
Spricht man in Gesellschaft von „Energie“, so erscheint oft die mentale Verknüpfung mit den Themen „Wirtschaft“, „Energiegewinnung“ und „Industrie“ naheliegend, da dies schließlich in den letzten Jahren gerade in Deutschland wieder zu einem sehr aktuellen Problemfeld geworden ist. Darum soll es in diesem Beitrag aber nicht gehen. Ein weiterer möglicher gedanklicher Verbindungspfad vom Begriff „Energie“ ist die in Richtung des Lebensbereichs der Spiritualität.
Hier teilt sich dann oft die Menge der gesprächsbereiten Menschen auf, wobei dann ein in der Regel eher kleinerer Anteil dem Gesprächsfaden zu folgen bereit ist. Dies sind diejenigen, die nicht bloß beim Etikett „Esoterik“ verblieben sind, sondern sich bereits eingehender mit dem Wort „Spiritualität“ und dem „Außer-“ oder „Überkörperlichen“ auseinandergesetzt haben.
Dabei kennt doch jede und jeder diese Momente, in denen man glaubt, einen Blick im Rücken zu spüren, oder aber dieses seltsam herannahende Gefühl, wenn eine eindrucksvolle Persönlichkeit den Raum betritt. Wir nennen es „Ausstrahlung“, „Charisma“, „Selbstsicherheit“, „Innere Ruhe“, die von bestimmten Menschen ganz besonders auszugehen scheint. Und auch das kennt man: wenn es nicht nur einem selbst, sondern einer Reihe anderer anwesender Personen mehr oder minder ebenso ergeht, wie einem selbst. Dies ist doch ein klarer Hinweis darauf, dass diese zu spürende Gedankenregung als Urgrund nicht ausschließlich die eigene Phantasie- oder Gedankenwelt hat, sondern dass hier etwas von Außen in uns hereinströmt, das wir empfangen haben.
Gedanken und Gefühle
Nach diesem kleinen einleitenden Absatz möchte ich zunächst zwei Begriffe für mich ausdeuten und dann den dritten Begriff, der Thema dieses Beitrags ist, daneben stellen. Zu oft verwechselt man diese drei und so beginnen wir zunächst mit den ersten beiden.
Im Worte Gedanke steckt das Wort denken und im Wort Gefühl das Wort fühlen. Und so haben wir auch schon die Essenz beider Worte erfasst: Gedanken, also Denken, ist Sache des Kopfes, also der Ratio, der Vernunft, des Gehirns, wenn man so will. Und so ist ein Gedanke erst einmal eine informationelle Bewegung innerhalb unseres Verstandes, unseres Geistes. Fühlen ist Domäne des Körpers. Wir fühlen mit unseren fünf Sinnen die Außenwelt – ich fasse damit also auch die optischen, die akustischen und all die anderen Sinneseindrücke folglich unter diesen Begriff zusammen – und fühlen die innerkörperlichen Vorgänge mehr oder weniger deutlich, wie Herzschlag, Atem, Organaktivitäten und sogar den Blutfluss kann man spüren. Später werde ich noch näher darauf eingehen, was wir noch alles mit unserer Körperwahrnehmung erfühlen können.
So, man könnte sagen, die Begriffe Gefühl und Gedanke stehen einander dichotomisch gegenüber. Da in der Natur aber alles aus wechselseitigen Bezügen besteht, stehen diese beiden Begriffe dennoch in einer gewissen Verbindung zueinander, wenngleich sie Ausdruck der beiden Wesenselemente des Menschen sind: Körper (Gefühl) und Geist (Gedanke).
Meiner Überzeugung nach trennt sich auch an dieser Stelle der Wesensunterschied zwischen Mensch und Maschine und dies ist auch die Wegscheide, an der die K.I. dem Menschen niemals nachfolgen werden kann: Maschinen können nicht fühlen. Auch ein Sensor fühlt nicht, er registriert. Die Entsperrfunktion eines Smartphones fühlt nicht, dass ein Finger darauf liegt, sondern berechnet veränderte Oberflächenspannungen und scannt die Rillen unserer Fingerspitzen. Er scannt, rechnet, gleicht ab und spuckt ein Ergebnis aus.
Es ist noch nicht so lange her, da glaubte der Mensch, Tiere, Pflanzen und Bäume könnten nicht fühlen. Während man auf der Ebene der Künstlichen Intelligenz nach der Formel für das Gefühl sucht, entdecken Biologen und Chemiker immer mehr, wie unglaublich feinfühlig alles organische Leben dieses Planeten ist. Alles, was wirklich lebt, fühlt auch.

EMotion – Energie in Bewegung
Wie funktioniert nun aber die oben angedeutete Wechselwirkung zwischen Gedanke und Gefühl. Die Brücke schließt hier das Bewusstsein. Dem Bewusstsein kann in diesem Beitrag wegen des Umfangs nur bedingt auf den Grund gegangen werden und so rücke ich diesen ach so zentralen Begriff nun eher auf die Seite, wo er zwar nicht hingehört, wir ihm aber für den Moment das Rampenlicht entziehen und es auf den Begriff Emotion richten – man könnte versöhnlich sagen, die Entität, die das Rampenlicht bedient, ist das Bewusstsein selbst.
Der Begriff Emotion stammt aus dem Latein und bedeutet so viel wie bewegen, erregen, erschüttern (Quelle). Was wird nun aber bewegt? Das Gemüt, das Herz, der Kopf, die Gedanken, der Körper? Alles das. Ich habe für mich die Interpretation herausgearbeitet, dass hier Energien in Bewegung gesetzt werden. Warum erscheinen uns logisch hergeleitete Erklärungen oft dröge und farblos? Weil keine Energie aus ihnen hervorströmt. Musik, Bild, Mimik, Gestik und Präsenz sind Elemente, die voller Energie stecken.
Ein guter Vorleser schafft es, mit seiner Stimme Bilder zu zeichnen, während eine staubige Rezitation desselben Textes unsere Gedanken schnell abschweifen lässt, da unsere eigene Energie sich andere Bahnen sucht. Farblose Information aufzunehmen, bedeutet mehr Energieaufwand, als Energiegewinn.
Von welchen Energien spreche ich hier? Tja, es ist schwer in Worte zu fassen, da diese Energie nicht rational erfasst, sondern höchstens intellektuell nachvollzogen werden kann. Auch mit unseren fünf Sinnen kommen wir nicht allzu weit, aber es scheint einen weiteren Sinn zu geben, der auch als „das dritte Auge“ bezeichnet wird. Was sich nach Fantasy oder Voodoo anhört, ist eben jene Fähigkeit, diese Energien zunächst im eigenen Körper selbst, aber dann auch außerhalb des eigenen Körpers wahrzunehmen. Es ist eine Wahrnehmung, die wir alle haben und kennen, sie aber mit Worten wie „Bauchgefühl“, „weibliche Intuition“, „Hausverstand“ oder „Menschenkenntnis“ umschreiben und damit verschleiern. Es ist ein „Übersinn“. Er geht über unsere 5 Sinne hinaus.
Ich will nicht leugnen, dass die Begriffe „Intuition“, „Bauchgefühl“ oder „Erfahrung“ irgendwie passend erscheinen, doch sie kreisen eigentlich nur um den Wesenskern dessen, dem ich in diesem Beitrag auf die Spur zu kommen versuche. Es ist ebendiese Ebene der Wahrnehmung, die keiner der beiden oben definierten Wesensbereichen – Körper und Geist – alleinig angehören. Es ist das Relais, die Verbindung, der Kanal, der Tunnel, die Brücke zwischen diesen Wesensbereichen, die in beide Richtungen überschritten werden kann. Und wer schreitet da auf unsichtbarem Fuße in Überlichtgeschwindigkeit hin und her? Energie.
cogito ergo sum
Die Suche nach dem Wesen des Menschen und damit dem Wesen der Natur, ja des Lebens selbst, ist das letztendliche Ziel der Philosophie. Als die Philosophie aus unserer Sicht entstand, also im Antiken Griechenland, waren die beiden Ebenen Körper und Geist, oder Seele und Materie, in großen Gedanken immer ineinander verwoben. In dieser Zeit sind Leistungen vollbracht worden, die aus heutiger Sicht noch erstaunlich sind, und das ganz ohne all die Hilfsmittel, die wir heute haben. Heute glauben ein paar, die Erde sei flach und im Antiken Griechenland war es der Grieche Erastothenes, der alleinig durch Beobachtung der Natur den Umfang der Erdkugel nahezu exakt genau berechnete.
„Eratosthenes berechnete anhand der Schattenbildung und der Entfernung der beiden Orte den Umfang der Erdkugel. Aus der Entfernung zwischen Assuan und Alexandria und dem Einfallswinkel der Sonne kam er auf einen Erdumfang von knapp 40.000 Kilometern. Eine Zahl, die dem tatsächlichen Erdumfang von gut 40.077 Kilometern bereits erstaunlich nahe kommt.“
(Quelle)
Jetzt kann man einwenden, dass er ja nur unter der Prämisse, die Erde sei tatsächlich eine Kugel, auf diese Zahl kam. Er wollte also nicht beweisen, DASS die Erde eine Kugel ist, sondern wie groß sie ist – nun gut. Gleichzeitig wurden Theorien zum Aufbau des Lebens selbst entwickelt, bei dem die Philosophen auf der Suche nach dem Baustein alles Existierenden waren. Dabei vermuteten sie abwechselnd das Wasser, das Feuer, die Luft oder den Äther oder alle in Wechselwirkung miteinander als kleinste Bausteine, aus denen sich alles zusammensetzt. Hierbei haben sie sich etwas vertan. Was ich damit zum Ausdruck bringen möchte, ist, wie damals keine trennscharfe Linie zwischen „Esoterischem“ oder „Spirituellem“ und „Materiellem“ oder „Irdischem“ gezogen wurde. Die Menschen der Antike waren offensichtlich noch sehr mit den Wechselwirkungen der spirituellen und materiellen Ebenen verbunden und suchten Konzepte für das „Nicht-Greifbare“ dazwischen.
Schließlich schieden sich dann doch irgendwann die Geister und so erwuchsen aus der platonischen Ideenlehre die heutigen Religionen und aus dem aristotelischem Atomismus die heutigen klassischen Naturwissenschaften. Wenngleich diese beiden Richtungen mehr und mehr wieder zueinanderfinden, scheint es dennoch eine unsichtbare Brandmauer zwischen ihnen zu geben.
Die beiden „Lager“ brachten dann verschiedene Extremformen von Weltansichten hervor, wie beispielsweise beim französischen Vordenker und Philosophen Rene Descartes, der im 16. Jahrhundert lebte und wirkte. Er prägte den Ausspruch cogito ergo sum – ich denke, also bin ich. Daraus spricht eine völlige Verneinung von einer Existenz außerhalb der eigenen geistigen Regungen. Zugleich erklärte er damit auch, dass beispielsweise alleinig die Idee über die Existenz eines Gottes, also der reine Gedanke an Gott, einen Beweis für seine übernatürliche Existenz darstellt. Das Denken ist hier also mit einem Schaffungsprozess gleichgestellt. Eine gegenteilige Form der Ansicht ist beispielsweise der Positivismus, der nicht viel auf reine gedankliche Bewegungen gibt, sondern alleinig das sinnlich Erfahrbare als Wahrheit ansieht. Somit sind theosophische Bemühungen á la Descartes für Positivisten reine Zeitverschwendung, weil man Gott schließlich weder riechen, fühlen, hören, sehen, noch schmecken kann.
Ein weiteres Beispiel ist Kant, dessen philosophisches Gedankengebäude von Materialisten bis heute als Beendigung der Gottesfrage gefeiert wird, was meinem Verständnis nach viel zu kurz gedacht ist. Kants Idee war es unter anderem nämlich, dass es Dinge gibt, die wir als Mensch erfahren, erfassen und begreifen und vielleicht damit sogar beweisen können, und dass es Dinge gibt, die außerhalb unserer Erfahrungsmöglichkeiten liegen.
Damit hat er den verzweifelten theosophischen Versuchen, einen Gottesbeweis auf logischem Wege zu erbringen, ein Ende gesetzt. Damit hat er jedoch nicht eine mögliche Existenz Gottes verneint. Er hat lediglich verneint, dass man ihn mit den Mitteln der Logik und des menschlichen Verstandes beweisen könne – was eben genau die heilige Mission der Theosophen seiner Zeit war. Was er dabei jedoch vergaß: es gibt eben auch diese dritte Ebene, die weder als rein geistig noch als rein körperlich angesehen werden kann. Diese dritte Ebene würde Kant deshalb zusammen mit „Gott“ in den Bereich der „Noumena“ verbannen und sie als unerkennbar und damit als unbeweisbar brandmarken.
Bottom-up vs. Top-down
Was ist „Realität“? Was ist zuerst, der Gedanke, der eine Welt denkt, oder die Welt, die Anlass zu Gedanken gibt?
„Im Anfang war das Wort, / und das Wort war bei Gott, / und das Wort war Gott.
Im Anfang war es bei Gott.
Alles ist durch das Wort geworden / und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
In ihm war das Leben / und das Leben war das Licht der Menschen.“
Johannes 1, 1-4 (Quelle)
Das Johannes-Evangelium stellt „das Wort“ an den Anfang, anders Ovid in seinen Metamorphosen:
„Bevor es Meer und Landmassen und den Himmel, welcher alles bedeckt, gab, bot der ganze Weltkreis ein einziges Antlitz der Natur, welches man Chaos nennt – eine ungeordnete, gestaltlose Masse – nichts als regungslose Schwere, widerstrebende Grundstoffe kaum mit ihr verbundener Dinge.“
Ovid, Metamorphosen 1 (Quelle)
Es stehen sich zwei Entwürfe des Anfangs hier diametral gegenüber. War es ein gestaltloses Wort, was formte oder war es eine formlose Gestalt, die geformt wurde? Auf den Moment im Alltag heruntergebrochen spricht man heute von Top-down oder Bottom-Up-Prozessen. Sie beschreiben die Wechselwirkungen zwischen den beiden Ebenen Körper und Geist. Die Begriffe Top-down und Bottom-up meinen dabei die Richtungen, in der eine Wirkungskette gedacht wird. Beispielsweise ist die Bewegung unseres rechten Zeigefingers in unser rechtes Nasenloch ein Top-down-Prozess, da wir zunächst den Gedanken fassen, unseren Finger in unser Riechorgan einzuführen und schließlich die Bewegung vollziehen. Die Befehlskette geht von der Schaltzentrale „Gehirn“ (top) zum „Finger“ (down) runter. Hingegen handelt es sich um einen Bottom-up-Prozess, wenn wir uns beispielsweise beim ungeschickten Gehen das Schienbein anstoßen (bottom) und unser Nervengewebe über unser Rückenmark mit unserem Hirn (up) kommuniziert und wir folglich „Schmerz“ empfinden.
Im Anfang war also einmal ein gestaltloses Wort, was eine Handlung formte (Finger in Nase) und einmal die formlose Empfindung, dem eine Form zugeschrieben wurde (Schienbein stoßen -> Schmerz). Beides ist also wahr. Was nun aber ermöglicht beide Richtungen? Es muss ein Netzwerk, einen Boten oder ein Aktivierungsimpuls existieren, der nicht nur eine unidirektionale sondern eine vice versa Bewegungsrichtung ermöglicht.
Ein Naturwissenschaftler würde schlicht sagen: „Ja, so präzise funktioniert das menschliche Nervensystem und die neurophysiologische Verknüpfung zwischen Hirn und Extremitäten. Der Mensch ist wahrlich eine erstaunlich komplexes Wesen.“ Mein erster Gedanke dazu wäre: „Ja, stimmt!“ Mein zweiter Gedanke wäre aber: „Sind wir wirklich nicht mehr als ein gehfähiges Gehirn, das seinen Körper bewegen und Reize verspüren kann? Was unterscheidet uns dann noch von den modernsten K.I-gesteuerten humanoiden Robotern? Und was unterscheidet dann noch die menschliche von der künstlichen Intelligenz?
Es ist ebenjene formlose Energie, die in uns, um uns und durch uns strömt und webt, die erschafft, erhält, formt und lebt, die weder strebt noch bebt, sondern hebt und sät. Sie ist immerdar, ungreifbar und unerreichbar, denn sie ist bereits da!
Sein-Werdung
Emotionen, darum geht es in diesem Beitrag. Wir benutzen diesen Begriff und ordnen ihn gemeinhin dem Bereich der Psychologie zu. Es sind diese Gedanken, die sich nicht alleinig um Logik drehen, sondern etwas in uns auslösen. Wir weinen, es schüttelt uns, wir fühlen uns kraftlos, wir können nicht mehr klar denken. Oder aber wir lachen und tanzen, wir springen und hüpfen, wir jubeln und schreien. Emotionen sind offensichtlich Gedanken, die unterschiedliche Qualitäten haben. Qualitäten, die in unserem Körper auf verschiedene Weise wirken. Wir fühlen uns leicht oder schwer, wir fühlen uns stark oder schwach, wir fühlen uns krank oder gesund. Diese Zustände können in emotionalen Ausnahmesituationen oft rasend schnell wechseln, und das, obwohl wir uns vielleicht gar nicht bewegt haben, obwohl sich im Außen vielleicht gar nichts geändert hat.
Kann man einfach denken, dass man jetzt weint? Oder kann man sich einen Freudenschrei erzwingen? Kann man Verzweiflung oder einen Wutausbruch planen? Selbstredend kommt einem an dieser Stelle die Mimenkunst der Schauspieler in den Sinn. Sie zeigen offenbar Emotionen auf Knopfdruck. Dennoch erkennt jeder junge Erwachsene den Unterschied zwischen gespielten Emotionen von Laiendarstellern, großer Schauspielkunst und wirklich echten Emotionen. Große Schauspieler bereiten sich mental teilweise wochenlang auf Rollen vor und „verkörpern“ diese Rollen schließlich. Das heißt, sie erschaffen über die Zeit ein weiteres mentales Selbstbild, mit dem sie sich identifizieren und mit diesem neuen Selbstbild können auch nahezu täuschend echte Emotionen erlebt und ausgelebt werden.
Wahrhafte Schauspielgrößen zeigen uns also, dass wir mit genügend Zeit eine Rolle annehmen und verkörpern können, mit der wir sogar Emotionen und Charaktereigenschaften heraufbeschwören können. Es beginnt also alles mit der Identifikation. Und Identifikation ist ein rein mentaler Prozess, der in Rückkopplungseffekten mit unseren dadurch gemachten Erfahrungen weitere Bausteine zu diesem Identifikationsgebilde hinzufügt, mit dem wir wiederum neue Erfahrungen machen, die sich für uns immer neu darstellen, weil diese neuen Erfahrungen wiederum eben jenes Identifikationsgebilde anreichern, das die Wahrnehmungsgrundlage jeder weiteren Erfahrung bildet. Und so entsteht das, was wir unser „Ich“ nennen. Das, was wir meinen, wenn wir „Ich“ sagen, ist also die erste und älteste Rolle, die wir spielen.
Die „Sein-Werdung“ ist ein fortwährender Prozess der Erweiterung des Identifikationsgebildes durch die Identifikation mit dem, durch das wir alle Erfahrungen machen. Die Katze beißt sich gewissermaßen in den Schwanz und tanzt in einer Kreiselbewegung die Treppe hoch. Nach Schrödingers Katze muss der flauschige Vierbeiner jetzt also für eine weitere seltsame Metapher herhalten. Jede Treppenstufe stellt dabei einen Schritt unserer Charakterentwicklung dar. Eine Treppe wird dabei aber auch nicht immer nur nach oben bestiegen und kann sich auch mal gleich einer Kreuzung teilen und so verschiedene Entwicklungsrichtungen ermöglichen. Wir können die Katze auch als Katze entlarven und Schritt für Schritt die Identifikation mit diesem sich um sich selbst drehenden Vierbeiners auflösen. Wir erkennen, dass „Sein-Werdung“ kein passiver Prozess ist, der schicksalhaft in Stein gemeißelt ist. Wie können wir das? Indem den Fokus auflösen und den Blick erweitern.
Energien in Bewegung bringen – Emotionen überwinden
In den letzten Monaten habe ich mich intensiv mit verschiedenen Atemtechniken auseinandergesetzt. Dabei habe ich für diesen Beitrag sehr viel Forschungen an meinem eigenen Selbst durchgeführt und viel Theorie in der Praxis verkörpert. Die Reflexion dieser Praxis spiegelt sich in diesem Beitrag wieder.
Ich übe mich mehrmals pro Tag, und das fast täglich, in der Atemmeditation. Dem Atem habe ich schon einen gesonderten Beitrag gewidmet. Auch die Arbeit von Joe Dispenza habe ich an anderer Stelle schon mehrfach vorgestellt. Sowohl im vedantischen Yoga, als auch in modernen Methoden, wie der Wim-Hof-Methode oder dem Holotropen Atmen spielt der Atem eine zentrale Rolle. Bleibt die Atmung aus, so gerät der Körper in kürzester Zeit aus der Balance. Haben wir aber zuvor in kurzer Zeit intensiv geatmet, verändern wir die biochemische Zusammensetzung unseres Körpers und bringen zugleich eine große Menge Energie in den Körper, die eingelagerte und „verstopfte“ Energie freisetzen kann.
Setzen wir im Anschluss die Atmung aus, unterbrechen wir für den Moment den Energieimpuls, kommt die zuvor „verstopfte“ Energie in Bewegung und wir fühlen unterschiedlichste Gefühlsregungen, obwohl wir einfach nur still sitzen und einige kräftige Atemzüge genommen haben. Tun wir dieses sehr intensiv und regelmäßig, dann tragen wir Schicht für Schicht eingelagerte Energie ab, die sich löst und in Bewegung gerät. Man kann es sich vorstellen, wie ein altes verkalktes Rohr. Irgendwann beginnt man, den Wasserfluss immer wieder zu unterbrechen, um mal kräftig mit dem Dampfstrahler draufzuhalten. Fließt das Wasser wieder, bilden sich wieder Verkalkungen.
Je verkalkter das Rohr, desto länger und häufiger wird eine Reinigung nötig sein. Auf Schicht folgt Schicht. Und so kann es sein, dass aus dem Nichts Emotionen spürbar werden, die völlig losgelöst vom aktuellen Moment plötzlich spürbar werden. Wie kann das sein? Gehen wir an die Grenzen und darüber hinaus, dann setzen Gedanken aus. Wir befinden uns an einem sicheren Ort, tauchen tief mit dem Atem in den Moment ein und dort erwarten uns Emotionen? Jede und jeder, der oder die sich eingehender dieser Praxis gewidmet hat, wird wissen, was ich meine. Es sind eben jene Energien, die in Bewegungen geraten. Energie in Bewegung werden für uns als EMotionen spürbar.
Diese Emotionen können Assoziationen mit früheren Erlebnissen hervorrufen, oder aber für uns im Moment völlig „grundlos“ hervortreten. Wie diese Unterschiede zustandekommen, das wird vielleicht ein zukünftiger Beitrag näher beleuchten. Durchleben wir aber die Emotion, drücken sie aus und durchspüren sie, so sind diese Energien im Anschluss frei und können wieder in formlose Energie entlassen werden – wir haben sie überwunden. Haben wir Emotionen überwunden, sind sie nicht länger Teil unseres Körper-Geist-Systems und beherrschen folglich nicht länger unser Fühlen und unser Denken, sie sind nicht länger Teil des oben beschriebenen Identifikationsgebildes.
Resümee
Im gewohnten „Alles und Nichts“ habe ich einen weiten Bogen um den Begriff EMotion gezogen und bin schließlich an der Überwindung derselben angelangt. Eine Zusammenschau des hier Zusammengetragenen zum Abschluss: Wir sprechen von Gedanken und Gefühlen. Dabei wird der Begriff „Emotion“ oft mit dem Begriff „Gefühl“ gleichgesetzt. Ich habe hier aufgezeigt, dass Gedanken und Gefühle wie zwei Ufer sind, die durch eine Brücke verbunden werden. Und auf dieser Brücke bewegen sich Energien hin und her. Das Gesamtspiel des Hin und Her auf dieser Brücke bezeichne ich als „Emotion“ und trenne diesen Begriff vom Begriffspaar Gefühl und Gedanke.
Anschließend habe ich einen philosophischen Exkurs über die Beziehung zwischen Gefühl und Gedanke beziehungsweise Körper und Geist gegeben, der dargestellt hat, wie es Fürsprecher für die Dominanz oder sogar Ausschließlichkeit des einen und Unterordnung des anderen zu allen Zeiten gab und gibt. Danach erfolgte der Sprung in die Moderne, die die Wechselwirkung beider Sphären erkannt hat, aber das Dazwischen immer noch nicht begreifen möchte. Schließlich habe ich anhand von einfachen Alltagsbeobachtungen aufgezeigt, dass man dieses Dazwischen doch eigentlich am eigenen Leib tagtäglich spüren kann – und wie dieses Gesamtspiel zugleich unsere Persönlichkeit formt. Wir sind jedoch in diesem Spiel gefangen und können das Gesamtbild darum nicht erkennen.
Und so habe ich die Atemmeditation als einen möglichen Weg angeführt, das Gesamtspiel sichtbar werden zu lassen, bevor wir wieder darin eintauchen. Wenn wir uns aber immer wieder das Gesamtspiel vor Augen führen und Altlasten aus unserem System ausräumen, verschwinden negative Eigenschaften unserer Persönlichkeit, die jede und jeder in sich birgt, ganz von selbst. Wir lassen von negativen Energien und füllen uns mit frischer und lebendiger Energie, die ihrer Natur nach positiv und heilvoll ist. Und das ganz ohne jeden Glaube und jede Religion. Weder müssen wir dafür eine neue annehmen, noch die eigene Religion verleugnen oder ablegen.
Wir entlassen Negativität und handeln somit ganzheitlich präventiv, indem wir bewussten uns unterbewussten Stress loslassen, der so oft der Grund für Krankheiten auf allen Ebenen ist. Nicht nur Stress wird reduziert, wir kanalisieren Energie, die durch Erfahrungen in unserem Körper wirken und als Zorn, Trauer, Wut, Ungeduld, Neid oder Hass in Erscheinung treten. Aus Unwissenheit sehen wir dann den jeweiligen Moment als Grund für ebenjene Emotion. Das ist jedoch lediglich der Auslöser, nicht der Urgrund. Und so arbeiten wir beispielsweise mit Atemmeditation am Urgrund dieser Emotionen, ohne uns konkret mit einzelnen Erfahrungen auseinandersetzen zu müssen. Im Gegenteil, wir isolieren uns für den Moment von jeder äußerlichen Erfahrung und bringen die Innenwelt in die Erfahrung, um das innerliche Chaos zu sichten und zu entknoten.
Arbeit an uns selbst ist Arbeit am gesellschaftlichen Frieden. Fördern wir Frieden in uns selbst, fördern wir ihn auch für die Gesamtgesellschaft.Lasst uns jetzt gemeinsam atmen!
von Marco Lo Voi
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