Deutschland – Der Tragikomödie Erster Teil

Untergangskino

Zwischen dem Zustand eines schreckstarren Rehs und dem einer stoisches Desinteresse bekundenden Schildkröte hin und her pendelnd beobachte ich die soziopolitischen Ereignisse innerhalb Deutschlands, die geopolitischen Entwicklungen in Bezug auf Deutschland und Europa und die leit- und alternativmediale Aufarbeitung desselben wie durch ein gleitsichtgeschliffenes Monokel von der Loge in der hinterletzten Reihe eines modern anmutenden doch alten Theaters. Einerseits möchte ich in etwa wissen, was die gesellschaftliche Mehrheit so umtreibt, andererseits ist mein unbeglastes dafür scharfes Auge vor allem nach innen gerichtet, wo sich in mir eine Welt auftut, die ich seit einiger Zeit aktiver ausgestalte, als je zuvor. Immer wieder bin ich bestürzt, fast rehschreckstarr, wenn ich durch mein Monokel die Geschehnisse auf der fern scheinenden Bühne betrachte, aber öfter entfaltet sich vor mir nur ein neues Szenario nach alten Drehbüchern, das von klaren Geistern bereits vorausgeahnt wurde und manchmal schulterzuckend, gelegentlich jedoch mit der Empörung eines Fußballfans eines Kreisliga-C Vereins beim Derby im Nachbarort aufgenommen wird.

Diese Vorausahnung bereitet jedoch weder mir noch den anderen Analysten keinerlei Genugtuung. Mehr ist es eine schale Bitterkeit, die sich auf die Seele legt, wie dieses pelzig-vergorene Gefühl auf der Zunge, wenn man eine überreife Mandel zu sich nimmt – leicht alkoholisch und mit ordentlich Blausäure – süchtig kann es dennoch machen und für manche den Tod bedeuten. Manchmal mutet es schon fast an den Fluch der Cassandra an, wenn man Entwicklungen absehen kann, die von Traumtänzern als Pessimismus abgetan werden. Man wedelt rhetorisch mit den Armen und kämpft mit Wortschwallen gegen Windmühlen, die jedoch nur auf den transparenten Wind des gesellschaftlichen Zeitgeists reagieren und ihre wunderbar bunten, doch sich nur im öden Einklang drehenden Flügel immerzu kreisen lassen, wenn der Wind der Kommerzgeist-Industrie aus dem richtigen Winkel weht.

Wer offenen Auges, offenen Herzens und offenen Geistes neben der veröffentlichten Meinung auch die noch verfügbaren alternativen Informationen aufnimmt, der neigt immer mehr dazu, das augenscheinlich sinkende Schiff „Bundesrepublik Deutschland“ zu verlassen. Einige haben das schon getan. Ich werde es ihnen beizeiten nachtun – doch durchaus mit Wehmut im Herzen. Diese Wehmut entspringt aus einer Liebe und einer Faszination für das Deutsche. Und damit meine ich am allerwenigsten die nationalpolitische Dimension, die sich vor allem in Gestalt von Regierungsstrukturen und der Parteienlandschaft darstellt. Doch dazu später mehr.

Diejenigen, die sich ein einigermaßen sicheres Nest in Deutschland gebaut haben, oder nicht die Möglichkeiten haben oder sehen, irgendwo anders ihr Glück zu suchen, gleichzeitig aber die von mir metaphorisch umschriebenen Zustände in ähnlicher Weise wahrnehmen wie ich, sind dazu verdammt, den Untergang dieses Schiffs wie in einem Livestream passiv mit anzusehen. Der große Haken an der Sache: Dieser Livestream wird im „Untergangskino“ gezeigt, der sich im Schiffsbauch eben jenes Schiffs, dass diese Kinobesucher gerade per Livestream sinken sehen, befindet.

Das „Deutsche Erbe“

Allein diese Zwischenüberschrift mag bei der einen oder dem anderen ein ungutes Gefühl in der Magengegend hervorrufen. Aber warum eigentlich? Von welchem Erbe spreche ich? Und welches vermeintliche „Erbe“ erzeugt dieses ungute Gefühl in deiner Magengegend? Fühlen wir der Sache auf den Grund. Doch zunächst ein paar einleitende Passagen aus meinem persönlichen Leben.

Als Kind eines Italieners und einer Österreicherin, der als zweiter von drei Söhnen in Deutschland geboren und aufgewachsen ist und im Sternzeichen „Waage“ das Licht der Welt erblickt hat, scheint mir meine Rolle als ausgleichendes Bindeglied zwischen zwei Seiten in die Wiege gelegt worden zu sein.

In den Jugendjahren war das durchaus nicht leicht, da ich mit italienischem Pass aber ohne die italienische Sprache aufgewachsen bin. Zuhause wurden wir mit den paternalistischen Grundprinzipien einer süditalienischen Migrantenarbeiterfamilie aufgezogen, wenngleich wir voll und ganz im Kontext der deutschen unteren Arbeitermittelschicht aufwuchsen – sowohl sprachlich als auch sozial voll integriert. Damit waren wir drei Söhne Sonderlinge, die zwar nicht wirklich Deutsche waren, aber Italiener waren wir irgendwie auch nur auf dem Papier. Mein Vater hielt sich zudem weitestgehend von der großen italienischen Community in unserem Dorf fern und umgab sich mit vielen deutschen Freunden.

Das geschriebene Wort hatte auf mich auch schon sehr früh eine große Wirkung, da ich immer schon eine sehr aktive Phantasie hatte. Medien aller Art hatten enormen Einfluss auf meinen Geist, weshalb ich mich als Kind bereits ganz entschieden bestimmten Dingen entzog, die in mir ungute Gefühle weckten. Ich war immer ein Beobachter, der sich nie zu einer bestimmten Gruppe dazugehörig fühlte; ein Abweichler, der immer irgendwie „dazwischen“ war. Dieses Gefühl wurde durch mein Umfeld verstärkt, das immer betonte, ich sei so „anders“ wie der Rest meiner Familie – dies aber durchaus nicht abwertend, sondern eher positiv darin bestärkend.

Als dann schließlich die Schule endete und sich mein wacher, jugendlicher Geist ohne Außenzwang auf Inhalte meiner Wahl konzentrieren konnte, verschlang ich noch mehr Bücher als zuvor, sah mir unzählige Stunden Interviews, Vorträge und Filme zu Themen wie „alternativer Geschichtsschreibung“, „Geopolitik“, „Kriegsgeschichte“, „Philosophie“, „Kulturgeschichte“, „Spiritualität“ oder „Buddhismus“ an und las viel über das Mittelalter, das Zeitalter der „Aufklärung“, der „Romantik“ und der „Antike“, sowie Werke großer Geister wie Goethe und Hesse – und vor allem begann ich mit dem Verfassen immer komplexerer, reflektierender Texte über all die Themen, die mich zum jeweiligen Zeitpunkt umtrieben.

Ich ging zwar die meiste Zeit gern in die Schule, doch erst nach meinem Abitur erkannte ich: wie viele Stunden hatte ich in dieser Einrichtung zugebracht und wie wenig hatte ich dort über die Welt wirklich gelernt! Vor allem der Deutsch- und der Geschichteunterricht war so nichtssagend und unzusammenhängend, obwohl er meines Erachtens dazu dienen sollte, den jungen Menschen eine Idee davon zu geben, in welcher historischen Kontinuität sie eigentlich heranwachsen und welcher unglaubliche Reichtum an Wissenswertem es zu entdecken gibt. Stattdessen wurde mir während meiner Schulzeit ein Geschichtsverständnis nähergebracht, das kurz vor dem Zweiten Weltkrieg beginnt und mit Ende des Krieges dann in die Jetztzeit mündet.

Davor gab es mal noch die Steinzeit, irgendwie ein Mittelalter, in welchem die Leute entweder Ritter, Bauern oder Adlige waren und allesamt ausgebeutet wurden, und dann war da noch die Industrialisierung in England. Dieser unvollständige und scheinbar zusammenhangslose Flickenteppich wurde dann mit ein bisschen für jungnaive Geister völlig unverständlicher Hochliteratur wie Faust zusammengenäht und mit Kriegs- oder Nachkriegsliteratur á la „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ eingefärbt. Was bleibt, ist ein tiefschwarzer Schatten auf den jungen Seelen, der mit einem Besuch in einem Konzentrationslager noch ein handfestes Trauma abbekommen hat. Dies ist das Bild des Deutschen Erbes, das meiner Generation eingegeben wurde: befasse dich nicht damit, es ist schrecklich! Und zu dumm für große Literatur bist du auch, aber du musst sie jetzt lesen, damit danach keine Lust mehr darauf hast.

Eule

Was ist das „Deutsche“ wirklich?

Es ist richtig und wichtig, das Kapitel „Nazi-Deutschland“ zu behandeln. Schließlich ist es Teil der deutschen Geschichte. Doch was heißt eigentlich „Deutsche Geschichte“? Beginnt die Geschichte der „Bundesrepublik Deutschland“, wie wir sie heute kennen, nicht eigentlich erst mit dem Mauerfall? Oder doch mit dem Ende des „Dritten Reichs“? Oder vielleicht mit dem „Deutschen Bund“? Oder beginnt die nachvollziehbare Geschichte nicht sogar bereits in der Spätantike, als römische Geschichtsschreiber erstmals die kriegerischen Stämme der Germanen erwähnten, während das Römische Imperium seine Ausdehnung über die Alpen hinweg unternahm?

Archäologische Funde zeigen, dass es sogar schon vor mehr als 300 000 Jahren zivilisatorisches Leben in Nordrheinwestfalen gegeben haben muss, die bereits über Jagdtechniken wie Wurfspeere und ein frühes Kunstverständnis verfügten. Selbstredend kann man zu dieser Zeit nicht von „Deutschen“ sprechen, aber wo beginnt Geschichte eigentlich? Ist Geschichte nicht erst das, was irgendjemand mal angefangen hat, irgendwo aufzuschreiben? Wo ist die Grenze zu ziehen?

Wenn ich im Folgenden vom „Deutschen“ spreche, meine ich weitesten Sinne das „Germanische“, dessen sprachlicher Ursprung vor rund 1500 Jahren angenommen wird. Als ältestes Schriftzeugnis der „Deutschen Sprache“ gilt der Abrogans, das auf ca. 800 n.Chr. datiert wird. Es handelt sich dabei um eine Art Wörterbuch für Latein, das daneben auch althochdeutsche Äquivalente aufführt. Nehmen wir das als ersten Beweis für einen deutschen Geist, so beginnt die Geschichte der Deutschen also bereits in der Spätantike bzw. im Frühmittelalter. Damals war die Landfläche Deutschlands noch fast ausnahmslos mit Wald bedeckt. Die „Ur-Deutschen“ waren also Waldbewohner, was sich auch heute noch in der engen Verbundenheit der Deutschen mit ihrem Wald wiederspiegelt – aus Deutschland stammt im Übrigen auch das erste Gesetz zum Thema „Nachhaltigkeit und Forstwirtschaft“. Die Historizität der Naturverbundenheit spiegelt sich ebenfalls in den von den Gebrüdern Grimm gesammelten Volkserzählungen, die von ihnen dann literarisiert wurden und uns damit als „Märchen der Gebrüder Grimm“ bis heute erhalten geblieben sind. Darin spielt der Wald und seine tierischen Bewohner immer eine herausragende Rolle. Vielleicht ist darin auch die Wurzel für den heutigen klima- und umweltpolitischen Kurs zu sehen, der von Deutschland wie von kaum einem anderen Land so konsequent verfolgt wird.

Das Wort „Deutsch“ stammt im Übrigen vom Althochdeutschen thiutisk ab, was zunächst im sprachlichen Sinne „zum (eigenen) Volk gehörig“ meint und später dann auch die politische Dimension umfasst. Daneben existierte auch das lat. Teutonicus , was „dem Stamm der Teutonen angehörend“ bedeutet und die latinisierte Form theodiscus des oben genannten althochdeutschen Begriffs verdrängte (Quelle). Das Römische Imperium nahm noch vor dieser Zeit bereits Einfluss auf die Stammeskulturen der süddeutschen Gebiete, was sich an vielen Lehnwörtern im Deutschen zeigt, die ihren Ursprung im Latein haben. Auch die Schrift und die Lehre der Grammatik stammt aus dem Latein. In der Sprachwissenschaft nennt man das „Sprachkontakt“, dessen sprachwandlerischer Verlauf unter anderem auch vom Prestige der beiden in Kontakt stehenden Sprachen abhängt. Die Germanen wurden als Söldner für die „modern“ organisierten Römer eingesetzt und mussten sich der invasiven Sprache „Latein“ unterordnen. 

Noch heute erkennt man an der Verteilung des katholischen und protestantischen Anteils der Bevölkerung in Deutschland den damaligen Einfluss Roms. Auch die dialektale Entwicklung des Deutschen lässt sich sehr deutlich an der geographischen Vertikalen von Süd nach Nord verfolgen. Süddeutschland wird sprachgeographisch als „Oberdeutscher“ Sprachraum bezeichnet, da topographisch das Land von Süd nach Nord abfällt und bis zur Nord- und Ostsee immer flacher wird – der Niederdeutsche Sprachraum. Dies ist auch der Grund, woher die Niederlande ihren Namen haben: weil es sich unter anderem sprachlich um eine niederdeutsche Varietät handelt und zum anderen das Land topographische niedriger liegt als der Voralpenraum des Südens.

(Quelle)

Eine subjektive Zusammenschau der deutschen Geistesgeschichte – Von der Antike bis zur Neuzeit

Im vorigen Abschnitt habe ich versucht aufzuzeigen, dass „das Deutsche“ überhaupt nicht leicht unter einem Begriff zu fassen ist. Einerseits kommt es ganz darauf an, wie weit wir den historischen Betrachtungshorizont ausdehnen. Andererseits ist Zentraleuropa der westliche Ausläufer des großen „Herzlandes“ Eurasien, an dem alle großen Kulturräume aneinandergrenzen. Von Sizilien ist es ein Steinwurf nach Nordafrika. Mit Russland als großen östlichen Nachbarn haben wir die slawischen Völker in direkter Nachbarschaft, die in einen fließenden Übergang zum großen asiatischen Bevölkerungsraum haben, in dem laut aktuellem Forschungsstand die ersten große Menschensiedlungen entstanden und auch das angenommene Volk der „Indogermanen“ soll aus dieser Region stammen. Im Süd-Westen grenzen die lateinischen Völker an, die durch ihre Seefahrt die Brücke nach Amerika geschlagen haben, weshalb man auch sagen könnte, Amerika wurde europäisiert. Im Norden mit Dänemark als direkten Nachbarn ist auch Skandinavien nicht weit. Das Gebiet der heutigen Bundesrepublik könnte man folglich als Kondensationspunkt für viele mehr oder minder fest umrissene Kulturräume sehen.

Es fällt uns sehr schwer, außerhalb der heutigen nationalstaatlichen Grenzen zu denken, doch diese Idee des Nationalstaates ist eigentlich eine sehr junge Entwicklung und im großen Kontext der Menschheitsgeschichte immer noch ein Novum, wenngleich es sich für unsere Generation manchmal so anfühlt, als ob es nie etwas anderes gegeben habe. Im Folgenden möchte ich also so kurz, wie es mir möglich ist, darlegen, wie sich meines Erachtens aus diesem ehemals vollständig bewaldeten Kondensationspunkt, in dem germanische Stämme mit ihren Naturgottheiten in Einklang lebten, der Nationalstaat „Bundesrepublik Deutschland“ entwickelt hat.

Baum mit Stadt in der Krone

Die Geschichte der deutschen Städte

Die germanischen Stammeskulturen, die von den römischen Legionären lernten, dass es geschriebene Gesetze, soziale Ordnungsgefüge, ein festes Pantheon, befestigte Gebäuden zu bestimmten Zwecken, wie Wehranlagen oder Kultorte geben kann, übernahmen, sicherlich erstaunt vom technologischen Fortschritt der Römer, Bau- und Organisationstechniken. Die germanischen Stämme waren despotistisch organisiert – der Stärkste führte die Gruppe an, die Götter wurden verehrt. Auch diese Stämme hatten eindrucksvolle Krieger, wie beispielsweise durch den römischen Geschichtsschreiber Tacitus dokumentiert ist. Für die Römer waren die Germanen zwar Wilde, aber durchaus tapfere Krieger, die wackeren Mutes den Legionären trotzten. Tacitus verfasste ein ganzes Werk mit dem Namen „Germania“ zu dem Volk der Germanen, in dem er seine subjektiven Beobachtungen und Interpretationen schildert. Dennoch unterlagen die Germanen dem römischen Heer, das gut organisiert, besser bewaffnet und zahlenmäßig überlegen war. Bis zu diesem Sprachkontakt konnte man ungefähr vom Jahre 300 n.Chr. bis etwa 600 n.Chr. vom Gebiet des heutigen Berlin bis in den Schwarzwald germanische Grabesrunen nachweisen, die auf die ersten Regungen einer sich entfalteten Geisteskultur hinweisen.

Solange das Römische Imperium bestand, unterstanden die Stammeskulturen dem Imperium und eigneten sich Sprache, Gesetzmäßigkeiten und gewisse Organisationsformen an. Es entstanden Garnisonen, befestigte Wehranlagen und immer besser ausgebaute Dörfer. Aus Palisaden wurden irgendwann Mauern, aus Plattformen, Türme. Von Osten kamen im 3. Jahrhundert herum aber vermehrt Angriffe anderer Völker. Dies und eine Kältewelle trieb die germanischen Völker nach Süden, wo sie in das Gebiet des römischen Imperiums eindrangen. 395 n.Chr. wurde das römische Imperium in West- und Ostrom aufgeteilt, was es weiter destabilisierte. Bis ins 6. Jahrhundert hinein zogen immer mehr Germanen in das Gebiet des Westroms, das schließlich zerfiel. Es bildeten sich immer mehr germanische Regionalterritorien.

Die christliche Kirche, die innerhalb des Römischen Imperiums bereits erstarkt war, war ebenfalls Partei in diesen Wirren. Und als sich der Staub des zerfallenen Westroms langsam legte – wir treten nun das frühe Mittelalter ein – formierten sich Königreiche, die ihre Herrschaft nicht mehr nur auf bloße Stärke oder Reichtum, sondern auch auf durch die Kirche legitimierten, also gottgegebenen Herrschaftsanspruch begründeten. Es entwickelte sich die Ständegesellschaft innerhalb der verschiedenen Herrschaftsgebiete, also den Einzugsgebieten der jeweiligen zu Burgen ausgebauten Siedlungen. Durch das Lex Romana Visigothorum inspiriert und mit den Geistlichen als herrschaftslegitimierendes williges Werkzeug entwickelte die sich als Adlige bezeichnende Herrscherklasse geschriebene Gesetze, die von mönchischen Schreiberlingen in großen Kodizes niedergeschrieben wurden. Ein Gesellschaftsvertrag entstand: der Feudalismus. Dies waren zugleich auch die ersten Geburtswehen für die Entstehung des Bürgertums.

Der Bürger war also ein tributpflichtiger Bewohner der Burg, der mit Verrichtung seiner Lehnsarbeit und Entrichtung seiner Steuer zugleich den Schutz der Befestigungsanlagen der Burg und der bewaffneten Ritterklasse genoss. Die wilde Zeit der Völkerwanderung war in eine neue Zeit der Gesellschaftsordnung übergegangen. Die Herrschaftsgebiete entwickelte bald auch ein Geldsystem, das zu großem Wohlstand verhalt. Keineswegs war es so, dass nur die Adligen in Reichtum schwelgten und die Bürger und Bauern alle im Dreck krochen. Die Zeit des Früh- und Hochmittelalters war von enormer Produktivität geprägt, von der wir heute noch in Form von Kirchen, Brücken, Burgmauern, Stadtgründungen und Siedlungen profitieren. Karl Walker schreibt dazu:

„Obwohl die Wirtschaft des hohen Mittelalters neben Viehzucht und Ackerbau nur die handwerkliche Erzeugung von Gütern kannte, kann man mit Fug und Recht von einer über Jahrhunderte anhaltenden Wirtschaftsblüte sprechen, neben der sich die Konjunkturen der Neuzeit – was ihre Dauer und Verläßlichkeit anbelangt – doch ziemlich kläglich ausnehmen. […]
Wie großartig die Wirtschaftsblüte dieser Jahrhunderte gewesen sein muß, kann man vielleicht am besten daran ermessen, daß die Gründung von Städten erst mit dem 12. Jahrhundert – mit dem Beginn der Brakteatengeldwirtschaft, d. h. mit dem Beginn der dadurch verursachten Konjunkturperiode – richtig eingesetzt hat. Und der riesenhafte Aufwand, den diese Leistung bedingte, kam fast spielend aus vorhandener Schaffenskraft und Regsamkeit. Nichts davon, daß unter Opfern und Verzicht des breiten Landes einige wenige Plätze glanzvolle Städte erstehen sehen durften; die neuen Städte entstanden überall im deutschen Lande, 2000 bis 3000 an der Zahl!“
(Quelle, S. 19-20)

Vom beginnenden Niedergang der christliche-kirchlichen Dominanz

Das Hochmittelalter, das sich von ca. 1050 bis 1350 n.Chr. erstreckte, war eine hochtransformative Epoche, in der sich durch die Gelehrtenzunft der Mönche und anderer Schriftkundiger auch die Welt der Literatur im deutschsprachigen Gebiet entwickelte. Allerdings waren Schreibmaterialien teuer und das Schreiben selbst ein aufwändiges Handwerk, das nur wenige beherrschten. Und so liegt es auf der Hand, dass das Mäzenentum vor allem durch Adlige besetzt wurde, weshalb die entstandenen Kodizes entweder geistlich-religiöser Natur oder genealogisch-historischer Natur waren. Adlige nutzten die „Wissenschaft“ der Genealogie, um sich teilweise konstruierte Stammbäume anzufertigen, die ihren Herrschaftsanspruch auf historische Persönlichkeiten wie Alexander dem Großen oder Attila dem Hunnenkönig und ähnlichen zurückführten– kurzum: vor allem die Gönner, die die Schreibmaterialien beschafften und den Lohn bezahlten, entschieden, was in die Kodizes aufgenommen wurde, weshalb historische Quellen immer mit einem gesunden Maß an Kritik zu betrachten sind.

Neben den geistlichen und den religiösen Texten finden sich aber auch Texte, wie das Nibelungenlied, die Artusromane oder die Texte und Geschichten der Minnesänger und der Märendichter, die noch heute gut erhalten sind und ein erster handfester Ausdruck einer germanisch-deutschen Geisteswelt sind. Große Werke wie der „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach oder die Lieder des Walthers von der Vogelweide zeugen von einem hochromantischen und wirklich tiefgründigen Seelenleben; auch ein scharfsinniger Humor und wirklich profunde Kenntnisse über die Geistes- und Literaturwelt Gesamteuropas ist darin herauszulesen.

Über allem schwebte aber der mächtige Einfluss der Kirche und der Nimbus des Christentums. Immer weiter trieben geistliche und weltliche Herrscher, und diese, die formal geistlich, aber im Grunde ausschließlich auf weltliche Machtansprüche aus waren, ihre brutalen Spiele und Intrigen. Der Irrsinn der Kreuzzüge ist dabei nur das frappierendste Beispiel, welch weitreichende Folgen religiös verbrämter Fanatismus haben kann.

Der Hunderjährige Krieg, in welchem sich englische und das französische Königshäuser um Erbfolgen stritten, bildete die Keimzelle für ein französisches und ein englisches Nationalbewusstsein, wo zuvor ausschließlich Herrschaftsfamilien um ihre Einflusssphären stritten. Bis dato war das Heilige Römische Reich bereits in seinen Grundzügen entstanden, welches sich im Verlauf des Hoch- bis Spätmittelalters zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation entwickelte, in welchem ein Deutscher Kaiser den Anspruch über alle deutschen Gebiete zwischen Rom und Hamburg erhob.

(Quelle)

In Italien waren erste Lebenszeichen der organisierten Wissenschaften seit der Platonischen Akademie bereits im 10. Jahrhundert zu sehen. Der „Boom“ begann dann im frühen 14. Jahrhundert. Es entstanden zahlreiche Universitäten in Italien, angefangen mit der Uni in Bologna im Jahre 1088. Im 14. Jahrhundert ist der erste Funke der Ration schließlich auch auf das deutsch-sprachige Gebiet übergesprungen, wo 1365 die Universität in Wien gegründet wurde. Die erste Universität im Gebiet der heutigen Bundesrepublik war Heidelberg im Jahre 1386 (Quelle).

Schließlich begann der Aufstand gegen die Kirche im Spätmittelalter durch den weltbekannten Martin Luther und seinen 95 Thesen, in denen er 1517 den Handel mit Ablassbriefen hinterfragte, aber auch mit dem weniger bekannten Thomas Müntzer, der zeitweise Rädelsführer der Bauernkriege im Südschwarzwald war und 1525 nach einem verlorenen Revolutionskampf hingerichtet wurde. So unterschiedliche beide auch waren, beide waren sie Revolutionäre auf ihre Art. Die scheinbar nicht zu brechende Vormachtstellung der Römisch-Katholischen Kirche begann zu bröckeln. Die kirchliche Reformation war nötig, um auf diese großen gesellschaftlichen Umwälzungen zu reagieren. In diese Zeit fallen auch die Hexenverbrennungen, die gern dem Mittelalter zugerechnet werden, im Eigentlichen aber eine Verrücktheit der Frühen Neuzeit waren.

In den folgenden Jahrhunderten begannen sich die Naturwissenschaften zu entwickeln. Die Ratio hielt langsam aber sich Einzug. Das Wissen sollte nicht mehr nur bei Geistlichen und Adligen verbleiben. Das gemeine Volk wollte Zugang zum Buchwissen. Die Bildung der allgemeinen Bevölkerung nahm zu. Es folgten große Entdeckungen des Galilei und Newton, womit die kulturgeschichtliche Epoche der Renaissance begann. Diese Zeit war geprägt von einer Herabwürdigung des Mittelalters und eines „Wiederauflebens“ klassisch-antikem Wissens und Kunstverständnisses. Es war ein Ausdruck der zunehmenden Abkehr von dogmatisch-religiösen Ideen hin zur vorchristlichen Zeit und einer Neuinterpretation derselben durch den intellektuellen Vormarsch der europäischen Philosophen.

Zusammenfassung und Ausblick

Hier soll dieser erste Teil enden. Wie wir gesehen haben, sind die ersten Knospen der deutschen Sprache und damit einer deutschen Identität im Abrogans verbrieft, der um 800 n.Chr. entstanden sein soll. Die Germanen dieser Zeit waren bis auf einfache Runenzeichen nicht sehr schreibtüchtig. Erste Lebenszeichen von zivilisatorischem Leben im Gebiet der heutigen Bundesrepublik seien angeblich sogar über 300000 Jahre alt (Schöninger Speere).

Mit dem Ende des Römischen Imperiums erstand dann in den folgenden zwei Jahrhunderten das Heilige Römische Reich deutscher Nation unter Otto dem Großen. Spätestens hier war die deutsche Idee geboren, wenngleich das Gebiet der heutigen Bundesrepublik zu diesem Zeitpunkt noch ein bunter Flickenteppich aus Herrschaftsbereichen verschiedener Königshäuser war. Die Herrschaftsansprüche wurden dann oft mit der Religion über die Kirche als Bindungselement legitimiert. Mit Luther und Müntzer begann jedoch der große Monolith der römisch-katholischen Kirche langsam rissig zu werden. Es sollte aber noch einige Jahre dauern, bis die bereits im 14. Jahrhundert aufkeimende Kraft der Vernunft ein wirkliches Gegengewicht zum Glauben darstellen sollte.

Im zweiten Teil möchte ich dann mit der Renaissance, der Aufklärung und der deutschen Revolution einsteigen und schließlich den Bogen zur Jetztzeit schlagen, in der sich meines Erachtens die im Titel erwähnte Tragikomödie entfalten sollte.

von Marco Lo Voi

Nichts verpassen?

Jetzt den Newsletter abonnieren und immer über neue Beiträge informiert werden!

Oder folge Exploring Roots auf:

📷 INSTAGRAM

📱Telegram

Hinterlasse einen Kommentar