Arbeit am „Selbst“ – Selbstverortung im Wust der Welt

Nach einer knapp einjährigen Pause traue ich mich mal wieder an die Tasten. Sowohl in meiner Außen- als auch in meiner Innenwelt ist viel passiert. In diesem Beitrag möchte ich aber nicht stumpf ein Resümee des vergangen Jahres ziehen. Vielmehr möchte ich ein unverbindliche, persönliche Quintessenz formulieren, die private und öffentliche Geschehnisse miteinander verbinden soll.

Das vergangene Jahr war für mich persönlich geprägt von einer Arbeit an meinem „Selbst“. Ich bin nun seit fast zwei Jahren in einer Beziehung, was für mich eine der längsten romantischen Verbindungen ist, die mir in meinem nunmehr 32-jährigen Leben geschenkt wurde. Selbstredend gibt es mitunter auch schwierigen Phasen in dieser Verbindung. Dennoch ist es ein enormes Lernfeld für persönlichen Wachstum im engen Zusammenleben mit einer anderen Person. Dies fordert die eigenen Denk- und Verhaltensmuster erneut heraus und regt dazu an, sich selbst im Beisein einer anderen Person neu zu entdecken.

In der näheren Außenwelt war es ein arbeitsames Jahr. Nun endlich in der „ordentlichen“ Welt der Arbeit angekommen, stecke ich völlig drin, im sogenannten Hamsterrad. Diese beiden Faktoren im Zusammenspiel mit dem selbst gewählten Fokus im Außen hat dazu geführt, fast ein ganzes Jahr nichts mehr zu veröffentlichen. In der größeren Außenwelt ist im vergangenen Jahr politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich und so weiter so vieles passiert, von dem ich nur einen mir sinnvoll erscheinenden Ausschnitt mitbekommen habe. Mich interessieren dabei vor allem die großen Fragen um Krieg und Frieden in der Welt. Und da gäbe es beileibe genug zu berichten. Das soll in diesem Beitrag aber nur am Rande touchiert werden. Alles der Reihe nach.

Phasenverschiebung

Ich befinde mich spürbar in einer Phasenverschiebung. Damit meine ich eine Verschiebung meiner Lebensphase. Währen ich in Corona-Pandemie-Zeiten in großer Aufklärungsstimmung war, ist dieser innere Kampf nun milder geworden. Ich möchte immer noch wirken, tue das aber nun mehr im direkten Kreise meiner Umgebung und das ist vor allem meine Arbeit als Sprachlehrer und Mitarbeiter der Verwaltung einer Sprachschule und in meiner Rolle als Partner in einer Beziehung. Diese beiden Pole binden hohe Kapazitäten meiner Aufmerksamkeit, weshalb ich derzeit nicht wirklich die Zeit finde, all den Input, den ich nebenher medial aufnehme hier sinnvoll zu verarbeiten.

Zugleich beschleicht mich das Gefühl, mit jedem weiteren Beitrag nur weiteres Datenmaterial in den digitalen Äther zu spülen, der im vergangenen Jahr von einer Sintflut an K.I.-generiertem Material heimgesucht wurde und nun in kürzester Zeit fast nur noch daraus zu bestehen scheint. Daraus ergab sich eine intuitive innere Abkehr von diesem Wirken, da mir der moderne Mensch immer unzugänglich für Inhalte und Darstellungsformen erscheint, die mich persönlich ansprechen. So mutierte ich noch stärker zum Beobachter meiner Außenwelt und entzog mich der Position des Kommentators.

Die Essenz zur Blüte bringen

Nach einer zurückliegenden sehr stürmischen Phase in meinem Leben arbeite ich daran, Ruhe und Ordnung in mein Leben zu bringen. Das hat nicht direkt etwas mit Kontrolle zu tun. Aber ich möchte nun all das, was ich bis zum jetzigen Zeitpunkt in mir angesammelt habe an Erfahrung, Wissen und Tatkraft nun produktiv werden lassen. Ich bin innerlich angetrieben, wirklich etwas zu schaffen. Mich erfüllt es, wenn ich spüre, dass Dinge sich entwickeln und wachsen an denen ich einen Anteil habe. Gleichzeitig versuche ich, mein Inneres weiter zu durchforsten und Geist und Körper wieder mehr in den Einklang zu bringen. Lange Zeit war ich sehr viel im Geiste unterwegs. Im vergangenen Jahr und mehr noch seit dem Jahreswechsel verschiebe ich den Fokus mehr und mehr auf den körperlichen Anteil.

Nun hoffe ich, dass das Pendel nicht zu weit ausschlägt und ich nunmehr in die Balance zwischen Geist und Körper hineinfinden kann. Ich spüre mehr und mehr, wie mein Essenz zur Blüte kommen möchte. Welche Form diese Blüte annehmen wird, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, aber obgleich meine inneres und äußeres Wachstum von einem Wechsel im Auf und Ab geprägt war im vergangenen Jahr, ist die Bilanz in der Summe positiv. Wie habe ich das geschafft?

Der Weg aus dem Leid

Nach einem weiteren Spießrutenlauf zu verschiedenen Ärzten hat es sich erneut gezeigt, wie Komplex das menschliche Wesen ist und wie ein Expertenblick auf einen umgrenzten Bereich des menschlichen Seins zwar lokal aufschlussreich sein kann, das Gesamtbild aber dennoch oft nicht erklärt. Weiterhin mit verschiedenen Symptomatiken konfrontiert, hat aber nur mein persönliches Nachforschen und meine eigene Arbeit an meiner inneren und äußeren Haltung nennenswerte Veränderungen erbracht. Der erste Schritt war eine Erarbeitung einer fast ausnahmslos täglichen Morgenroutine, die ich beinahe sklavisch ausführe.

Dazu gehört ein morgendliches Heissgetränk – neuerdings nur noch Tee, kein Kaffee mehr nach dem Aufstehen -, dabei eine einfache Mobilisierungsroutine aller Körpergliedmaßen, von den Fingerspitzen bis zu den Zehen, den Augen und dem Kiefer. Anschließend eine Breathwork-Übung und je nach übriger Zeit einer kurzen Anschlussmeditation, bevor dann die Morgentoilette stattfindet. All das mache ich vor der Arbeit unter der Woche und meist auch am Wochenende. Essentiell ist dabei ein ständiges Reflektieren der eigenen Körperhaltung: gerader Rücken, lockere Schultern, entspannter Kiefer, gehobenes Becken, aktivierter Beckenboden und gerader Gang. Es ist erstaunlich, wie lange es dauert, seinem Gang und seiner Körperhaltung nachhaltig eine neue Form zu geben.

Daneben ist natürlich auch eine fortlaufende Arbeit am Innenleben notwendig. All die Rückschläge im letzten Jahr waren begleitet von schwierigen emotionalen Phasen. Dabei jedoch immer wieder den Kopf anzuheben und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren ist eine wesentliche Grundvoraussetzung, die jedoch durch Rituale und Routinen wie einer gesunden Morgenroutine gestützt wird. Das Innen bedingt das Außen und ebenso ist auch anders herum.

Krieg und Frieden

Es ist mir ein Bedürfnis, trotz der Kürze dieses Beitrags ein paar Worte zu den aktuellen Konflikten dieser Welt zu formulieren. Es ist wirklich erschreckend für mich, wie blind der Großteil der deutschen Gesellschaft in einen heißen Krieg in Europa hineintaumelt. Angeführt von einer kriegstreiberischen Politikerkaste wird die Gesellschaft von morgen wieder kriegstüchtig gemacht. Während die Bevölkerung der Ukraine und viele junge Männer aus Russland in einem Stellvertreterkrieg zwischen dem US-geführten Westen und Russland sinnlos vernichtet werden, schwadronieren EU-Führer wie Von der Leyen, Merz oder Macron immer noch davon, Russland in der Ukraine zu besiegen.

Das ist meiner Meinung nach hochgradig zynisch und gefährlich. Meiner Meinung nach ist auch Deutschland längst eine Kriegspartei, auch wenn auf deutschem Boden noch kein heißer Krieg herrscht. Der Wirtschaftskrieg läuft auf Hochtouren, auch wenn er in Russland noch keine allzu große Wirkung zeigt. Ganz im Gegenteil: Die deutsche Wirtschaft ist es, die aus der Rezession nicht herauskommt. Die Stimmung in der allgemeinen Bevölkerung ist zwar durch die Mainstream-Propaganda antirussisch aufgeladen, aber gleichzeitig herrscht eine pessimistisch-fatalistische Grundhaltung in der Bevölkerung, die sich nur noch über steigende Miet-, Lebensmittel- und Energiepreise sorgt und sowohl die anhaltende Krise im Gesundheitsbereich, bei der Deutschen Bahn und der Migrationsthematik diskutiert, während in der Politik die Zeichen auf Krieg stehen.

In diesen Stunden hat die USA auch ihren abzusehenden Schlag gegen den Iran begonnen. Ein Trauerspiel, das medial-propagandistisch als Befreiungstat der großartigen USA für die versklavte Bevölkerung im Land. Damit soll die Politik im Iran nicht verteidigt werden, aber meiner Meinung nach kann man sich diplomatisch an eine Regierung wenden, wenn man nicht mit ihrer Politik einverstanden ist. Aber eine am Boden liegende Volkswirtschaft wird in der Regel nicht dadurch besser, wenn Krankenhäuser, Straßenzüge, Schulen und politische Oberhäupter per Luftschlag vernichtet werden. Dabei geht es in erster Linie um einen weiteren Versuch, den US-amerikanischen Einfluss im Mittleren Osten wieder stärken, indem eine erneut eine US-freundliche Regierung installiert werden soll, die den Vernichtungskrieg Israels in Gaza im besten Fall toleriert und westliche Konzerne ins Land lässt, um an das Gas und das Öl im Iran zu kommen.

Die Selbstverortung

Dieser Beitrag trägt den Titel „Selbstverortung im Wust der Welt“. Ich meine damit in erster Linie mein Hauptaugenmerk in dieser Zeit, nämlich meine Menschlichkeit zu festigen. In einem Zeitalter, in dem es scheint, als ob die Künstliche Intelligenz in Windeseile das Denken für weite Teile der Bevölkerung in kürzester Zeit übernommen hat, scheint es mir essentiell, das eigene Abstraktionsvermögen und das kritische Denken noch stärker zu schulen. Was meine ich damit? Damit meine ich zunächst die weitestgehende Vermeidung von Social Media wie Instagram und tiktok. Meiner Beobachtung nach zersetzt der massive Konsum, wie ich ihn in meinem direkten Umfeld im Zug, im Arbeitskontext oder im Fitnessstudio beobachten kann, in einem unheimlichen Ausmaße viele grundlegende Menschlichkeiten. Ich sehe fast niemanden mehr, der selbst bei schönstem Wetter die schöne Landschaft während der Zugfahrt betrachtet, oder auch mit seinen Mitmenschen im Zug wirklich interagiert. Ich sehe leeres Starren auf die flimmernden Bildschirme und höre wenige angeregte Unterhaltungen.

Je öfter ich das beobachte, desto schlechter fühle ich mich selbst, wenn ich auch nur kurz auf mein Handy gucke, um Nachrichten zu beantworten oder desto dümmer fühle ich mich, wenn ich auf mein Handy sehe, obwohl dort wirklich nichts nennenswertes passiert, wenn keine Messangernachrichten reinkommen. Ich glaube fest daran, dass in kürzester Zeit diejenigen, die sich von dieser Pandemie der Geistlosigkeit geschützt haben, eine sehr besondere Spezies sein werden, die dem großen Rest der Menschheit das Menschsein wieder beibringen werden müssen, wenn wir uns erst tief genug in dieser Leere verstrickt haben und irgendwann erkennen, worin wir uns verrannt haben.

Man hört es schon immer wieder in den Medien, wie Depression, Suizid und psychologische Störungen, massive Hirnbeeinträchtigungen und viele andere Dinge die derzeitige Jugend im Griff haben, weil sie mit den Smartphones und Social Media aufwuchsen. Aber auch meine Elterngeneration sind davon betroffen, für die diese Dinge etwas absolut Neues sind. Meinem Gefühl nach sind es die Kinder der 90er, die den Umgang momentan am ehesten geregelt bekommen, weil wir in jungen Jahren mit dem Aufkommen der heimischen PCs und dem Internet aufwuchsen und bewusst diese Entwicklungen mitverfolgen konnten, aber dennoch ein Leben abseits dieser Technologie erleben durften.

Die K.I. und Social Media werden nicht mehr weggehen, so viel ist sicher. Ob wir einen gesunden Umgang damit finden werden, bleibt noch offen. Der Schlüssel, ob nun in den Fragen zu Krieg und Frieden, zu Social Media und Gesellschaft oder zur Arbeit am persönlichen Innen und Aussen scheint mir aber der folgende zu sein: „Selbstverortung im Wust der Welt“. Die Welt erscheint uns so komplex und undurchdringlich. Der Grund dafür ist aber, dass wir uns selbst immer weniger verstehen, weil wir von Informationen im Aussen und verschiedenen Reizen so überlastet sind, dass eine sinnvolle Vernetzung dieser Punkte nicht mehr stattfinden kann. Wir sind sprunghaft in unserer Aufmerksamkeit und unser Interesse ist so wechselhaft, wie die Reels auf unserem Bildschirm. Der erste Schritt zur Selbstverortung ist die Reduzierung der Einflüsse. Der zweite ist die Innenschau und die Selbstreflexion. Von dort aus beginnt die Orientierung. Der dritte ist schließlich die erneute Öffnung zur Welt hin, die aber nicht in einem Bildschirm stattfindet, sondern in der wahren und echten Sinnlichkeit. Wenn wir wissen, wo alles wurzelt, können wir auch verstehen, wohin sich alles erstreckt.

von Marco Lo Voi

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