krieg. Aber wie bezeichnet man die Situation, bei der ein Deutscher einem Ukrainer die Waffen kauft, ihm den Umgang damit zeigt, ihm außerdem dabei hilft, herauszufinden, wo der Russe ist, den man mit einem parallel laufenden Wirtschaftskrieg, Sanktionen genannt, beaufschlagt, damit dieser Ukrainer dann den Russen erschießen kann? Das ist so, als würde man sagen, dass ein Fußballmanager, der seiner Mannschaft die Kickschuhe bezahlt, den Trainingsplatz stellt, den Trainer bestimmt und die nächste Gegnermannschaft aussucht, nicht Teil des Spiels ist, nur weil er selbst nicht auf dem Fußballplatz steht.
Konkret unterstützt Deutschland die Ukraine mit folgenden Leistungen:
- Waffenlieferungen
- Ausbildung
- Finanzierung
- NATO-Integration
- Sanktionen gegen Russland
- Geheimdienst- und Logistikunterstützung
- politische Isolation Russlands
Parallel unterstützt Deutschland Israel, das trotz offizieller Waffenruhe weiterhin Gaza attackiert, im Libanon nun ebenfalls Krieg gegen die Hamas und Hisbollah führt und auch im Krieg gegen den Iran den ersten Schlag noch vor den USA gegen Iran geführt hat. Damit ist Deutschland ebenso an diesen Kriegen beteiligt wie am Krieg in der Ukraine.
Konkret unterstützt Deutschland Israel unter anderem folgendermaßen:
- Marineausrüstung (z. B. für Korvetten und U-Boote-Komponenten)
- Panzer- und Fahrzeugteile
- Schutz- und Kommunikationssysteme
- Munition in begrenztem Umfang
- Ersatzteile für bestehende israelische Systeme
- Austausch zu Drohnenabwehr, Cyberabwehr und Geheimdienstkooperation, medizinische Militärtechnik
- U-Boote, die auch nuklear bewaffnet werden können
Kurzum: Deutschland hat an den größten derzeit laufenden Konflikten der Welt einen großen Anteil. Die Warnungen seitens Russland werden deswegen immer deutlicher. Doch vonseiten der politischen Führung heißt es, Russland „drohe uns“ und man müsse mit „Stärke reagieren“. Die Welt hat gesehen, was beim letzten Übertreten einer großen roten Linien Russlands geschehen ist. Und zwar als mit Einwilligung der USA das Inland Russlands mit Langstreckenwaffen erstmals attackiert wurde. Als „Antwort“ hat Russland seine neuen Superraketen auf die Ukraine abgefeuert, die unaufhaltsam jedes Ziel in Europa genauso treffen könnten:
Das Video zeigt den Einschlag der „Oreshnik“, eine russische Hyperschallrakete. Allein der Ukraine-Krieg forderte bis heute ca. 1,5 – 2 Millionen Tote und Verwundete. Wollen wir das nächste Land sein?

Ohnmachtstaumel
Nun, da ich einmal äußerst kompakt und vereinfacht die Vorgänge zum Thema Krieg und Frieden hier in Kürze dargestellt habe, fällt mir erst auf, welche Informationsdichte sich über die Zeit bei mir angesammelt hat. Zugleich wird mir noch stärker bewusst, wie allein diese kurze Zusammenfassung einige Leser da draußen wohl überfordern wird. Natürlich müsste man diese Informationen kleinteiliger und in verdaulichen Happen serviert bekommen, aber irgendwann ist einfach die Zeit gekommen, an dem ein Statusupdate notwendig ist. Und meines Erachtens kann nur das große und damit natürlich vereinfachte Bild der Geschehnisse wirklich helfen, die vielen Nachrichten für sich einordnen zu können.
In der Arbeit der großen Medien wird aber mit verschiedenen Mitteln verunmöglicht, dass sich ein solches Gesamtbild ergeben kann. Die Mittel sind dabei vielfältig. Am augenfälligsten ist der Trick, den Fokus auf Einzelpersonen wie Putin oder Trump zu lenken. Konkrete Individuen kann man viel einfacher emotional aufladen, als abstrakte, globale Zusammenhänge. Der Hebel, die Information emotional aufzuladen und mit konkreten Individuen zu verklammern, erzeugt zum einen ein Verständnis für die Handlungen der eigenen Seite, wie der militärischen Unterstützung der Ukraine gegen „Putin“. Wenn man sich aber genauso oft vor Augen halten würde, dass dabei fast 2 Millionen Menschen nun ihr Leben lassen mussten, um „Putin“ aufzuhalten, dann würde das Verständnis wohl eher sinken.
Oder es wird von „Trumps Grönlandplänen“ gesprochen, während die strategische Wichtigkeit Grönlands schon seit dem Zweiten Weltkrieg in den militärischen Operationen der USA evident ist. Geschichten, Narrative und damit einhergehend Emotionalisierung der Massen, muss mit konkret benennbaren Akteuren verknüpft werden, um ihre wirkliche Wirkung zu entfalten. Um den vielzitierten Satz des Kabarettisten und Satirikers Volker Pispers erneut zu bemühen: „Ist der Feind bekannt, hat der Tag Struktur.“
Für die politisch Interessierten gibt es also gefärbte und perspektivische Berichterstattung, für die Massen die auf Personen reduzierten Erzählungen und eine Fülle ein Ablenkungsmöglichkeiten über Social Media. Und wenn man sich einmal die Mühe macht, wirklich verstehen zu wollen, dann findet man im Internet nur mehr das, was man finden soll, wenn man nicht genau weiß, was man wirklich sucht. Oder aber man bekommt von der K.I. ebenfalls nur das erzählt, was man hören soll. Zwar gerieren sich die Plattformen als objektiv und neutral, aber nur mit einem kritischen Verständnis, sehr konkreten Anfragen und gewissen Hintergrundinformationen kann man die ganze Wahrheit hinter den Antworten der Sprachmodelle verstehen.
Und wenn man dann überwältigt von der Informationsflut durch K.I. oder einem Wust an Dokumenten wie den Epstein-Files wird, kehrt man benommen zu seinen Alltagsproblemen mit den Gedanken zurück, nichts an alledem ändern zu können. Und doch ist diese Annahme, nichts ändern zu können, falsch. Man kann die Dinge ändern. Aber der Weg dorthin führt zunächst über die schmerzhafte Erkenntnis der Realität. Einen Teil davon habe ich in diesem Beitrag zusammengefasst. Und wenn man erkannt hat, ein Bauernopfer im großen Spiel der Machtmenschen zu sein, dann wird der weder der Russe, noch der Ukrainer, nicht der Israeli oder der Palästinenser zu deinem Feind, sondern dann erkennt man den Umstand, Teil der großen Masse zu sein, die für die globalen Spiele mächtiger Zirkel von A nach B verschoben wird. Wenn man sich aber nunmehr weigert, verschoben zu werden, mag das für den Einzelnen unter einer schiebenden Masse unmöglich sein. Wenn aber immer mehr stehen bleiben, dann wachen wiederum immer mehr auf, wenn sie ohnmachtstaumelnd gegen einen fest stehenden Nachbarn stoßen, der selbst-ständig denkt und wirkt.
Mit diesem Beitrag möchte ich mein persönliches Schweigen der letzten Zeit brechen und einen Beitrag dazu leisten, diesen drohenden Konflikt, so blutig und forangeschritten er auch schon ist, nicht bis wirklich vor unsere Haustür kommen zu lassen. Denn wenn der Schleier des kollektiven Ohnmachtstaumels erst durch Sirenengeheul zerrissen wird, ist es zu spät.
Die Maxime für jetzt und die Zukunft sollte für die Völker Europas, ja der ganzen Welt folgende Botschaft eines Reinhard Mey sein:
von Marco Lo Voi
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