Gedanken zu: Die D-Gegeneration – Der traurige Marsch zurück in Platons Höhle

Der Weg ist das Ziel

Als Sprachlehrer für Deutsch erwerbe ich jeden Tag neue Einsichten darüber, wie ich durchaus vielschichtige Sachverhalte zu solch einem abstrakten Thema wie Sprache möglichst prägnant und anschaulich darlege. Gleichzeitig sehe mich aber zunehmend mit der Hürde konfrontiert, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eher dazu neigen, ihre Nase über Google-Translator zu halten, anstatt mich als Lehrkraft zu fragen oder meinen Ausführungen zu lauschen.

Zwar habe ich noch keine systematische Studie dazu durchgeführt, aber mein subjektives Empfinden und meine bisherige Erfahrung in diesem Feld zeigen mir: Alter, Herkunft, Herkunftssprache, Geschlecht oder sonstige äußere Merkmale oder Bedingungen haben natürlich einen Einfluss auf den Lernerfolg beim Spracherwerb, aber keiner wiegt meines Erachtens so schwer wie die Nutzung von technischen Endgeräten, wie Smartphones, Laptops und Tablets. Diejenigen Teilnehmer, die es aushalten, dem Unterricht zu folgen, auch wenn sie nicht immer alles sofort verstehen, haben einen unvergleichlich schnelleren Lernfortschritt, als diejenigen, die sofort ihr Übersetzungstool bemühen, sobald ein vollständiger Satz an der Tafel erscheint.

Darüber hinaus arbeite ich sehr repetitiv und nutze oft immer die gleichen Wörter und die gleichen Situationen, stelle die gleichen Fragen und versuche, Routinen im Unterricht zu implementieren. Diejenigen, die von Anfang an die Sätze in ihr Smartphone hackten, tun dies nach dem zehnten Mal immer noch, weil sich nichts verankert. Sie verstehen für den Moment, doch der Lernprozess bleibt aus. Nirgends erscheint mir der abgedroschene Spruch „der Weg ist das Ziel“ passender, als in meinem Ansatz des Sprachunterrichts. Was will uns der Spruch eigentlich sagen? Meiner Meinung bedeutet er, dass das, was wir als unser Ziel, bzw. als unser Ergebnis oder Produkt definieren, keinerlei Wert und Inhalt hat, wenn wir den Weg nicht bis zum Ende selbstständig gegangen sind. Wenn wir immer nur an das Ziel denken, das Produkt fokussieren, dann werden wir denselben Weg immer wieder gehen müssen, um zum selben Ziel zu gelangen.

Sind wir den Weg aber einmal von Anfang bis Ende gegangen, haben wir den Weg folglich verinnerlicht, dann ist das Ziel völlig egal, da wir es ohnehin erreichen. Wir erreichen das Ziel sogar immer müheloser, je sicherer wir auf dem Wege wandeln. Was bedeutet das für unser Leben konkret?

Die Degeneration des Prozessdenkens

Leute lieben Unterhaltung und Spiel. Darum funktionieren Sprach-Lern-Apps wie Duolingo so gut. Nicht, weil wir dadurch wirklich eine Sprache lernen, sondern weil wir immer und immer wieder die App benutzen. Die Hersteller eines Produkts sind in der Regel erst dann gute Geschäftsleute, wenn du das Produkt immer wieder nutzen musst oder möchtest. Ist der Kunde sofort gesättigt, brauchst du einen neuen Kunden, dem du dasselbe Produkt verkaufst. Kunden gibt es aber nicht endlos. Das nennt man dann Marktsättigung. Mein Sprachkurs dient jedoch dem Ziel, dass die Leute, so schnell es geht, nicht mehr an meinem Kurs teilnehmen müssen, weil sie sich das Handwerkzeug erarbeitet haben, eigenständig ihren Spracherwerb voranzutreiben.

Das ist ein wesentlicher Unterschied. Natürlich arbeite ich mit Humor, Energie und praktischen Beispielen, aber in erster Linie geht es darum, die Teilnehmer zum korrekten Formulieren deutscher Sätze zu ermächtigen. Ein einfacher, selbständig formulierter Satz, auch wenn er nicht fehlerfrei ist, ist meiner Meinung so viel mehr Wert, als ein mittels Übersetzer erstellter Plastiksatz, den ich in 99% der Fälle sofort als einen solchen entlarve, weil ich schließlich haargenau weiß, an welchem Punkt des Spracherwerbs meine Teilnehmer stehen.

Seit ungefähr knapp zwei Monaten habe ich drei parallele Sprachkurse begonnen, die allesamt völlige Deutsch-Anfängerinnen sind – das heißt Sprachniveau A0 auf dem Weg zum Niveau A1. Daneben habe ich einen Kurs übernommen, der bereits auf halbem Weg Richtung A1 ist und bald theoretisch schon am Ende von A1 angelangt sein soll. Wie bei Menschen üblich, sind die Teilnehmerinnen – es handelt sich wirklich fast ausschließlich um Frauen, bis auf zwei Ausnahmen – unglaublich unterschiedlich, sowohl von ihrer Herkunft als auch von ihrem Alter.

Darum habe ich die Kurse so organisiert, dass die Teilnehmerinnen, so gut es geht, nach ihrem potentiellen Lerntempo in gleichen Gruppen organisiert sind. Doch bereits nach wenigen Wochen zeigt sich deutlich: die Gruppe, die bereits mit A1 einen Vorsprung hatte und täglich Kurs hat, sollte eigentlich die Inhalte schneller auffassen als alle anderen Gruppen. Aber gleichzeitig ist diese Gruppe am uneinsichtigsten, wenn es um die Nutzung von Smartphones im Unterricht geht. Daneben gibt es einzelne Teilnehmerinnen, die bereits ein erhöhtes (40+) bis sehr hohes (70+) Alter für Spracherwerb haben, aber kaum bis gar nicht ihr Smartphone benutzen und darum mit Riesenschritten die fortgeschrittene Gruppe aufholen.

Warum nur sind die Leute so uneinsichtig, wenn es um die Nutzung von technischen Hilfsmitteln geht? Meiner Meinung nach sind es drei wesentliche Faktoren, die hier ausschlaggebend sind:

  1. Der Fokus auf das Ergebnis: Sie identifizieren die richtige Antwort bzw. das momentane Verstehen oder die vermeintlich fehlerfreie Sprachproduktion mit einem Lernerfolg und missverstehen dabei, dass der Weg das Ziel ist.
  2. Die Angst vor Fehlern und die Gefallsucht: Teilnehmer kommunizieren mit mir teilweise auch über Whatsapp direkt und kommunizieren dabei mittels Übersetzungstool generierter aufwendiger Satzstrukturen, um mitzuteilen, dass sie nicht erscheinen können. Dies tun sie, obwohl sie bereits in der Lage sein sollten, dies in einfacher Sprache selbständig mitzuteilen. Oder sie wollen all die kreativen Gedanken und wichtigen Ideen unbedingt loswerden, können sie aber nur sehr plump oder unzureichend darstellen, weshalb sie mir dann fertig übersetzte Sätze mit schönen Geschichten präsentieren, die nichts oder wenig mit dem aktuellen Arbeitsauftrag zu tun haben.
  3. Die degenerierte Fähigkeit, prozesshaft zu denken: Ich präsentiere im Unterricht täglich mittels Farben, Bildern, mimischen Darstellungen und mit den Objekten der unmittelbaren Umgebung immer wieder dieselben Strukturen der Sprache, die mit Wortmaterial befüllt werden müssen. Diese Strukturen muss man zunächst verstehen und dann immer wieder anwenden. Das Wortmaterial liefere ich dabei nach Bedarf oder kann durchaus mittels digitaler oder echter Wörterbücher recherchiert werden. Natürlich sollte man vor allem die Wörter der unmittelbaren Umgebung ohne Beihilfe repetieren. Dies aber erfordert, dass man sich traut, Fehler zu machen und durch das Korrektiv des Lehrers die richtige Form von den falschen Möglichkeiten gedanklich zu trennen.

Ein weiteres Beispiel – Warum Lesen immer mehr Leuten schwerfällt

Lesen galt schon zu meiner Zeit, als die ersten Mobiltelefone gerade marktreif wurden, als ein Zeitvertreib für eher vergeistigte und träumerische Menschen. Ich habe als Kind und junger Erwachsener unglaublich viel gelesen. Heute, im Zeitalter von Tiktok, Youtube und Netflix, ist Lesen wirklich zu einem Randphänomen geworden. Letztens hat mich ein ältere Dame im Zug völlig euphorisch angesprochen und mir mit strahlendem Gesicht gesagt, wie schön sie es fände, mal einen Menschen mit einem Buch statt einem Handy in der Hand zu sehen. Und es ist wahr. Vor allem die jungen Menschen laufen teilweise auf offener Straße mit gesenktem Kopf in ihren Handys vertieft früh morgens zum Bahnsteig, warten in ihr Handy sehend auf den Zug, in den sie sich auf ihr Handy glotzend hineinbegeben. Ich kann dabei wirklich erschreckend ungeniert die Leute beobachten, da keiner sich mehr umschaut und ich zu einem Zuschauer in einer Geisterbahn „Realität“ werde, in der der Rest fast ausnahmslos in anderen Welten umherdriftet.

Ich klinge schon wie ein alter weißer Mann, wenn ich mich denken höre: „Lesen ist wirklich wichtig.“ Aber ist das tatsächlich so? Manche entgegnen mir, dass man ja nicht zu lesen brauche, da es ja Podcasts und Hörbücher gäbe, bei denen man sogar noch die Hände frei habe, um etwas anderes nebenher tun zu können. Das sei doch viel besser. Man nähme Inhalte auf und könne dabei noch praktische Dinge tun. Zugegeben, auch ich habe meine Lieblingsaudioformate. Aber dennoch passiert beim Lesen viel mehr. Die geistigen Bewegungen, die für das Lesen notwendig sind, sind sehr vielschichtig, was es für immer mehr Menschen so anstrengend macht. Was passiert also vereinfacht ausgedrückt:

  1. Die Augen registrieren in der Regel schwarze Symbolketten auf weißem Grund.
  2. Diese Symbolketten haben in ihrer Reihenfolge (Syntax) eine Funktion und/oder eine Bedeutung. Diese Funktions- und Bedeutungszuweisung muss durch gedankliche Dekodierung erfolgen (Aus Schrift wird Gedanke).
  3. Dabei rufen wir aus unserem Gedächtnis Strukturen ab, die über Training (viel Lesen) dort tiefer oder weniger tief verankert sind. Unbekannte Wörter müssen zudem innerlich wiedergegeben werden, um ihre verschlüsselten Teilinformationen zusammenzusetzen oder systematisch aus dem Kontext herzuleiten.
  4. Die dekodierte Information muss innerlich in einer Feedbackschleife (Ultrakurzzeit- und Kurzzeitgedächtnis) beibehalten werden, bis alle notwendigen Teilinformationen beisammen sind, um einen komplexe Gedanken oder ein Bild zu erschaffen.
  5. All diese Gedankenbewegungen erfordern mit unterschiedlichem Sprachniveau und oder -Erfahrung mehr oder weniger Hirnaktivität. Diese Aktivität erfordert Energie. Das Vermögen, länger oder kürzer zu lesen, hängt also direkt von der Erfahrung und der vorhandenen Energiemenge der Leserin oder des Lesers ab.

Wenn wir einfach „nur hören“, entfällt Schritt 1 gänzlich. Schritt 2 wird stark vereinfacht, da gesprochene Sprache bereits bestimmte Informationen und sogar Interpretationen enthält, die beim Lesen vom Leser selbst hergestellt werden müssen. Damit ist folglich auch Schritt 3 erleichtert. Beim Ansehen von Videos, die dann oft noch nicht einmal gesprochene Sprache beinhalten, ist die ganze Prozesskette nochmals wesentlich verschlankt. Und so werden die Informationshappen immer vorgekauter serviert, bis der Brei auch gänzlich ohne Zähne durch einen Strohalm gesaugt werden kann.

Die sinkende Bereitschaft zu lesen mag sich natürlich zum Teil aus der fehlenden Notwendigkeit heraus ergeben. Aber immer häufiger wird die fehlende Fähigkeit über einen weiteren Akt kognitiver Dissonanz als fehlende Notwendigkeit deklariert. Dies führt zwangsläufig zu einer Abwärtsspirale, bei der die Schlange sich in den Schwanz zu beißen scheint, dabei aber trotzdem die Treppe herunterpurzelt.

Wieder zurück in Platons Höhle

Erst kürzlich habe ich mal wieder den schönen Pixar-Film „Wall-E“ mal wieder angesehen. Dieser Film handel von einem kleinen Roboter, der einziger noch funktionierender Aufräumroboter auf der Erde noch seiner einprogrammierten Aufgabe nachgeht, die vollständig vermüllte und zerstörte Erde vom Dreck und Unrat der Menschen aufzuräumen, während die Spezies Mensch in einer kosmischen Arche irgendwo im Universum herumfliegt und wie in einer nie-endenden Kreuzfahrt auf einem Luxusdampfer lebt, der vollständig von automatisierten Robotern verwaltet wird.

Die Menschen haben wie im ewigen All-Inclusive-Urlaub keinerlei Aufgaben mehr, außer zu konsumieren und vor sich hin zu vegetieren. Sie sind zu fast vollständig bewegungsunfähigen dicken Würmern in Jogginganzügen verkommen, die in schwebenden Rollstühlen nur noch über Bildschirme mit den Menschen ihrer Umwelt kommunizieren, ohne sich direkt anzusehen und ohne mehr als nur die Arme zu bewegen, während Roboter von morgens bis abends alle Dinge für sie perfekt organisieren.

Nun glaube ich zwar nicht an die großen Plänes eines Elon Musks, der von einer neuen Heimat auf dem Mars träumt. Auch glaube ich nicht, dass die Natur sich so vom Menschen vergewaltigen lässt, dass wir ein Szenario auf dem blauen Planeten erleben werden, wie es dieser Film zeigt. Das Verhalten, das die Menschen im Film aber an den Tag legen, mutete mir jedoch schon sehr an das an, was ich in der Realität bereits erlebe:

Wenn ich wie jeden Tag in der Bahn sitze, herrscht meistens geisterhafte Stille, weil die Mehrheit der Personen in ihrem Smartphone versunken ist. Dazwischen gibt es vereinzelt noch Grundschulkinder, die auf den Gänge herumrennen und noch nicht einmal ermahnt werden, weil die übrigen Fahrgäste ausreichend abgelenkt sind. Diese Kinder rennen herum und sprechen miteinander, weil sie noch kein eigenes Smartphone besitzen, warten aber nur darauf, endlich eines zu bekommen, wie ich aus ihren Gesprächen herausgehört habe. Viele Menschen fahren inzwischen mit E-Bikes oder direkt mit E-Rollern in der Gegend herum. Sie verlassen das Haus, steigen auf ihren Roller, sie rollen in den Zug, steigen aus und steigen auf, bis sie am Ziel angekommen sind, wo sie vermutlich sitzen. Noch sind die meisten Leute in unserer Gegend relativ schlank und bei weitem noch nicht so aufgedunsen wie im Film „Wall-E“. Schauen wir aber über den großen Teich in die USA, sieht es gänzlich anders aus.

Was erschreckend ähnlich ist, ist die reduzierte Achtsamkeit auf die unmittelbare Umgebung. Es besteht offensichtlich kaum mehr ein Interesse an der Realität, die die Menschen direkt umgibt. Stattdessen sind in digitale Welten versunken und kommunizieren mit Menschen, die gerade nicht anwesend sind, anstatt mit denjenigen in den Austausch zu gehen, die ihnen gegenübersitzen. Dies wird bei Wall-E auch herrlich dargestellt. Diese Entwicklung sehe ich wirklich sehr kritisch, zumal die VR-Brillen kurz davor stehen, soweit marktreif zu sein, dass sie bald schon das Straßenbild verändern werden. Ein anderes Thema ist natürlich die zunehmende Denkfaulheit, die sich durch die breitere Nutzung von K.I.-Technologie weiter ausbreiten wird.

Wenn schon Lesen immer anstrengender wird, dann wird auch bald das Denken selbst zur sportlichen Aktivität, die immer smarter vermieden werden wird. Meiner Meinung nach werden diejenigen, die sich so lang als möglich die kognitiven Fähigkeiten wie Lesen, sich selbständig Bewegen und selbständig Denken bewahren, da sie sich mit der Technik kritisch auseinandersetzen, recht schnell die neue Elite der D-Generation bilden. Sie werden diejenigen sein, die in Platons Höhle hineinspazieren, den vor der Höhlenwand kauernden Mitmenschen von der „echten Welt“ erzählen werden, fragende Blicke ernten werden, um dann wieder allein hinauszuschlendern. Es werden sich dabei leider immer mehr Leute in der Höhle zu den übrigen Geistern setzen, während sich die Zahl derer, die sich wieder unter das Sonnenlicht und den feuchtkalten Regen wagen, weiter abnehmen wird. Hoffentlich täusche ich mich da.

von Marco Lo Voi

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