„Verschwörungstheorie“: Was steckt hinter diesem Begriff? – Ein Erklärungsversuch – Teil 2

Fortsetzung

Dies ist der zweite Teil des Beitrags „Verschwörungstheorie“: Was steckt hinter diesem Begriff? – Ein Erklärungsversuch – Teil 1. Dort wurde das Wort und seine Definition an sich behandelt. Außerdem habe ich gezeigt, seit wann der Begriff für unsere moderne Gesellschaft eine Rolle spielt und wie es um die Mutter aller Veschwörungstheorien, den Anschlägen des 11. Septembers und ihre wissenschaftliche Untersuchung bestellt ist.

Anschließend nannte ich einige Persönlichkeiten, die ebenfalls auf Grund ihrer abweichenden Haltung zu bestimmten Themen vom Mainstream ausgestoßen wurden, ähnlich wie es dem Wissenschaftler Dr. Ganser erging, der eben jene Ereignisse rund um den 11. September untersucht.

In diesem zweiten Teil soll es vor allem um die Frage gehen, was es mit der menschliche Suchen nach der Wahrheit auf sich hat. Woran glauben wir? Warum glauben wir an das, woran wir glauben? Wer vermittelt Wissen? Und wie nehmen wir dieses Wissen auf? Und was hat eigentlich unsere Schulbildung damit zu tun?

Beginnen wir dabei mit der Frage des Informationsmanagements. Die erste und größte Schwierigkeit besteht heutzutage darin, in dem Meer aus Informationen den Überblick und gleichzeitig einen klaren Kopf zu behalten. Da man jedoch niemals alle Informationen zu einem Thema sichten und bewerten, geschweige denn alle Aspekte eines Themenfelds und deren innere und äußere Zusammenhänge berücksichtigen kann, ist man leider dazu gezwungen, zu selektieren (auszusortieren). Je weniger Zeit wir uns nehmen, desto willkürlicher und unreflektierter selektieren wir dabei.

Informationsflut

Eine kritische Einstellung ist grundsätzlich eine gute Sache. Nun neigt der Mensch leider immer wieder dazu, nur einseitig kritisch zu sein. Das, was in unser derzeitiges Weltbild passt, wird meist leichter aufgenommen und weniger hinterfragt, als das, was in mehr oder weniger starkem Kontrast zu unserem Weltbild steht. Dies hindert uns permanent daran, wirklich objektiv über die Dinge zu urteilen, die uns vermittelt werden, selbst wenn sie auf die reine Information beschränkt sind, was leider nicht oft der Fall ist.

Die sogenannten Informationen, egal aus welcher Quelle sie stammen, werden stets in einen bestimmten Kontext gesetzt und verlieren somit ihre eigenständige Neutralität bereits zu einem gewissen Teil. Dies gilt leider für alles und jeden. Wirkliche Objektivität ist ein Konstrukt, dem man sich mehr oder weniger stark annähern kann. Wer behauptet, völlig objektiv zu sein, der kann sich aus meiner Sicht leider einfach nur irren.

Wir befinden uns derzeit im sogenannten Informationszeitalter. Abermillionen Informationen schießen jede Sekunde um den Erdball, jede Minute werden Stunden und Gigabyte an Informationen produziert und ins Internet gespeist. Was ist vertrauenswürdig? Was ist „fake“? Was ist wirklich „objektiv“? Was ist eine bewusste Lüge? Was ist einfach nur ungeprüft weitergeleitet? All diese Fragen muss sich jeder Medienkonsument, also jeder, der ein Smartphone, einen Fernseher, Bücher oder ein Radio sein Eigen nennt, stellen. Die Fähigkeit zur Beurteilung dieser Fragen ist eine der Kernkompetenzen, die in einem modernen Bildungssystem eigentlich früh gelehrt werden sollten.

Die Antworten darauf lassen sich alle auf einen gemeinsamen Nenner herunterbrechen: Man kann diese Fragen niemals mit absoluter Sicherheit beantworten. Ab einem gewissen Punkt muss man sich auf seine ureigene Intuition, dem eigenen Gespür für Wahrheit verlassen. Diesen Umstand muss man ebenfalls akzeptieren. Wer von sich glaubt, im Besitz der absoluten Wahrheit zu einem bestimmten Thema zu sein, der irrt meines Erachtens.

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Das eigene Weltbild als Ankerpunkt

„Aber an irgendwas muss man doch glauben.“ Das stimmt leider. Ohne der Glaube an bestimmte Dinge, ist der Mensch nicht überlebensfähig. Angefangen von der Existenz der eigenen Person, über das Verhältnis von „oben“ und „unten“, dem Glauben an das, was wir „Zeit“ nennen, bis zur materiellen Realität an sich.  Der soziale Mensch als Teil einer Gesellschaft muss jedoch noch vielen weiteren Dingen glauben, um uneingeschränkt funktionierender Teil dieses (Gesellschafts-)Systems zu sein.

Er muss daran glauben, dass die Politik im Sinne der Menschen handelt. Er muss glauben, dass die Medien objektiv berichten. Er muss glauben, dass sein Lohn/Gehalt am Ende des Monats noch auf seinem Konto landet. Er muss glauben, dass das Geld auch morgen noch gegen Brot eingetauscht werden kann. Er muss glauben, dass Geld einen eigenen Wert hat. Er muss glauben, dass schon dafür gesorgt ist, im Alter noch würdevoll leben zu können. Er muss glauben, dass es auch sinnvolle Kriege gibt. Er muss daran glauben, dass die Wissenschaft die wahrheitsgemäße Beschreibung der Natur ist. Er muss glauben, dass das, woran er glaubt, richtig ist.

Auch diese Liste kann spielerisch fortgeführt werden. Wenn man aber an einem bestimmten Punkt in seinem Leben auch nur eines dieser Dinge anzuzweifeln beginnt , dann gerät das bis dahin konstruierte eigene Weltbild ins Wanken. Woher kommt eigentlich dieses Weltbild? Wenn das, was ich bis hier hin beschrieben habe stimmt, woher kommen dann unsere Meinungen?

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Die Schulbildung als Grundlage unserer Weltwahrnehmung

Unser Weltbild, die Brille, durch die wir unsere Umgebung, jedes Gespräch, jede Erfahrung, eben alles, was durch unsere Sinne in unser Hirn gelangt, nehmen wir durch unser persönliches Filtersystem wahr – unser „Ich“. Dieses „Ich“ ist aber nicht angeboren, sondern angeeignet. Diese Aneignung findet zu einem Großteil in den jeweiligen Bildungseinrichtungen statt.

Innerhalb eines Landes herrscht zu einer bestimmten Zeit stets ein mehr oder weniger einheitliches Schulsystem. Dieses System formt nach seinem Wesen eine Masse an teilweise mehr oder weniger stark vorgeprägten Kindern auf eine bestimmte Art. Diese Formung bestimmt dann die Art und Weise, wie der heranwachsende Mensch jede weitere neue Erfahrung aufnimmt.

Was ist das allgemeine Lehrziel der deutschen Schulen? Das BMBF gibt folgende knappe Antwort:

„In der Schule lernen Kinder grundlegende soziale Kompetenzen im Umgang mit Gleichaltrigen, sie erlernen systematisch Wissen und erfahren eine Grundausbildung in mathematisch-naturwissenschaftlichen, sprachlichen, historisch-politischen und der ästhetischen Fächern.

[…] [D]ie Hoheit über die Gestaltung von Lehrcurricula beispielsweise haben die Bundesländer. Das Bundesbildungsministerium engagiert sich daher für die übergreifenden Aspekte der Schulbildung, die über den Föderalismus Deutschlands hinausreichen – wie den Ausbau der Ganztagsschulen oder die internationalen Vergleichsstudien.

Denn in einer zunehmend globalisierten Welt ist der Wettbewerb um die Zukunftschancen für Deutschland auch ein internationaler Wettbewerb um die Qualität von Bildungssystemen geworden. Deswegen ist eine Beteiligung an internationalen Leistungsvergleichsuntersuchungen von hoher Bedeutung.“

Lassen wir uns kurz Zeit, um die einzelnen Aspekte kritisch zu beleuchten: Aus meiner Sicht ist es nicht gerade repräsentativ für den Alltag, wenn Kinder ausschließlich sozialen Umgang mit Gleichaltrigen erlernen. Es ist wohl eher eine untypische Situation, nur mit Menschen desselben Alters zu interagieren. Somit ist das Erlernen des sozialen Miteinanders mit Älteren oder Jüngeren ein autodidaktisches Unterfangen.

Des weiteren erlernen die Kinder „systematisch Wissen“ in verschiedenen Fächern. Ganz ehrlich: ich befinde mich eigentlich immer noch in der schulischen Ausbildung, aber sogar ein guter Teil des nicht allzuweit zurückliegenden Abiturstoffs ist nicht mehr als aktiv abrufbares Wissen vorhanden. Wie ist es bei dir, liebe Leserin, oder dir, lieber Leser?

Der Ausbau von Ganztagsschulen ist außerdem ein erklärtes Ziel des BMFB. Die Dauer, die mit „Wissensvermittlung“ an Zuhörer einer Altersgruppe verbracht wird, soll also weiter ausgedehnt werden, da die bisherige meines Erachtens mäßig erfolgreiche Lehrstrategie mit der Erhöhung des Faktors „Zeit“ verbessert werden soll – mein verschwörungstheoretischer Gedanke dahinter ist eher der Folgende: je länger die Eltern nicht auf ihre Kinder aufpassen müssen, desto mehr Arbeitszeit können sie für die kapitalistische Gesellschaftsordnung aufbringen. Zugleich sind die Kinder noch länger dem Einfluss unseres Schulsystems ausgesetzt. Aber das ist nur eine krude Behauptung, die die Errungenschaften unseres Systems böswillig herabwürdigt.

Ein ganzer Abschnitt dieses Leitfadens ist dem Wettbewerbsgedanken gewidmet. Bereits in der Schule werden die Zöglinge also schon auf den globalen Wettbewerb „Neoliberalismus“ vorbereitet. Wer kann mehr Wissen temporär speichern? Wer kann Aufgabenstellungen am effektivsten umsetzen? Wer kann mit allgegenwärtigem Leistungsdruck am besten umgehen? Die „internationalen Leistungsvergleichsuntersuchungen“ sind „von hoher Bedeutung“, um genau diesen essentiellen Fragen auf den Grund zu gehen.

Natürlich ist dies nur die absolut verknappte Version des bundesdeutschen allgemeinen Lehrziels. Eine ausführliche Variante wird bestimmt noch mehr Aspekte abdecken. Doch gerade die Kurzform dieses Bildungsziels macht deutlich, welche Aspekte wichtig genug sind, um in diesem knappen Konzept Eingang zu finden.

Der aufmerksame Leser und die ausdauernde Leserin ahnen vielleicht bereits, worauf ich hinaus möchte: Was in diesem Konzept fehlt, ist die Vermittlung dessen, was ich unter „Lernen“ an sich verstehe. Was bedeutet wahrhaftiges „Lernen“? Aus dem obigen Konzept geht lediglich hervor, dass „Wissen“, also „reine“ Information vom Lehrkörper an die Schülerinnen und Schüler weitergegeben und zu einem gewissen Zeitpunkt wieder abgefragt wird.

Dabei ist die Lehrperson aus Sicht der Schülerinnen und Schüler das neutrale Medium, welches die Welt erklärt. Das Verhältnis wird in gewisser Weise „entmenschlicht“, weil vor allem die jüngeren Schüler in der Regel nie auf den Gedanken kommen würden, dass der Lehrer sich irren könnte oder auch ob absichtlich oder auf Grund von Unwissen falsche Aussagen macht – aber „Irren ist menschlich„. Ähnlich wie bei den Eltern und anderen Vorbildfiguren angefangen von den älteren Geschwistern bis hin zu bekannten Idolen. Das, was diese Figuren über die Welt sagen, muss einfach stimmen. Wir glauben es einfach. Und genau hier liegt die Ursache Problems.

Die unschuldige, böse ausgedrückt: naive Haltung der Kinder ist einerseits lebensnotwendig, andererseits macht sie uns auch extrem manipulierbar. Wenn Kleinkinder schon beginnen würden, beim Saugen der Muttermilch zu hinterfragen, ob diese Person, die uns im Arm hält, uns vielleicht über’s Ohr hauen will, dann wären wir als Menschheit wohl nicht sehr weit gekommen.

Zugleich sollten wir irgendwann jedoch zu einem Punkt unserer Erziehung kommen, an welchem wir an die Errungenschaften der französischen Revolution herangeführt werden: „sapere aude!“, was nach Kant soviel heißt wie: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ (Quelle).

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Darum sollte es aus meiner Sicht erklärtes Ziel einer schulischen Bildung zu sein, den Verstand der Kinder so zu fördern (nicht zu „formen“), dass sie durch dessen Bedienung selbständig zu Erkenntnissen gelangen können. Stattdessen lehren wir unseren Kindern nur Faktenwissen. Leistung wird zugleich daran bemessen, wie viel die Kinder von diesen Fakten auf Anordnung der Lehrperson (Abfragen & Tests) in der erwarteten Form wiedergeben können.

Das Ergebnis am Ende der Schullaufbahn ist ein Mensch, der gelernt hat, von autorisierten Stellen vermitteltes Wissen so lange wie nötig zu speichern, dieses bei Bedarf abzurufen und verschiedene Formen der Abfrage zu verstehen und sich an deren Format anzupassen.

Dieses Wissen wird in einzelne Fächer unterteilt und uns leider zu oft zusammenhanglos und in der Regel ohne emotionale Verbindungen vermittelt. Studien haben gezeigt, dass mit bestimmten Emotionen verknüpfte Informationen nachhaltiger abgespeichert werden. Außerdem sollten Informationen immer an andere Information andocken, um möglichst gut erinnert und verarbeitet werden zu können. All dies leistet die herkömmliche Schule, wie ich sie erlebt habe, leider nur unzureichend.

Hinterfragen: Zweifel ist tägliche Wissenschaftspraxis

Den Schülern wird aus meiner Sicht viel zu wenig zugetraut. Man vereinfacht die Schule, um möglichst viele Kinder „durchzubringen“. Wenn alle Abi machen wollen, dann müssen wir eben das Abi leichter und kürzer (G9 / G8) machen, sodass diese Schüler möglichst bald dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen –  uuuhh, böse Verschwörungstheorie. Nein, einfach meine persönliche Analyse des konventionellen Bildungs- und Arbeitssystems. Ich spreche hier aber nicht nur von einem Verfall der Bildungsqualität in den letzten zwanzig oder fünfzig Jahren, sondern von einem grundsätzlich falschen Ansatz für Bildung überhaupt. Während die Welt sich rasend schnell verändert, hinkt der träge Ministeriumsapparat nur hinterher und ändert Details, während die aus meiner Sicht defizitäre Grundidee bestehen bleibt.

Das Ergebnis dieser Schullaufbahn ist aus meiner Sicht ein junger Erwachsener, der gelernt hat, auf zentrale Autoritäten zu hören und nach deren Vorstellungen zu Denken und zu Handeln. Bei Mathe und den naturwissenschaftlichen Fächern ist dies noch weniger problematisch, als bei eher geistigen Fächern wie Deutsch, Geschichte und Kunst. Jeder kennt dieses Gefühl der völligen Willkür bei der Benotung von Aufsätzen und Essays im Deutschunterricht.

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Genau dort wird die unausweichliche Subjektivität jeder Wahrnehmung besonders deutlich. Da wir aber in der Schule das Gefühl vermittelt bekommen, es gäbe nur ein Wahr und ein Falsch, frustrieren die geistigen Fächer in der Tendenz eher als Naturwissenschaften, weil dort beispielsweise eine Gleichung gemäß ihrer Logik eben nur ein Ergebnis haben kann – so jedenfalls meine persönliche Sicht.

Aber genau die geistigen Fächer sind es, die viel menschlicher sind als die Naturwissenschaften. In den geistigen Fächern steht der Mensch selbst im Zentrum der Aufmerksamkeit, weshalb es kein absolutes Richtig und kein absolutes Falsch geben kann. Der erhöhte Bewusstseinsgrad des Menschen wird gerade in seiner scheinbar grenzenlosen Fähigkeit völlig unlogisch zu handeln deutlich.

Diese stumpfe Schwarz-Weiß-Sicht setzt ganz ursprüngliche Grenzen und Blockaden, die alle wahren Weisen jeder Epoche seit Menschengedenken thematisieren und zu erklären suchen. Der Blick dieser Weisen wie Goethe, Hesse, Sokrates, Aristoteles, Platon und Siddharta Gautama, Jesus, Moses und Mohammed ist nach innen und nicht nach außen gerichtet. Dieses Nachforschen im Inneren ist aus meiner Sicht eine weitere wichtige Kernkompetenz, die man unbedingt fördern sollte.

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Wenn man nun den Punkt erreicht, an dem man beginnt, an den Wahrheiten, die uns in der Schule, von den Eltern oder den Medien vermittelt werden, zu zweifeln, dann setzt man dabei sehr viel auf’s Spiel. Dieser Zweifel, wenn er wirklich konsequent durch gedacht wird, hat nachhaltige Auswirkungen auf den Blick auf unser bisheriges Leben, unsere Mitmenschen und unsere Umwelt.

Bei den Eltern, sobald man selbst älter oder Mutter beziehungsweise Vater geworden ist, merkt man, dass auch sie sich irren können. Bei den Lehrern ist man mit dieser Erkenntnis häufig auch relativ frühe angelangt. Das grundlegende Konzept des blinden Vertrauens gegenüber Autoritäten ist jedoch häufig noch immer vorhanden. Man vertraut weiterhin den Zeitungen, die man kauft, den Nachrichtensprechern, die man tagtäglich sieht, den führenden Politikern, die man gewählt hat, seinen engsten Vertrauten und natürlich den „Experten“.

Erkennt man jedoch, dass es neben dem breiten, vorgezeichneten Weg, der einen Wahrheit noch zahlreiche weitere kleine Abzweigungen und Möglichkeiten, also andere Sichtweisen gibt, kann der besagt Moment des Zweifels kommen. Und vielleicht ist dieser Zweifel so groß, dass wir nach eine ersten vorsichtigem Blick dann schließlich vom „gesicherten“ Pfad abweichen.

Abseits des „Mainstreams“

Der „gesicherte Pfad“ ist hier nur eine Metapher für das, was wir heutzutage als den „Mainstream“ bezeichnen – in alternativen Kreisen fast ebenso zum Schimpfwort geworden, wie der Begriff „Verschwörungstheorie“ innerhalb des „Mainstreams“.

Weichen wir davon ab, so nennt man das in der Wissenschaft hypothesengeleitete Forschung. Man stellt eine Vermutung auf, die bisher so noch nicht formuliert oder noch nicht ausreichend beforscht wurde. Dann suchen wir nach Hinweisen und Mustern, die unsere Annahme bestätigen.

Was jeweils als Hinweis und/oder Muster, das diese oder jene Annahme stützt oder widerlegt, akzeptiert wird, ist eine wirklich schwierige Frage. Jeder gewissenhafte Wissenschaftler und jede wahrhaftige Wissenschaftlerin egal welcher Disziplin wird jedoch der Aussage zustimmen, dass die Betrachtung von Einzelargumenten und -aussagen einer hypothesengeleiteten Erklärung niemals ausreichen, um die Theorie als Ganze vollständig zu bewerten.

Wenn man als Wissenschaftler, und dabei spreche ich aus meiner eigenen Erfahrung, eine argumentative Arbeit bewerten möchte, dann gibt es stets Punkte, die kritikwürdig sind, egal wie tadellos die Arbeit im Ganzen auch sein mag. Genauso wird es bei einer wirklich mangelhaft durchgeführten Untersuchung immer einen Punkt haben, den man Positives abgewinnen kann.

Es kommt bei einer Arbeit aber stets auf den Gesamteindruck an – auf die ganze Argumentationslinie. Zudem kann eine glänzend argumentierte Arbeit trotzdem inhaltlich sehr falsch sein. Das beste Beispiel sind wohl juristische Diskussionen. Ein genialer Anwalt ist in der Lage den schuldigsten Menschen aus einer Sache herauszuboxen, wenn er ausreichend schlagfertig argumentiert.

Wie kann es also sein, dass die in der Wissenschaft wirklich gängige Praxis des fachlichen Diskurses in öffentlichen politischen, sozialen oder medialen Debatten dermaßen unsachlich geführt wird?

Die Antwort ist einfach: erst an der Universität lernt man, wie unterschiedlich akzeptierte Auffassungen sein können, dass häufig unterschiedliche Fachmeinungen zu einem Thema durchaus parallel existieren und wie man aus diesen unterschiedlichen Meinungen eine Forschungsdynamik entwickeln kann.

Beispielsweise gelten in der modernen Sprachwissenschaft zwei Sichtweisen von Sprache parallel. Welcher Denkschule man angehört, ist alleinig die Entscheidung der jeweiligen Forscherin oder des jeweiligen Forschers. Ob man nun Anhänger der Konstruktionsgrammatik oder der Generativen Grammatik ist, muss man für sich selbst abwägen.

Ja, es wird zwischen diesen zwei Lagern fachlich gestritten. Aber diese fachlichen Dispute werden sachlich und auf Augenhöhe geführt. Letztendlich sind jeweils Grundannahmen zum Thema Sprache, die diese beiden Strömungen der Linguistik trennen und unvereinbar machen. Gerade Uneinigkeiten wie diese sind es jedoch, die die Wissenschaft immer weiter vorantreiben!


„Na wann redet er denn endlich über Verschwörungstheorien!“
„Genau, was soll das Rumgelaber! Komm zur Sache!“
„Hey, er kommt schon noch dazu, bestimmt im nächsten Beitrag.“
„Wer’s glaubt, mir reicht’s! Ich suche wieder auf Youtube nach wirklichen Fakten!“

Auch hier möchte ich einen Punkt setzen. Im Grunde ist es egal, welches Thema man nimmt, man könnte stets derart Ausschweifen. Ausschweifen bedeutet, ein Thema wirklich umfassend zu behandeln. Ich glaube aber, gerade das Thema „Verschwörungstheorie“ eignet sich dafür besonders gut. Denn „überall, wo der Mensch in’s Spiel kommt, wird’s kompliziert!“. Dieses Zitat stammt von mir selbst. Ich habe mich bewusst selbst zitiert, weil man sich Zitate irgendwie immer besser merken kann.

Der moderne Mensch ist jedoch kaum mehr in der Lage, eine derart lange Aufmerksamkeitsspanne aufbringen zu können, um komplexe Gedankengebilde nachzuempfinden. Und auch dafür mache unser Bildungssystem und die moderne Informationsgesellschaft mit dem Smartphone als zentrales Medium verantwortlich. Falls du es bis hier hin geschafft hast, darfst du dich selbst beglückwünschen. Trau dich! Sag dir selbst einfach mal: „Gut gemacht, wirklich gut gemacht.“

Fassen wir diesen Beitrag aber nochmals ganz kurz zusammen:
In diesem Beitrag habe argumentiert, wie schwer es heutzutage ist, Informationen wirklich bewerten zu können. Um Informationen zu bewerten, brauche wir Medienkompetenz. Diese Kompetenz sollte Teil unserer Schulbildung sein. Außerdem müssen wir erkennen, dass es stets mehrere Perspektiven auf ein- und dieselbe Sache gibt.

Unsere Schulbildung leistet jedoch beides nur unzureichend. Stattdessen lernen wir, auf Autoritäten zu hören und deren Informationen nach bestimmten Mustern zu speichern.

Kommen wir jedoch an die Universität, merken wir recht schnell, dass fast alles, was wir über Mathe, Deutsch, Physik, Geschichte, etc. bisher gehört haben, irgendwie nicht so richtig mit dem zusammenpasst, was uns an den Universitäten gelehrt wird. Dort sollen wir plötzlich Quellenkritik üben, verstehen, dass es verschiedene Denkschulen gibt, Forscher sich irren können und der Dozent oder die Professorin im Idealfall auf Augenhöhe kommunizieren. Außerdem sollen wir dort selbst plötzlich zu solchen Autoritäten werden, denen wir bisher blind vertraut haben.

Im nächsten Beitrag möchte ich dann endlich zum Kernthema vordringen: Verschwörungstheorien. Warum jeder potentiell Opfer dieser Theorien werden kann, was wirkliche Verschwörungstheorien von „alternativen Fakten“ oder einfach nur gefährlichem/verbotenem Wissen unterscheidet und wie der Begriff derzeit zu einer gefährlichen politischen Waffe gemacht wird.


von Marco Lo Voi

2 Antworten auf “„Verschwörungstheorie“: Was steckt hinter diesem Begriff? – Ein Erklärungsversuch – Teil 2”

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