Prezident: Über zwei verschiedene Arten des Gutseins (2018) – Eine Interpretation

Meinungsfreiheit vs. Kontroversen

In diesem Artikel möchte ich auf einen Künstler und sein Werk aufmerksam machen, das vor allem eins ist: kontrovers. Der Rapper „Prezident“ hat mit seinem Album „Du hast mich schon verstanden“ eine Diskussion im Deutschrap angestoßen, die vor allem den militant-politisch korrekten Geistern der Gegenwart sauer aufstieß. Prezident kritisiert die aus seiner Sicht widersprüchliche Haltung der zeitgenössischen politischen Mehrheitsmeinung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Insbesondere „die Linke“ und die sich ihr zuordnenden jungen Menschen stehen im Zentrum seiner Kritik.

Wie so häufig heutzutage wird eine Person, sobald sie sich kritisch zu einer bestimmten Seite äußert, automatisch der „gegnerischen“ Seite zugeordnet, was in diesem Falle politisch „rechts“ bedeutet. Wer allerdings Prezident und sein Werk kennt, der weiß, dass diese vereinfachende Form der Verteidigungshaltung gegen den urlinksintelektuellen Prezident nicht haltbar ist. An dieser Stelle könnten noch viele einleitende Worte fallen; belassen wir es jedoch dabei und kommen zum Kern dieses Beitrags: Ein Interpretationsversuch seines vorletzten Albums.

Zunächst werfen wir einen Blick auf den Titel des gesamten Albums. Er lautet „Du hast mich schon verstanden“. Wer den Künstler Prezident kennt, der weiß, dass sein gesamtes Werk nicht wirklich leichte Kost ist. Er besticht vor allem mit historischen, kultur-philosophischen und literarisch-theosophischen Vergleichen, bezeichnet sich selbst als Nihilisten und pflegt gelegentlich Wörter zu benutzen, die die allermeisten erstmal googlen müssen. Im Klartext heißt das: die Wenigsten verstehen Prezidents Lieder beim ersten Hören. Gepaart mit dem Albumcover ist allein der erste Eindruck dieses Albums, das nicht mit einem Intro, sondern mit dem nachfolgenden Song das Werk eröffnet, eine einzige polemische Provokation:

Zur genaueren Betrachtung habe ich mir das Lied „Über zwei verschiedene Arten des Gutseins“ vorgenommen.

Auch hier möchte ich zunächst mit der Betrachtung des Titels beginnen. Mit dem einleitenden Wort „über“ gefolgt vom behandelten Thema reiht der Künstler dieses Werk in andere philosophische Betrachtungen ein. Prezident kündigt mit dem Titel zudem schon an, dass es sich hierbei um einen Vergleich zweier sich zwar graduell, aber nicht im Wesen unterscheidender Charakterzüge handelt: Gutsein.

Ein philosophischer Geist erkennt sofort: „Gut“ und „Schlecht“ sind relative Kategorien, die jedes Subjekt für sich selbst definiert. Der Künstler setzt also ein Konzept von „Gutsein“ voraus, das universal gültig sein soll. Alleinig dieser Umstand zeigt einen gewissen Grad an Sarkasmus und Ironie, die sich generell durch Prezidents Schaffen, aber insbesondere durch dieses Album wie ein Leitmotiv ziehen.

Klanglich ist der Beat von einer düsteren fast schon apokalyptischen Schwere geprägt, die das Thema „Gutsein“ in einen widersprüchlichen Kontext setzt. Meines Erachtens ist dieses Element, der logische Widerspruch, einer der zentralen Punkte, den Prezident hier auf Albumlänge und im Speziellen in diesem Song behandelt.

Aus seiner logisch-nihilistischen Perspektive erscheinen viele Handlungen einiger Menschen von zahlreichen Widersprüchen geprägt, was er mit diesem Album nicht bekämpfen, sondern lediglich benennen und beleuchten möchte.

Ich werde nun den Text Passage für Passage besprechen und meine Interpretationen und Anmerkungen dazu liefern.

[Intro]
Are you saying…? What are you saying?
Only a fool thinks he can solve the worlds problems
But you gotta try, don’t you?

Gleich zu Beginn wird ein knapper Dialog wiedergegeben, in dem ein Mann einem Zweiten erklärt, dass nur ein „Narr“ (fool) glaubt, die Probleme der Welt lösen zu können, man es aber dennoch probieren müsse. Dieser Zweite bekennt sich also zum Narren, zu dem er sich aber machen müsse, weil man ja immerhin versuchen müsse, die Verhältnisse dieser Welt zu ändern.

Daraus könnte man schließen, dass sich politische Aktivisten aus Prezidents Sicht regelmäßig zum Narren machen, weil sie denken, sie könnten auf diese Weise die Geschicke dieser Welt ändern.

[Part 1]
01 – Die guten Menschen gehen protestieren
02 – Sie sind sehr gut zu Kindern, sie sind sehr sehr gut zu Tieren
03 – Sie wollen, dass man lieb zu ihnen ist
04 – So wie sie lieb sind zu den Ihren

Interessanterweise eröffnet Prezident dieses Lied mit der Aussage, gute Menschen gingen protestieren (V. 1). Dies impliziert, dass all diejenigen, die nicht auf Demos gingen, keine guten Menschen sein können. Außerdem seien sie gut zu Kindern, aber noch besser zu Tieren (V. 2).

Damit spielt Prezident auf Tierschützer an, die das Wohl von Tieren noch über denen des Menschen stellen würden. Außerdem solle jeder („man“) zu ihnen „lieb“ sein, weil sie ja „lieb“ zu den Menschen aus ihren Freundes-, Familien- und Bekanntenkreisen („den Ihren“) sind (V. 3-4). Das heißt, sie müssen nicht nett zu jedem sein, aber jeder solle gefälligst nett zu ihnen sein – ein klarer Widerspruch.

05 – Die guten Menschen reagieren sensibel
06 – Worauf? Darauf muss man sie trainieren
07 – Ist allerdings nicht schwierig, denn sie lernen schnell
08 – Doch kommen nie ins Grübeln
09 – Ihr Platz in der Geschichte ist nicht übel, keine Frage
10 – Ihre Seite ist im Recht und sie wird eines Tages siegen, ganz  sicher
11 – Hätte er nicht mitgemacht, was man heut‘ so tut ist richtig
12 – Und er tut es, weil er das begriffen hat

Diese Passage formuliert meines Erachtens einen der Kernvorwürfe des Rappers. Die „guten Menschen reagieren“ schnell und heftig (V. 5). Aber nicht auf das, was sie auf Grund ihrer eigenen aktiven Beobachtung und den folgenden Reflexionen zu einer Gegebenheit als „gut“, „schlimm“, „gerecht“ oder „ungerecht“ erachten, sondern auf das, was ihnen mit einer vorgefertigten Bewertung präsentiert wird und auf das die sozial adäquate Reaktion erfolgen muss (V. 6). Dies sei jedoch nicht schwer, da sich der politisch-korrekte Zeitgeist recht schnell umformen lasse, weil ein Hinterfragen wohl ausbleibe (V. 07-08).

Ein Teil der sich gleichförmig bewegenden Gruppe zu sein, sei zudem nicht der schlechteste Platz, da eine direkte Verantwortung nicht gegeben und man im Jetzt stets ohne Widerstand und soziale Sanktionen fürchten zu müssen Teil der richtigen Seite, der einheitlichen Masse ist. Denn wer sich wie ein Fähnchen im Wind dreht, der wandelt immer auf dem Pfad der Gerechten (V. 09 – 10).

Was früher falsch gelaufen ist, das hätte der gute Mensch von heute sofort erkannt und wäre in den Widerstand gegangen, aber heute, da sei ja alles gut und man könne getrost dem Zeitgeist folgen, weil wir heute in vernünftigen Zeiten leben würden (V. 10 – 12)

13 – Er weiß, dass Satire alles darf so wie ihm klar ist
14 – Dass ’ne fremde Hand auf einem Knie ein handfester Skandal ist
15 – Ganz sicher
16 – Der gute Mensch von heute ist sich beispielsweise sicher, dass Rassismus ganz abscheulich ist
17 – Ganz sicher, so wie seine guten Eltern sicher wussten
18 – Bis zu welchem Melaningehalt man Deutscher ist

In diesem Abschnitt werden Beispiele für aktuelle Haltungen der Mehrheitsmeinung geliefert (V. 13 – 15). In den Versen 16  bis 18 wird aufgezeigt, wie radikal sich eine Einstellung beziehungsweise eine Meinung innerhalb eines Generationenwechsels drehen kann. Diese Passage kann böswillig gedeutet als Beweis für Prezidents versteckten Rassismus ausgelegt werden. Meines Erachtens zeigt er hier lediglich auf, wie wandelbar menschliche Ansichten sind, auch wenn dieses Beispiel einen oberflächlich moralischen Fortschritt beschreibt. Man könnte jedoch auch weiter denken und hierin eine Warnung sehen, dass sich diese moralische Entwicklung auch als Pendel erweisen kann und dass sich diese moderne Ansicht jederzeit wieder drehen könnte.

Mandala

19 – Ganz sicher ist er gut aber auch sicher gut vergesslich
20 – Der gute Mensch ist aufgeklärt ganz ohne Dialektik
21 – Er nimmt Widersprüche nicht wirklich hin, er sieht sie gar nicht
22 – Ihm ist Gutsein selbstverständlich und normal
23 – Er kennt die Antwort noch bevor er erst die Frage hört
24 – Der gute Mensch weiß, was von ihm erwartet wird
25 – Er ist nicht richtig gut, doch im Reinen mit sich selbst und seinen
26 – Grenzen und bewundert und belächelt diese richtig guten Menschen gleichermaßen

In Vers 19 wird die Warnung einer eventuellen Pendelbewegung des Fortschritts deutlich, denn der gute Mensch ist „auch sicher gut vergesslich“ (V. 19). Wer glaubt, menschliche Ansichten würden sich wie die Zeit nur in eine Richtung einer Achse verschieben, der irrt nach Prezident.

Ein zentraler Punkt der Aufklärung war neben der Revolution der politischen Verhältnisse auch die Revolution des Denkens. Dabei ist die philosophische Kunst der Dialektik ein wesentliches Element. In der Wikipedia lässt sich folgendes nachschlagen:

„Rein schematisch kann Dialektik in diesem neueren Sinn vereinfachend als Diskurs beschrieben werden, in dem einer These als bestehende Auffassung oder Überlieferung ein Aufzeigen von Problemen und Widersprüchen als Antithese gegenübergestellt wird, woraus sich eine Lösung oder ein neues Verständnis als Synthese ergibt.“

Prezident wirft den „guten Menschen“ vor, sie würden Widersprüche in den Meinungen, die sie ohnehin von Außen übernähmen, gar nicht erst wahrnehmen, weil ein offener Diskurs verschiedener Positionen nicht stattfinde, wozu auch, denn eine Haltung („ihm ist Gutsein selbstverständlich“) ist schließlich bereits gegeben (V. 20 – 22). Ganz am Schluss spielt Prezident auf vorauseilenden Gehorsam und nicht hinterfragender Hörigkeit an, die er „guten Menschen“ attestiert (V. 23 – 24). Er sei zwar nicht „richtig“ gut, aber lebe Selbstzufrieden („im Reinen mit sich selbst“) in seiner Blase („Grenzen“), da er die passionierten Aktivisten zwar irgendwie bewundere, aber ihren Eifer nicht wirklich nachvollziehen könne („belächelt“) (V. 25 – 26). Somit befindet sich der „gute Mensch“ in einer bequemen Position, in der nicht mit Widerständen und sozialen Sanktionen zu rechnen sei, man aber zugleich nicht wirklich extrem auftreten und handeln müsse.

[Bridge]
01 – Ach Prezi, du öde Fotze
02 – Das kenn‘ wa schon
03 – Kenn‘ wa schon von „Miststück“
04 – Oder ist das tatsächlich was du glaubst?
05 – Ist jeder, der nicht ganz so ein zynischen Arschloch ist wie du und wie ein Pawlowscher Hund mit Kulleraugen auf Plakatwände reagiert,
06 – Oder einfach nur sagt, was alle hören wollen und sich keine Gedanken macht, weil nur du dir Gedanken machst, exklusiv
07 – Als gäb’s keine guten Menschen, die wüssten was sie tun und die nicht nur so tun, die sich einsetzen

In der Bridge kritisiert eine Stimme Prezidents Aussagen, die zudem ja nicht neu wären, weil Prezident sie schon in dem Bonustrack „Miststück“ auf dem Album „Limbus“ anders formuliert bereits geäußert hat (V. 03). Die Stimme weist Prezident darauf hin, dass es ja wirklich gute Menschen gäbe, die nicht nur aus Angst vor dem sozialem Dissenz die Mehrheitsmeinung widergäben, sondern davon überzeugt wären (V. 06 – 07).

[Part 2]
01 Der richtig gute Mensch weiß, dass wenn man gut ist
02 Das bei Weitem nicht genug ist
03 Dem richtig guten Menschen steht’s bis Oberkante
04 Er will Blut sehen, durch Blut gehen
05 Sein Blut geben für das große Ganze

An dieser Stelle führt Prezident den zweiten Typus des „guten“ Menschen ein, der richtig gut ist. Dieser ist nicht bloß passives Mitglied der Gesellschaft, das alles tut, um nicht anzuecken. Dieser Mensch ist Teil einer militanten Bewegung, die vor Gewalt nicht zurückschreckt, da er endlich die Vision, die er mit anderen seiner Bezugsgruppe teilt, verwirklicht sehen wolle (V. 02 – 05).

Mandala

06 Die anderen sind oberflächlich selbstzufrieden
07 Er sich selbst gerecht geworden, immer hart und streng geblieben
08 In seiner Welt, in der kein Mensch illegal ist, aber dafür alles
09 Menschliche zumindest unmoralisch ist

Der „richtig gute“ Mensch“ sieht auf die Masse herab, da er der moralisch Überlegenere ist (V. 06-07). Ab Vers 8 wird nun überdeutlich, an wen sich dieses Lied vor allem richtet: „In seiner Welt, in der kein Mensch illegal ist“. Das ist eine eindeutige Anspielung auf den in linken Kreisen weit verbreiteten Leitspruch „Kein Mensch ist illegal“. Damit sind die Adressatinnen und Adressaten, als die „guten“ und „richtig guten“ Menschen in diesem Lied, identifiziert: Es geht hier um den allgemeinen politisch korrekten, linksorientierten Zeitgeist, den jede und jeder, der nicht als Nazi abgestempelt werden will, vertrete („gute Menschen“) und dann um die stark Linksorientierten bis Linksradikalen („richtig guten Menschen“).

Man achte in diesem Abschnitt auf die Worte „seine Welt“. Damit ist vermutlich angedeutet, dass wohl in der „realen/objektiven“ Welt diese beiden Grundsätze: „Kein Mensch ist illegal“ und „alles Menschliche ist unmoralisch“ nicht gelten. Mit „alles Menschliche“ spielt der Rapper hier meines Erachtens auf die sexuelle Ebene an, die in der Gesellschaft und vor allem in linken Kreisen Gegenstand breitester Diskussionen ist. Dabei geht es hier vermutlich in erster Linie um die Vorwürfe der sexuellen Belästigung im Allgemeinen (V. 09).

10 Seinesgleichen selten, er steht unbeugsam, stolz, gerade
11 Linke Hand die Goldwaage, rechte Hand die Heugabel
12 Heißt: Alle Hände voll zu tun mit der Pflege
13 Seiner geistigen, politischen Hygiene
14 Immerwährend distanzieren von diesem, Position beziehn zujenem
15 Zunächst dekonstruieren dann neu kategorisieren
16 Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen

Hier wird der „richtig gute Mensch“ als überzeugt („unbeugsam“), selbstbewusst („stolz“) und „straight“ („gerade“) definiert (V. 10). Mit der „Goldwaage“ und der „Heugabel“ wird der „richtig gute Mensch“ als eine abgewandelte Version der Justitia beschrieben, da er statt des üblichen Richtschwertes eine Heugabel in der Rechten habe (V. 11). Warum hier das Richtschwert ausgerechnet durch die Heugabel ersetzt wird, ist fraglich. Eine Hypothese: Während die Goldwaage das bloße Abwägen der Argumente symbolisiert, steht das Schwert für das Fällen und Durchführen von Urteilen. Abwägen kann jeder für sich, doch für das Fällen und Durchführen benötigt man Macht und Autorität. Die Heugabel hingegen ist das typische Symbol des Bauernstandes. Sie ist Handwerkszeug und gleichzeitig waffenfähiges Gerät, mit der Bauern sogar in Kriege zogen. Der „richtig gute Mensch“ kann also abwägen, hat aber nicht die Macht und die Autorität daraus folgende Konsequenzen wirksam zu machen.

Zugleich, und damit komme ich zu Vers 12 bis 15, ist die Heugabel ein Symbol des Pöbels, des Aufstandes und der rebellierenden Masse, ein Zeichen des Kampfes, der Auflehnung. Der „richtig gute Mensch“ wägt also immer sorgfältig ab und wenn sein Urteil negativ ausfällt, so straft er mit der Kraft einer pöbelnden Gruppe, einer revoltierenden Masse. Deshalb wird sich der „richtig gute Mensch“ auch vor den anderen „richtig guten Mensch“ sehr in Acht nehmen, da ja jeder von ihnen mit Goldwaage und Heugabel bewehrt ist. Daher wird er seine eigenen Positionen stets überarbeiten, gerade rücken, gegebenenfalls anpassen oder verwerfen, wenn es der Zeitgeist/die „Peerpressure“ verlangt: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“.

17 Und er pöbelt im Plenum und er wütet für den Frieden
18 Auch als Jakob starb und die Hinterbliebenen versagten
19 Beim Releasen seiner Hinterlassenschaften, blieb er grade
20 Schrieb, Facebook-Kommentare diese Nächsten zu ermahnen
21 Wie sie mit dem Erbe ihres Freundes umzugehen haben

Hier taucht auch das Wort „pöbeln“ auf. Der „richtig gute Mensch“ tut dies aber im Plenum, das als Organisationsformat in linken Kreisen gerne genutzt wird, um gemeinschaftlich Dinge zu beschließen. Darauf folgt ein weiterer inhaltlicher Widerspruch im Verhalten des „richtig guten Menschen“, weil er für den „Frieden wütet“ (V. 17). Es soll also Frieden mit gewalttätigen Mitteln erzeugt werden. Der Widerspruch wird durch den Missbrauch des Jüngers Jakob, der vor allem im heutigen Spanien missionarisch tätig gewesen sein soll, als kriegerisches Symbol, verdeutlicht. Ein Mensch, der eigentlich eine Friedensmission hatte, wurde bspw. für die kriegerische Reconquista in Spanien instrumentalisiert.

Der „richtig gute Mensch“ sei also ein kriegerischer Missionar, der das vermeintliche „Erbe“ Jakobs ernst nimmt (V. 19). Er engagiere sich auch online in Kommentarschlachten, in denen er seine Interpretation des „Erbes ihres Freundes“ (Hinterlassenschaften Jakobs) als die gültige proklamiere (V. 20 – 21).

22 Der richtig gute Mensch weiß Rat in allen Lebenslagen
23 Weiß das Miteinander ist problembeladen
24 Und will es deshalb gut geregelt haben
25 Sodass das AZ, in dem er tätig ist, ein Käfig ist,
26 Ein autonomer Schrebergarten
27 Ein Dackelzuchtverein heilsamer Prinzipien

In diesem Abschnitt bezieht sich Prezident vermutlich auf seine persönlichen Erfahrungen in „Autonomen Zentren“ (V. 25: „AZ“) linker Gruppierungen, wo neben anderen kulturellen Veranstaltungen auch regelmäßig musikalische Ereignisse stattfinden. Da solche Zentren, soweit ich dies verstanden habe, eigentlich Freiräume für Vielfalt und individuelle Freiheit sein sollen, spielt der Rapper hier auf die dennoch klar geregelten Verhaltensweisen in solchen Zentren an (V. 23 – 25). Obwohl selbst organisiert und freiheitlich scheint es dort dennoch zahlreiche Maßregelungen für verschiedene Bereiche zu geben, deren Missachtung sehr schnell zu breitem Unmut führen können. Aber all diese Maßregelungen seien wohl nur zur Steigerung der persönlichen Moral gedacht (V. 27: „heilsame Prinzipien“) – dies ist natürlich blanke Ironie. Hierzu wählt er „Schrebergärten“ und „Dackelzuchtvereine“ als Vergleich, um linke Geister, die solchen spießbürgerlichen Dingen meist ablehnend bis verachtend gegenüberstehen, so richtig zu provozieren (V. 26-27). Hier scheinen sehr viele persönliche Geschichten verarbeitet zu werden.

28 Mit Vorrang vor Sympathien, Freunden und Familie
29 Für die nächstbesten Guten hat er wenig Liebe übrig
30 Seine Liebe ist Strenge mit seinen Liebsten
31 Ist es schwierig,
32 weshalb er depressiv ist, übelnehmend,  melancholisch
33 Nicht wenige Zeloten sind im Herzen Misanthropen

In diesem Abschnitt bezieht sich der Autor auf die Auswirkungen auf familiäre Verhältnisse, die politisch radikale Prinzipien mit sich bringen können. Meines Erachtens ist es ein grundsätzlicher Fehler, der älteren Generation pauschalisierend Vorwürfe für bestimmte Haltungen zu machen, weil man nicht ohne Weiteres davon ausgehen kann, dass die ältere Generation dieselbe Argumentationsgrundlage und denselben Entwicklungshintergrund hat, wie die eigene Generation – dies ist ja schlicht unmöglich. Prezident beschreibt, wie abweichende politische Ausrichtungen Freundeskreise und sogar Familien spalten können, weil sich die junge, politisierte Generation nicht verstanden fühlt, bzw. aus ihrer Sicht falsche Positionen des eigenen sozialen Umfelds nicht tolerieren kann. Daraus kann eine lebensfeindliche und sozial distanzierte Haltung entstehen, die ich selbst in der jungen Generation bereits wahrgenommen habe (V. 30-32).

Prezident spart in diesem Stück nicht an Steigerungen und so wirft er durchpolitisierten Geistern vor, einen fast schon religiösen Eifer an den Tag zu legen („Zelot„), der im Grunde auf einer menschenfeindlichen Einstellung fußt („Misanthrop„).

34 Nur logisch wenn aus Nächstenliebe Fernstenliebe wird
35 Nie erwiderte Liebe wird zumindest nie gestört
36 Und so gibt er seine Stimme denen, die keine Stimme haben
37 Weil die nicht dazwischen faseln
38 Er sieht in seinem Gegenbild sein Ebenbild
39 Er träumt vom edlen Wilden
40 Von der Güte dunkler Menschen aus entfernteren Gefilden
41 Vom Gegenteil des kleinkarierten dunkeldeutschen Scheißvolks
42 Die schlimmsten Herrenmenschen, die die keine sein wollen

Kommen wir zum Abschnitt, der für viele Hörer wohl die meisten Fragezeichen und/oder zu den meisten Missverständnissen geführt hat. Hier setzt der Rapper dieser „Abrechnung“ die Krone auf. In diesem Abschnitt bezieht er sich im weitesten Sinne auf die „Refugees Welcome“-Kampagne, positiven Rassismus und die antideutsche Einstellung.

Wenn nun, nach seiner Analyse, der „richtig gute Mensch“ die Mehrheit der in Deutschland beheimateten Bevölkerung kritisch bis verachtend betrachtet, so steigert er im Umkehrschluss automatisch das positive Bild der im Ausland – möglichst im nicht-westlichen Ausland – lebenden Bevölkerung (V. 34). Die sogenannte deutsche Kultur, falls so etwas existiert, wird auf Grund ihrer Vergangenheit als nicht existenzwürdig betrachtet (das „kleinkarierte dunkeldeutsche Scheißvolk“), womit das Ansehen anderer Kulturen im Vergleich zu Deutschland steigt. Es entsteht ein verklärtes Bild anderer Kulturen („Fernstenliebe“), die an Orten, wozu uns nur Infos aus zweiter oder dritter Hand zur Verfügung stehen („weil die nicht dazwischen faseln“), ein idealisiertes Menschenbild erschaffen („der edle Wilde“, „die Güte dunkler Menschen aus entfernteren Gefilden“), die die tote oder nicht lebenswerte deutsche Kultur in jedem Falle nur bereichern können (V. 34 – 41).

Die pauschale Auffassung, dass alle Menschen, die im Zuge von Migrationsbewegungen nach Deutschland kommen, ausschließlich hilfsbedürftige, verängstigte und friedlich gesinnte Menschen seien, ist meines Erachtens eine Vereinfachung, die in ihrer negativen Ausprägung aufs dramatischste sozial geahndet wird, während eine positive Pauschalisierung ohne Weiteres akzeptiert wird – das nenne ich positiven Rassismus.

Hier wird natürlich auf die radikalste Gruppierung des linken Spektrums, das sich am äußersten linken Rand verorten lässt, referiert: die sogenannten „Antideutschen“. Diese schwer greifbare Gruppierung definiert sich natürlich nicht als einheitliche Bewegung, weil sie ansonsten sofort vom Verfassungsschutz unter Beobachtung gestellt werden würde. Menschen, die sich dennoch in diesen Kreisen verorten lassen, haben grundsätzlich ein Problem mit Deutschland als Staatsgebilde, weil sie den schlummernden Nationalismus als omnipräsente Gefahr sehen, dessen Ursprung in der ehemaligen DDR („Dunkeldeutschland„) läge, was sich ja den PEGIDA-Demonstrationen und der immer stärker werdenden AFD tadellos belegen lasse.

Die Kirsche auf dem Sahnehäubchen oder aber der abschließende Furz in das Gesicht aller ohnehin schon getriggerten Hörer dieses Lieds ist der letzte Vers:

„Die schlimmsten Herrenmenschen, die die keine sein wollen“

Das ist natürlich ein starkes Stück. Wie ist dieser Satz nun zu bewerten? Zunächst ist es in erster Linie – so wie das ganze Lied, ja das ganze Album – eine Provokation. An zweiter Stelle wird an diesem Satz aber der zentrale Kritikpunkt seines gesamten Werkes deutlich: Er wirft seinen Adressatinnen und Adressaten vor, dass nicht die grundlegenden Ursachen wie Hass, Krieg und Spaltung, sondern Meinungen, Ideen und Haltungen bekämpft werden. Somit wird ein repressives System durch ein anderes ersetzt, ein Feindbild durch ein anderes ersetzt wird. Nicht der Konflikt wird bearbeitet, sondern Machtverhältnisse der Konfliktparteien werden schlicht ins Gegenteil verkehrt. Und all diese Dinge werden am Schluss als Fortschritt weil Veränderung verkauft, wobei sich jedoch lediglich Inhalte nicht aber Grundsätze geändert haben. Wenn „die Nazis“ damals dem Irrtum erlegen sind, sie wären die überlegene Rasse, so unterliegen heute die Antideutschen dem Irrtum, „die Deutschen“ seien in Wahrheit die moralischen „Untermenschen“. Somit wurden die Rollen des „Herrenmenschen“ und des „Untermenschen“ neu verteilt und die Hetzjagd geht von vorne los, nur dieses Mal in umgekehrter Richtung.

[Outro]
01 I have no idea if there’s a God
02 But if there’s a God
03 God would be very, very pleased with me
04 If he could just watch me here, how much
05 I love them, how much I adore them
06 How respectful I am to them
07 How I am one of them
08 And how the studies they give me
09 The photographs, the video
10 And take that around for no charge
11 To people around the world
12 It’s good work. I feel good about it
13 I feel good about myself doing it
14 And I wanna continue…
15 Thank you so much for letting me do this
16 Thank you so much for these (?)
17 For giving me a life
18 I had no life
19 Now I have a life

Auf Grund des ohnehin viel zu langen Artikels, belasse dabei, sehe von einer Analyse des Outros ab und merke dazu nur folgende Worte an:
Hier liefert Prezident ein Beispiel stellvertretend für den Zeitgeist der heutigen Generation. Wie dieses Beispiel zu bewerten ist, lässt sich leider nicht in wenigen Worten ausdrücken.


Abschließend möchte ich anmerken, dass ich nach Kräften versucht habe, objektiv an die Analyse heranzugehen. Dennoch ist es offensichtlich: eine „objektive“ Interpretation ist nicht möglich. „Interpretation“ beinhaltet immer das Einbringen persönlicher Gedanken und Erfahrungen, weshalb die Analyse dieses Textes aus einer anderen Feder bestimmt völlig anders klingen würde.

Ich teile die Ansichten Prezidents in diesem Fall zu einem gewissen Teil, wenngleich ich niemals mit einer solchen Härte und Schärfe sprechen würde. Dennoch schafft der Rapper es meiner Ansicht nach die gesellschaftlichen Verhältnisse dieses Landes zwar zynisch und überkritisch, aber dennoch pointiert zu beschreiben.

Ich rate daher jeder und jedem sich mit der Person Prezidents, dem oben genannten Album und seinem neuesten Werk „Alles ist voll von Göttern“ zu beschäftigen.

Grundsätzlich ist politischer Aktivismus eine gute Sache, dennoch sollte man sich in Acht nehmen, nicht denselben irrigen Gedankengängen zu erliegen, wie diejenigen, die man eigentlich bekämpfen will.


von Marco Lo Voi

2 Antworten auf “Prezident: Über zwei verschiedene Arten des Gutseins (2018) – Eine Interpretation”

  1. Heyho, ich halte deine Analyse für ziemlich stimmig, würde aber an einer Textstelle gern nochmal nachhaken.
    Mein Einwurf ist dem Umstand geschuldet dass ich vermutlich gegen meinen Willen von Mitte-Rechts in das Spektrum der „richtig guten Menschen“ fallen würde (wobei wir alle wissen dass das nicht der Fall ist).
    An der Stelle:
    „Für die nächstbesten Guten hat er wenig Liebe übrig
    Seine Liebe ist Strenge“
    deduzierst du dass radikale politische Einstellungen im familiären Umfeld vor allem spaltend wirken, was ich nur bestätigen kann. Jedoch möchte ich an der Stelle einwenden dass es von Links natürlich einen Gesellschaftsvorschlag gibt um diese Problematik aufzulösen. Ich könnte ja nachvollziehen dass viele (junge) linke mit ihren Angehörigen zu hart ins Gericht gingen, da sie von der moralischen Überlegenheit ihrer Weltanschauung überzeugt sind, nur leider glaube ich das ja auch. Gäbe es eine Organisation der Menschen in Kommunen, Vergesellschaftung von Betrieben auf breiter Ebene oder auch diese „soziale Gerechtigkeit“ von der wir immer reden, dann wären ja viele Probleme schon gelöst. Insofern halte ich es für unfair den Linken Spaltung vorzuwerfen und nicht auf ihre Lösung einzugehen.
    Jetzt kann man natürlich, vor allem wenn man eine Spur patriotischer ist, darauf verweisen, dass selbst wenn man linke Lösungen annähme damit noch nicht kompletter Weltfrieden geschaffen sei, sondern maximal bessere Verhältnisse in Deutschland erreicht werden, was meiner Meinung nach zumindest schon mal ein Anfang sei.

    Liken

    1. Hi Christopher,

      zunächst vielen Dank für deinen Kommentar! Freut mich, dass meine Analyse dir schlüssig erscheint.
      Zu deiner Anmerkung:
      Die Ebene, die du ansprichst, wird hier von Prezident gar nicht behandelt, daher hat deine Einwurf zunächst
      nicht unmittelbar etwas mit dem Interpreten oder der Analyse zu tun.
      Ansonsten gebe ich dir insofern Recht, dass die Linke natürlich Programme für eine andere Gesellschaft in ihrem Sinne hat.
      Diese Programme erfordern jedoch eine besondere Art des Denkens, die nicht von jeder und jedem ohne Weiteres gefordert werden kann. Feste Grundhaltungen und grundlegendes Denken, welche sich aus Lebenserfahrungen und Sozialisierung ergeben, können nicht wie Kleidung gewechselt werden. Die Unfähigkeit diesen Wechsel zu vollziehen, wird der älteren Generation aber gerne von den Jungen als Unwillen zur Änderung ausgelegt. Im schlimmsten Fall sogar so radikal ausgelegt, dass ein „patriotischer“ Geist gleich zum Ausländerfeind gemacht wird. Die fehlende Empathie für die Unterscheidung zwischen „Unwillen“ und „Unfähigkeit“ führt zur Spaltung der Generationen, während die internationalen Großkonzerne, global agierende NGOs und führende Politiker sich kaum mehr um die Kategorien „Rechts“ und „Links“ kümmern, weil diese aus meiner Sicht und ich glaube auch aus Prezis Sicht, nur ein Spielball für die Gesellschaft (Bevölkerung/Beherrschte/Volk wie auch immer), um sie
      beschäftigt zu halten, während sie weiter ihre Pläne munter verfolgen können.

      Nicht „die Linken“ alleine spalten, aber sie tragen auch nicht aktiv zur Versöhnung und Vereinigung der Arbeiterklasse (der Gesellschaft/Bevölkerung/Volk wie auch immer) bei, sondern spielen sich teilweise
      als intellektuelle und moralische Wegweiser für die „ungebildete“ und „patriotische“ Arbeiterklasse auf.

      Beste Grüße,
      Marco

      Liken

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